Praxistest

Praxistest im Japan-Benz Infiniti Q30 - besser als Mercedes A-Klasse?

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Der Infiniti Q30 baut zwar auf die Mercedes A-Klasse auf, ist aber letztlich ein ganz eigenständiges Auto.

(Foto: Holger Preiss)

Er ist Premium, er sieht schick aus und unter seinem Blech arbeitet auch noch Mercedes-Technik. Aber reicht das, dass der Infiniti Q30 einer A-Klasse aus Stuttgart das Wasser reichen kann?

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Im Vergleich mit der A-Klasse wirkt der Infiniti Q30 wuchtiger als sein deutscher Genspender.

(Foto: Holger Preiss)

Sie interessieren sich für die A-Klasse von Mercedes? Dann versuchen Sie es doch mal mit einem Infiniti Q30. Ja, genau! Die Nobelmarke von Nissan ist nämlich eine sehr enge Beziehung mit den Stuttgartern eingegangen. Um es deutlich zu sagen: Die beiden Hersteller sind hier sogar so dicht zusammengerückt, dass den Fahrer das Gefühl beschleichen könnte, er habe sich im Fahrzeug geirrt, wäre da nicht das Infiniti-Logo auf dem Volant.

Aber von vorn: Seit 2010 arbeiten Renault/Nissan und Daimler in den verschiedensten Bereichen zusammen. In Mercedes-Modellen werkeln Renault-Motoren - was sich im Bereich der Diesel mit Blick auf die Emissionswerte nicht als besonders gut herausgestellt hat -, in Infiniti-Modellen arbeiten Mercedes-Triebwerke, wobei der Infiniti Q30 mehr oder weniger ein Abbild der Mercedes A-Klasse ist.

Keine Kopie

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Betrachtet man den Q30 und die A-Klasse im Alltag, dann wird der Unterschied deutlich.

(Foto: Holger Preiss)

Es wäre aber vermessen, zu sagen, der Q30 sei eine pure Kopie des Stuttgarter Kompaktwagens. Das stimmt so natürlich nicht. Infiniti hat die Außenhaut und das Innenleben den eigenen Designlinien und Ansprüchen angepasst. Wer zum Beispiel auf mehr Dynamik beim Blick auf das Blechkleid Wert legt, der wird sich in den Q30 ganz schnell vergucken. Zackig fliegen scharfe Kanten über alle Ecken, schärfen Front, Seitenlinie und vor allem das Heck. In der Summe lässt es den Edel-Japaner dann tatsächlich auch kraftvoller und sportlicher dastehen als die schwäbische Grundlage. 

Aber nicht nur optisch ist der Infiniti Q30 größer. Auch im Innenraum und vor allem bei der Zuladung gibt er sich geräumiger. Die Kopffreiheit im Fond ist deutlich besser als im Benz und auch das Kofferraumvolumen bietet mehr. Statt der 341 Liter des A-Klasse gibt es im Infiniti mit gehobenem Zwischenboden 430 Liter. Wer die asymmetrisch geteilte Rückbanklehne fallen lässt, erweitert das Volumen auf 1200 Liter. Ganz plan wird die Ladefläche nicht und Omas Sofa passt bei 1,50 Meter Tiefe auch nicht hinein, aber für den alltäglichen Gebrauch ist das absolut ausreichend. Die separate Durchreiche ist hingegen etwas schmal geraten. Nur mit etwas Geschick passen hier zwei Paar Ski durch. Aber auch die fährt man nicht täglich spazieren. 

Die sportliche Attitüde 

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Viel erinnert im Innerern des Infiniti Q30 an die A-Klasse. Dennoch gibt sich der Japaner recht eigenständig.

(Foto: Holger Preiss)

Was den Q30 auszeichnet, ist der Umstand, dass man ihn eben nicht nur zu Spazierfahrten nutzen kann. Der Testwagen trug den 170 PS starken 2.2 Liter Diesel unter der Haube, der in der A-Klasse im 220d arbeitet, dort allerdings 177 PS leistet. Mit Allrad und Sieben-Gang-Automatikgetriebe schieben 350 Newtonmeter den Japaner ordentlich voran. Und weil Infiniti auch in der Formel 1 zu Hause ist, wurde auch das Fahrwerk überarbeitet. Und tatsächlich gibt es sich gefälliger als das der A-Klasse. 

