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Rasanter Handarbeitswettbewerb McLaren 765 LT Spider vs. Wiesmann MF5 Roadster

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Der McLaren 765 LT Spider und der Wiesmann MF5 Roadster sind schon zwei Hingucker.

(Foto: Patrick Broich)

Was einen McLaren 765 LT Spider und einen Wiesmann MF5 Roadster eint, ist ihre Seltenheit, ihre Sportlichkeit und der Umstand, dass beide mehr oder weniger in Handarbeit gefertigt werden. Insofern ist das hier ein seltenes Treffen zweier Manufaktur-Giganten.

Ein McLaren 765 LT Spider bürgt nicht nur für maximale Trackperformance, der luftige Temperamentbolzen ist auch noch auf exakt 765 Exemplare limitiert und damit ein ziemlich exklusives Vergnügen. Das noch wesentlich exotischere Pendant zu diesem McLaren muss fast zwangsläufig aus Dülmen kommen. Vom ebenfalls extrem performanten und offenen Zehnzylinder-Sauger namens MF5 Roadster aus dem Hause Wiesmann entstanden gerade einmal 43 Exemplare.

Verkehrte Welt

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Es ist sozusagen ein deutsch-englisches Derby zwischen McLaren 765 LT Spider und Wiesmann MF5 Roadster.

(Foto: Patrick Broich)

Ausgerechnet der Wiesmann MF5 Roadster, ein urdeutsches automobiles Gewächs, rollt hier und heute als Rechtslenker an. Dagegen kommt der ausgewählte McLaren 765 LT Spider, sogar mit britischem Kennzeichen bestückt, als Linkslenker daher. Nun, die Erklärung ist einfach: Als offizielles Testfahrzeug entstammt der 765 natürlich der Hersteller-Flotte des Hauses McLaren, die für ganz Kontinentaleuropa eingesetzt wird, und die traditionsreiche Marke ist nun einmal im südwestlichen England ansässig.

Bei diesem Vergleich handelt es sich sozusagen um ein deutsch-englisches Derby, das unentschieden ausgeht. Auf der einen Seite steht der Trackprofi mit unerschöpflichen Leistungsreserven (765 Pferdchen sind eine Ansage) sowohl in Längs- wie auch Querdisziplin. Ein strammer Sportler mit doppelt aufgeladenem Flatplane-Achtzylinder, optimiert, um noch die letzte Zehntelsekunde herauszuholen. Der McLaren gibt alles, um die Balance zu halten zwischen Exklusivität einerseits und der Solidität der Großserie andererseits.

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Im Wiesmann geht es zu wie in einem rot eingefärbten Flugzeugcockpit aus vergangenen Zeiten.

(Foto: Patrick Broich)

Der Vergleichskandidat Wiesmann MF5 ist gar nicht auf maximale Perfektion aus, was ihn charmant macht. Hier haben nicht unzählige Ingenieure Ewigkeiten am Profil des letzten Luftleitbleches gefeilt. Hier wird nicht jede Sicke zum aerodynamischen Problemfall hochgejazzt. Um Exklusivität geht es beim Wiesmann, insbesondere, aber im Sinne von Individualismus. Spaß kann man mit dem MF5 trotzdem in rauen Mengen haben, das bescheinigte ihm schon der ehemalige DTM-Profi Christian Menzel.

Er hatte seinerseits das Wiesmann-Topmodell mit dem 555 PS starken Achtzylinder in den Händen und scheuchte es in Mendig, Nähe des Flugplatzes, um die Ecken - mit einem Dauergrinsen auf dem Gesicht. Allerdings wies er darauf hin, dass sich der MF5 im Grenzbereich besonders anspruchsvoll fahre. Mit seiner leichten Hinterachse ist der MF5 also kein Traktionsmonster. Und der schwere Zehnzylinder auf der Vorderachse dürfte es dem Piloten nicht unbedingt einfacher machen. Dann eben ohne Stoppuhr am Armaturenbrett - so macht der wohlklingende Zehnzylinder mit 507 PS auch weniger rennsporterfahrenen Autofans mächtig Spaß.

