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Mercedes-Power für den Briten Überflug im Aston Martin Vantage

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Angelehnt an den DB11 präsentiert Aston Martin den neuen Vantage.

Nach gut zwölf Jahren löst Aston Martin den Vantage ab. Die Neuauflage tritt deutlich markanter auf, nicht ohne den Spirit des Agenten, der im Dienste seiner Majestät unterwegs ist, und setzt zukünftig auf Mercedes-Power aus Affalterbach.

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Nicht dezent, aber richtig scharf ist das Heck des Aston Martin Vantage.

Nein, leicht ist es nicht, bei Aston Martin den Überblick zu behalten, bei all den DBs und Virages, V8 und V12, Vanquishs und Vantages. Letztere waren früher die Versionen mit Extra-Leistung, wie etwa der rund 400 PS starke V8 Vantage, den Timothy Daltons alter Ego James Bond 1987 in "Der Hauch des Todes" steuerte. Für den Geheimagenten wurde der Wagen allerdings nicht nur mit mehr Leistung, sondern auch mit Lasern, Raketenantrieb und ausfahrbaren Kufen aufgerüstet. Schon in den 70er-Jahren allerdings wichen die Briten von ihrer Nomenklatur ab und benannten kurzerhand den DBS, ein Reihensechszylinder-Modell, in Vantage um: Der bisherige Aston-Martin-Eigentümer David Brown musste sein Unternehmen aus finanziellen Gründen verkaufen und die neuen Inhaber wollten jeden Bezug zu Brown vermeiden – also mussten seine Initialen weichen.

Neuauflage nach zwölf Jahren

Um die Verwirrung komplett zu machen, nahm Aston Martin 2005 den von Henryk Fisker gezeichneten V8 Vantage in die Preisliste auf, der anders als in den 80ern keine stärkere Ausbaustufe markierte, sondern – im Gegenteil – die Position des neuen Einstiegsmodells einnahm. Genau das erfährt nun, nach stolzen zwölf Jahren, eine Neuauflage. Die soll allerdings nicht nur endlich Schluss machen mit der namentlichen Verwirrung, sondern vor allem auch mit einem zweiten Problem der Marke: der optischen Verwechselbarkeit der einzelnen Modelle. Dass man zuletzt schon genau hinschauen musste, um die Unterschiede auszumachen, hat auch Andy Palmer erkannt. Der 2014 von Nissan zu Aston Martin gewechselte Firmenchef hat deshalb die Devise ausgegeben: "Wir dürfen keine russischen Matrjoschkas mehr bauen, die sich nur in der Größe unterscheiden."

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Der Autor im britischen Maßanzug Aston Martin Vantage.

Erstes Modell nach Vorgabe der neuen Marschrichtung war der DB11, dem Chef-Designer Marek Reichman einen schwarzen Maßanzug auf den Leib geschneidert hat, der zwar elegant wirkt, aber an den richtigen Stellen die Muskeln durchblicken lässt. Gerade so wie bei Manuel Neuer, wenn er sich für den Termin bei der Kanzlerin in feinen Zwirn zwängt. Mit dem Vantage musste Reichman jetzt beweisen, dass er die mehr als alles andere für Aston Martin stehende Schönheit bewahren und doch ein eigenständige Karosserie formen kann. Die Antwort ist gleichermaßen klar wie knapp: ja, kann er!

Nach James-Bond-Vorbild

Vorbild für den kleinen Aston war der DB10, ein Einzelstück, das ebenfalls für den Agenten im Dienste seiner Majestät gefertigt wurde. Bei dem hat sich der Vantage die Front abgeschaut, die quasi nur noch aus Kühlergrill besteht. Der weit aufgerissene Schlund reicht fast bis zur Straße, nur ein dezenter Karbon-Splitter trennt den Lufteinlass vom Asphalt. Deutlich vom DB11 unterscheiden sich auch die Scheinwerfer, wenngleich die vielleicht als das am wenigsten gelungene Detail des Vantage in die Geschichte eingehen werden: Vor allem, wer den Aston von schräg vorne sieht, könnte im ersten Moment an einen Mazda MX-5 denken.

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In der Seitenansicht ist jede Verwechslung mit anderen Fahrzeugen ausgeschlossen.

Verwechslung ausgeschlossen ist in der Seitenansicht, die der Designer mit vielen Sicken und Kanten strukturiert hat, und auch am Heck: Hier sind sie wieder, die sinnlichen Formen, in der Gestalt von dezenten, gebogenen LED-Rundleuchten, die sich entlang des Spoiler-Bürzels über die gesamte Fahrzeugbreite schwingen. Alles andere als dezent ist dagegen der Karbon-Diffusor, der schon optisch den Unterschied zum DB11 unterstreichen soll. Während der eine als wahrlich potenter Gran Turismo zum Cruisen an der Côte d'Azure oder auf der Elbchaussee einlädt, hängt der andere kurzerhand den schwarzen Anzug an den Haken und will im engen Lycra-Dress zum Sporteln aufbrechen.

