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Fahrtechnisch liegt die Eva EsseEsse9 deutlich vor ihrer Vorgängerin.
Fahrtechnisch liegt die Eva EsseEsse9 deutlich vor ihrer Vorgängerin.
Montag, 16. April 2018

Besser, aber nicht weiter: Eva EsseEsse9 - E-Bike aus Italien

Das italienische Startup-Unternehmen Energica Motor Company ergänzt seine Modellpalette mit dem vollelektrischen Einstiegsmodell Eva EsseEsse9. Ja, der Name ist komisch, aber das Bike überragt die Vorgängerin um Längen, nur in der Reichweite nicht.

Die neue Fahrzeugfront der Eva EsseEsse9 wirkt jetzt wesentlich zugänglicher.
Die neue Fahrzeugfront der Eva EsseEsse9 wirkt jetzt wesentlich zugänglicher.

Die italienische Staatsstraße 9 führt über 350 Kilometer von Rimini an der Adria nach Mailand. Fast schnurgerade durchschneidet die historische Via Emilia die ausgedehnte Ebene des Flusses Po. Ungefähr auf halber Distanz befindet sich die Stadt Modena, unter Gourmets bekannt für den von hier kommenden Balsamico-Essig. Automobil-Fans denken eher an die in unmittelbarer Nachbarschaft beheimatete Marke Ferrari; Lamborghini ist ebenfalls gerade mal 20 Kilometer entfernt. Am Stadtrand von Modena befindet sich aber auch der Firmensitz eines weithin unbekannten Start-up-Unternehmens, das sich dem Elektro-Motorrad verschrieben hat: Die Energica Motor Company beginnt das dritte Produktionsjahr mit einem neuen Modell, das den Namen der wichtigsten Straße der Region trägt: Eva EsseEsse9 heißt das Hightech-Bike. Ob die Wahl des Namens glücklich ist, mag der Leser entscheiden.

Eva EsseEsse9 dominiert den Fahrer nicht

Der Name "Eva" in der Modellbezeichnung verrät jedenfalls: Die Eva EsseEsse9 basiert in vielen Teilen auf dem seit dem vergangenen Jahr erhältlichen Modell Energica Eva. Ein 11,7 kW großer Akku sowie ein 107 PS leistender E-Motor sind, zusammen mit dem beträchtlichen Gewicht von 280 Kilogramm, die wichtigsten Eckdaten der sehr ungewöhnlich designten Eva. Sie sind auch der EsseEsse9 zu eigen, doch nicht nur das Design unterscheidet sich von dem der Eva: Zusammen mit der deutlich modifizierten Ergonomie ändert sich das Fahrverhalten. Die EsseEsse9 ist wesentlich einfacher zu fahren. Die der Eva eigene Kopflastigkeit ist nur noch verhalten spürbar, das Einlenken in Kurven erfolgt deshalb fast schon leicht. Identisch ist die hohe Spurt-Qualität dank des extrem hohen Drehmoments.

Der Akku der Eva EsseEsse9 reicht für 120 Kilometer.
Der Akku der Eva EsseEsse9 reicht für 120 Kilometer.

Für weniger geübte Fahrer stellt sich die Energica Eva als ziemlich dominant heraus. Ganz anders nun die Eva EsseEsse9: Die geringere Sitzhöhe in Verbindung mit dem deutlich höher montierten und etwas anders gekröpften Lenker lässt die 1550 Euro günstigere EsseEsse9 ein ganzes Trumm handlicher erscheinen. Dazu trägt erheblich bei, dass die Lenkergriffe ein Stück dichter an den Fahrer herangerückt wurden. Beeindruckend, wie viel besser sich die technisch ansonsten unveränderte Eva EsseEsse9 gegenüber dem bisherigen Basismodell fährt. Eine Sozia wird sich auf der EsseEsse9 übrigens auch viel wohler fühlen als auf der Eva, weil der Sitz kaum gestuft ist und deshalb ein viel besserer Kontakt zum Fahrer gegeben ist.

Zugänglich auch vom Design

Zugänglicher wirkt das jüngste Modell aber auch für viele Betrachter durch das neue Design der Fahrzeugfront, der Seitenverkleidung und der Sitzbank. Eine große Rolle spielt, dass die EsseEsse9 einen LED-Rundscheinwerfer trägt, dessen Korpus wahlweise blau oder schwarz eloxiert wird. Zusammen mit dem von der Seite sehr filigran wirkenden Cockpit-Display wirkt die Front weitaus graziler als bei der Eva. Die verwendeten Materialien sind nach wie vor extrem hochwertig: Sie bestehen nämlich, obwohl dies durch die Lackierung neutralisiert wird, durchweg aus feinstem Karbon. Hintergrund ist, dass die Stückzahlen noch immer so klein sind, dass es für den Hersteller teurer wäre, entsprechende Presswerkzeuge anfertigen zu lassen als in den vorhandenen Einrichtungen Karbonteile herzustellen; Energicas Mutterfirma CRP ist ein im Motorsport bis hin zur Formel 1 sehr erfolgreicher Ausrüster, zu dessen Portfolio nicht zuletzt Karbonteile gehören.

Total digital: Das Cockpit der Energica Eva EsseEsse9.
Total digital: Das Cockpit der Energica Eva EsseEsse9.

Zusätzlich zur Basisversion bietet Energica eine Spezial-Variante der EsseEsse9 an: Mit Sonderlackierung verschiedener Teile sowie auffälligen, sehr hochwertig gemachten Accessoires wie dem seitlichen "Neuner-Schild" wirkt sie noch wertiger, erfordert aber auch eine Zuzahlung von fast 2000 Euro. Die Möglichkeit, noch mehrere tausend Euro in Öhlins-Fahrwerkselemente sowie in besonders hochwertige Räder zu investieren, ist ebenfalls gegeben.

Flott nur über die Kurzdistanz

Doch kommen wir zur Gretchenfrage in der Diskussion um Elektrofahrtzeuge: Wie schaut es mit der Reichweite und dem Laden der Akkus aus? Die klare Antwort lautet "Ja – aber". Vorteil aller Energicas ist die Möglichkeit, CCS-Ladesäulen zu nutzen; in nur 30 Minuten kann der Akku auf 85 Prozent seiner nutzbaren Kapazität aufgeladen werden. Vorausgesetzt, eine solche Säule liegt in greifbarer Nähe. Die Reichweite ist stark vom Fahrmodus abhängig: Auf der Testtour von Modena in die Abbruzzen und zurück reichte der Akku bei gemischter Fahrweise 120 Kilometer. Ausreißer in den Vmax-Bereich blieben hier aber aus. Geht der Akku-Vorrat zur Neige und ein schnelles Laden ist nicht in Sicht, wird der Ausflug zur Bummelfahrt.

Nicht verschwiegen sei auch, dass die Energica der EsseEsse9 einige in der Praxis sehr nützliche Details mitgegeben hat: Dazu gehören die Rangierhilfe, das hervorragend ablesbare und reichhaltig bestückte TFT-Display im Cockpit, die sehr guten Brembo-Bremsen samt gut regelndem Bosch-ABS und die sehr ausgeklügelten Einstellmöglichkeiten für Fahrprogramm und Rekuperation. Es sieht so aus, als dürfe sich Energica Hoffnungen machen, die Produktion langsam steigern zu können: Bislang sind nämlich erst "unter 100 Fahrzeuge" auf die Straßen gerollt betont Energica-Chefin Livia Cevolini.

Quelle: n-tv.de