Grip ist keine Mangelware

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Auch die roten Felgen des Wiesmann sind ein Blickfang.

(Foto: Patrick Broich)

Wenn die 325er-Walzen an der Hinterachse warm sind, müsste man den Fünfliter mit zehn einzelnen Drosselklappen schon ganz schön rotieren lassen, um Schlupf zu erzeugen. Grip ist also nicht gerade Mangelware. Wiesmann hat gleich den ganzen Antriebsstrang in den 4,22 Meter langen Roadster implementiert - also das automatisierte Siebengang-Getriebe gleich mit. Immer schön auf Zug halten, dann sind Schaltpausen kein Thema. Der MF5 schiebt brachial, erreicht Landstraßentempo im Viersekunden-Korridor. Und dabei erlebt der Passagier nicht nur strammen Druck im Kreuz, sondern zusätzlich ordentlich Brise im Gesicht, falls man die Stoffkapuze vorher im Wageninneren verstaut hat.

Und wenn die Probefahrt nur kurz ausfällt, ein paar Kurven müssen sein. In diesem Fall sind es die Serpentinen zum alten Petersberger Gästehaus - südlich von Bonn in Königswinter gelegen, die der Wiesmann hinaufstürmen muss. Und das macht er mit Schmackes, lässt sich schmissig in die Kehre werfen und glänzt mit gut dosierbarer, zupackender Bremse. Viel zu schleppen hat der aus dem BMW M5 entlehnte Treibsatz mit rund 1,4 Tonnen nicht dank konsequenter Leichtbautechnik mit dem großzügigen Einsatz von Aluminium und GFK. Kein Wunder, dass er so flink ist.

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Der Umstieg vom Wiesmann in den McLaren ist schon etwas gewöhnungsbedürftig.

(Foto: Patrick Broich)

Bei zivilisierter Fahrt diesseits des Tracks kämpft man als unbedarfter Wiesmann-Fahrer eher mit mangelnder Übersichtlichkeit als mit den Tücken des Fahrwerks. Und hier kommt ja noch erschwerend hinzu, dass es sich um ein rechtsgelenktes Exemplar handelt. Nach ein paar Kilometern hat man sich aber daran gewöhnt und kann entspannt einen Blick auf die vielen Rundinstrumente wagen. Neben den Klassikern wie Drehzahl und Tempo geben sie Aufschluss über Öldruck- und Temperatur plus Wassertemperatur sowie Tankfüllstand. Charakteristische Metallschalter sitzen wie angegossen inmitten des knallroten Leder-Armaturenbretts, und vor allem der "Sport"-Knopf dürfte die dynamisch orientierte Fahrerschaft interessieren, denn nur nach dessen Betätigung werden die vollen 507 PS freigegeben. Nach dem kleinen Ausritt wird vorsichtig am Straßenrand geparkt. Durchatmen und noch einmal ein Blick auf die roten Alcantara- und Ledermengen werfen, mit den hübschen Ziernähten. Das durchdringende Rot schlägt durch, ist vielleicht eine Spur zu viel - aber irgendwie auch cool.

McLaren bietet Rennspiel-Flair

Umstieg in den Briten. Hier erwartet den Fahrgast keine Instrumenten-Ästhetik, stattdessen eher Rennspiel-Flair inmitten eines Meeres aus Alcantara und Carbonzierrat. Eine Mischung aus viel Display und Tastenwerk für diverse Fahrwerkseinstellungen dürften eher jüngere bis mittelalte Kunden ansprechen. Wie viele der insgesamt 1530 Kunden (Coupé und Spider zusammengenommen) den 765 wirklich auf dem Kurs fliegen lassen, sei dahingestellt. Aber auch das Topmodell der Supercars-Series, wie McLaren die Baureihe klassifiziert, taugt wie jeder extrovertierte Sportwagen als Publikumsmagnet. Kann man machen, aber viel Publikum lenkt vom Fahrgeschehen ab, ist also keine gute Idee, wenn man zügig unterwegs sein möchte. Dann lieber ab auf die einsame Landstraße, um freie Bahn für dynamische Einlagen zu haben. Funfact: McLaren hat den 765 LT-Testwagen mit Winterreifen ausgegeben. Dass es im Kontext dieser Gegenüberstellung nicht ganz so wild zugehen würde, wussten die Briten wohl.