Durchtrainierter Sportler

Dass er das kann, beweist er nicht nur im kurvigen Geläuf an der portugiesischen Atlantikküste, sondern auch auf der Rennstrecke von Portimao: Kurve um Kurve krallt sich der heckgetriebene Brite mehr in den Asphalt, der nach den nächtlichen Regenfällen langsam anfängt abzutrocknen. Während der Normal-Betrieb noch ein Einsehen mit den Bandscheiben der beiden Passagiere hat, nimmt der Sport-Modus keine Rücksicht mehr auf etwaige Wehwechen und strafft den Sportler aufs Äußerste. Die Lenkung verhärtet per Tastendruck, der Motor reagiert noch bissiger auf kleinste Zuckungen im rechten Zeh. Keine Frage: Der Vantage fühlt sich in der Kurve pudelwohl. An die zur Perfektion getriebene Direktheit und das nahezu über jeden Zweifel erhabene Handling eines Porsche 911 kommt der Vantage nicht ganz ran. Doch lässt man das schier unerreichbare Nonplusultra außen vor, braucht sich der Brite ganz gewiss nicht hinter seinen Mitbewerbern verstecken. Das war in der Vergangenheit nicht immer so, so manches Aston-Martin-Modell machte im Prospekt die deutlich bessere Figur als auf der Straße!

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Im Sport-Modus wird keine Rücksicht auf die Bandscheiben genommen.

Die Lorbeeren für den Unterbau und die Abstimmung dürfen die Engländer ganz alleine einheimsen, das Lob für den Antrieb dagegen müssen sich zumindest teilen – und zwar mit Mercedes. Die Schwaben haben sich vor einiger Zeit bei Aston Martin mit fünf Prozent eingekauft und liefern nun Triebwerke nach Gaydon. Allerdings nicht irgendeinen Motor: Aston Martin darf sich über den in Affalterbach von Hand gefertigten Vierliter-V8 freuen, also das Meisterstück der AMG-Ingenieure, das dort unter anderem im GT zum Einsatz kommt. Im Vantage entwickelt der doppelt aufgeladene Achtender 510 PS – eine Ausbaustufe, die Mercedes beim GT nicht mehr im Programm hat. Allerdings reicht dem nur 1,6 Tonnen schweren Briten die Power, um problemlos mit dem deutlich stärkeren GT R mitzuhalten: Beide reißen die Hundertermarke nach kurzweiligen 3,6 Sekunden, wobei der Aston Martin den kräftigen Gastritt mit dem deutlich markanteren Donnerhall begleitet, für den die eigenentwickelte Abgasanlage sorgt. Die Vmax ist beim Vantage mit 314 km/h angegeben, der Verbrauch mit augenscheinlich niedrigen 10,5 Litern. Dass die mit der Realität so viel zu tun haben wie der 154.000 Euro teure Vantage mit einem Einstiegs-Modell, ist aber keine Überraschung.

Achtgang-Wandler statt Doppelkupplung

Aus Schwaben bezieht Aston Martin übrigens nur den Motor, das Getriebe besorgen sie sich bei ZF. Während im AMG GT ein hauseigenes Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe die 685 Newtonmeter verwaltet, übernimmt im Vantage eine Achtgang-Wandlerautomatik diesen Job, die dem Doppelkuppler auf dem Prüfstand vielleicht einen Sekundenbruchteil hinterherhinkt, auf der Straße aber nie und nimmer zu langsam agiert. Nachteile bei der 911er-Jagd braucht also niemand befürchten, dazu kommt der ausgesprochen hohe Komfort des zielsicher die richtige Übersetzung greifenden Getriebes, den das AMG-Sportgetriebe nicht erreicht. Und auch wenn der Vantage gerne die Rennstrecken dieser Welt erobern würde, am Ende wird er doch die meiste Zeit zwischen Carport und Büro pendeln.

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Sport pur vermittelt der Innenraum des Aston Martin Vantage.

Hin und wieder sollte man den Briten aber schon zu Ausflügen auf kurvige Bergpässe herziehen, sonst müsste man sich im Alltag nicht den Nachteilen des nur 1,27 Meter hohen Coupés hingeben und könnte wirklich gleich zum DB11 greifen – die 30.000 Euro mehr sollten, ganz ehrlich, in dieser Liga keine große Rolle spielen. Der Preis für die Sportlichkeit des Vantages sind nämlich der beschwerliche Einstieg und ein recht eng geschnittenes Cockpit – in dem wir übrigens auch wieder auf Mercedes-Spuren treffen. Neben dem Antrieb schickt Daimler auch die Bordelektronik über den Ärmelkanal und wer schon einmal mit dem Infotainmentsystem in einem Benz gearbeitet hat, findet sich trotz der etwas zerklüfteten Mittelkonsole auch im Vantage schnell zurecht. Der Liaison der beiden Autobauer ist es übrigens auch geschuldet, dass der Aston Martin nur einen Lenkstockhebel hat, mit dem geblinkt und scheibengewischt wird.

Roadster, V12 und vielleicht auch E-Version

Zumindest die Sache mit dem Einstieg wird sich schon bald etwas einfacher gestalten: Ein Vantage Roadster ist fest eingeplant und ohne das störende Dach gleitet man gleich viel eleganter in den fest zupackenden Sportsitz. Die offene Version ist aber nicht das einzige geplante Derivat: Neben einer Puristen-Ausführung mit Handschalter steht auch eine V12- Variante auf der Agenda. Diese 608-PS-Triebwerk wird von Aston Martin selbst gebaut, kommt allerdings auch aus Deutschland: Aus der einstigen Zweck-Ehe mit Ford ist die Motoren-Fertigung in Köln übrig geblieben.

Und noch eine Ausbaustufe ist zumindest denkbar: ein Elektro-Vantage. Schließlich kommt auch ein Sportwagen-Hersteller wie Aston Martin nicht an immer schärferen Abgas-Grenzwerten vorbei und mit dem Rapid-E haben die Briten ihren ersten Stromer schon angekündigt. Ob auch der Rassesportler Vantage unter Strom gesetzt wird, ist noch nicht entschieden – die Plattform aber, so viel hat Andy Palmer bereits verraten, ist voll Elektro-fähig.

Quelle: n-tv.de

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