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Das Cockpit des McLaren 765 versprüht Rennspiel-Flair.

(Foto: Patrick Broich)

Für jede Menge Spaß auf der Landstraße reicht es aber. Allerdings gilt es vorher, sich erst einmal in die Carbon-Karosse zu arbeiten, denn die hier montierten Vollschalensitze gewähren den beiden Passagieren wegen der Seitenwangen nur Zugriff, indem sie sich sportlich betätigen. Okay. Sitzt man dann hinter dem Steuer, muten die leichten Carbon-Stühle recht komfortabel an. Genauso übrigens wie die Dämpfung. Wenn der 765 nicht in den wildesten Modi unterwegs ist, lässt es sich angenehm in ihm reisen. Doch bitte auf keinen Fall vergessen, vor größeren Asphaltwellen oder Temposchwellen den rechten Lenksäulen-Hebel zu betätigen, damit das Liftsystem das Fahrzeuglevel blitzschnell anheben kann. Dann bleiben Schürzen sowie Unterboden selbst beim Überfahren der fiesesten Straßenbuckel unversehrt.

So mühelos sich die Bodenfreiheit erhöhen lässt, so simpel öffnet auch das Dach: Per Knopfdruck steht da plötzlich quasi eines der schnellsten Vollcabrios. Offen fahren mit der noch sanften Frühlingssonne im Nacken tut nicht nur dem Vitamin D-Haushalt gut, sondern auch den Ohren. Denn so kann man den übermächtigen Achtzylinder akustisch noch besser genießen.

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Der McLaren 765 ist in allen Belangen eine echte Fahrmaschine.

(Foto: Patrick Broich)

Die Performance sowieso, weil der Brite es seinem Fahrer leicht macht. Ultrapräzise folgt er dem Lenkeinschlag, ist sogar mit den Winterpneus nur grob mutwillig dazu zu bewegen, sichtbaren Reifenabrieb auf der Straße zu lassen - egal ob ambitioniert längs- oder querbeschleunigt. Tempo einhundert schüttelt der ebenfalls 1,4 Tonnen wiegende Athlet binnen 2,8 Sekunden aus dem Ärmel, für 200 km/h braucht es nur einen einzigen langen Atemzug. Beifahrer sollten ein gutes Nervenkostüm besitzen, falls es der Fahrer krachen lässt. Die Nackenmuskulatur muss Schwerstarbeit leisten.

McLaren 765 LT Spider oder Wiesmann MF5 Roadster, muss die abschließende Frage lauten. Die Antwort ist einfach: definitiv beide! Das weiße zehnzylindrige Biest aus Dülmen mit den markanten roten Felgen und dem roten Kühlergrill ist der pfeilschnelle Individualist unter den Individualisten, während der Brite sozusagen das Standardwerk unter den Maximalperformern darstellt. Für den Kauf beider Offerten muss man sich inzwischen wohl der einschlägigen Autobörsen bedienen, denn der Wiesmann ist schon lange Geschichte, und für den 765 gab es so viele Anfragen, dass die Produktion ausverkauft ist. Kostenpunkt? Ein MF5 mit dem raren Zehnzylinder wechselt für knapp unter 300.000 Euro den Besitzer, während 765 Spider-Verträge, teils noch frei konfigurierbar, mit mehr als 500.000 Euro gehandelt werden. Kein Wunder, dass beide Exemplare als Traumautos gelten.

Quelle: ntv.de, Von Patrick Broich

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