Trotz seiner sportlichen Straffheit lässt das Fahrwerk gerade bei kurz aufeinanderfolgenden Unebenheiten wie zum Beispiel auf Kopfsteinpflaster den Wagen scheinbar unberührt darüberrollen. Das ist ganz großes Kino und hat zudem den Vorteil, dass im Zusammenspiel mit dem Allradantrieb und einer gegenüber der A-Klasse gestrafften Lenkung schnelle Kurvenfahrten noch ein bisschen mehr Spaß machen. 

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Der 2.2 Diesel leistet 170 PS. Das sind sieben Pferde weniger als beim Mercedes.

(Foto: Holger Preiss)

Für Performance-Freunde gibt es dann auch - wie in der A-Klasse - drei Fahrprogramme: Eco, Sport und manuell. Klar, wer Rundkurs-Feeling sucht, der würde sich über einen Sport-Plus-Modus freuen, bei dem sich das ESP auf Standby für den letzten Notfall begrenzen lässt, die Kraft im Verhältnis 30 zu 60 an die Hinterachse übertragen wird und Sound und Lenkung auf die Spitze getrieben werden. Aber das gleicht einem AMG und würde den Infiniti deutlich verteuern. 

Ein Hauch AMG

Wobei - so einen Tick AMG gibt es dann auch im Q30. Die Japaner haben nämlich den Gangwahlschalter für das Automatikgetriebe in der Mittelkonsole belassen und nicht wie Mercedes dort hingesetzt, wo gemeinhin bei anderen Herstellern der Scheibenwischer-Hebel ist. Wie in einem AMG eben. Und selbst optisch gleichen sich die Schalteinheiten, nur die AMG-Prägung fehlt. Das ist aber letztlich auch nicht so wichtig: Auf Sport gestellt, schnippt der Infiniti in 8,5 Sekunden auf Landstraßentempo und rennt bis auf 215 km/h. Wer den Sprint mit anschließendem Topspeed nicht zum Dauerlauf werden lässt, kommt mit 6,9 Litern Diesel über 100 Kilometer. Hinzu kommt, dass der Selbstzünder im Infiniti tonal deutlicher sein Tun bekannt gibt als im Benz, was, wenn man den Motor unter Dauerstress hält, auf langen Strecken vielleicht auch für die Insassen nicht für Entspannung sorgt. 

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Die Sitze im Q30 sind straff, bieten aber einen ausgezeichneten Langstreckenkomfort.

(Foto: Holger Preiss)

Entspannen kann man sich aber auf den Sitzen. Die bieten bei der nötigen Straffheit einen ausgezeichneten Langstreckenkomfort, prima Seitenhalt und sehen anders aus als in der A-Klasse. Nicht so die Armatur mit den Rundinstrumenten. Ja, die Lynette wurde etwas verbreitert, aber die Matrix ist gleich. Identisch sind auch das Lenkrad, die Tasten darin und die tatsächlich mercedestypischen Verstelltasten in der Optik des Sitzes in den Seitenverkleidungen der Türen. All das ist nicht schlecht, überrascht auch nur einmal, dann kann man die Symbiose aus german engineering und japanischer Innovation in Gänze genießen.  

Undurchsichtige Menüführung 

Mit einer Einschränkung: die Steuerung der Multimedia-Einheit, die sich anders als bei Mercedes nicht frei schwebend über der Mittelkonsole erhebt, sondern sich von feinem Leder gerahmt in das Dashboard integriert. Ebenfalls anders ist der Umstand, dass es sich hierbei um einen Touchscreen handelt. Das ist alles dufte! Nicht aber die Menüführung über den Drückdrehsteller. Die scheint einer Logik zu folgen, die sich dem Autor auch nach 14 Tagen nicht erschlossen hat.  

Nichts zu deuteln gibt es bei den Assistenzsystemen, die Infiniti ebenfalls von Daimler übernommen hat. Dazu gehören auch der adaptive Bremsassistent, ein Abstandsradar und ein Tempomat. In der Summe ermöglichen die ein sehr entspanntes Fahren im Stau. Außer um die Richtung muss sich der Pilot um nichts mehr kümmern. Und sollte er dennoch die Spur verfehlen, warnt der Spurhalteassistent haptisch und akustisch. Eingepreist sind bei Infiniti für den Q30 auch elektrisch anklappende Außenspiegel, die bei der A-Klasse mit 369 Euro extra bezahlt werden müssen.

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Bei umgelegter Rückbanklehne wird der Boden nicht ganz plan. Das stört aber kaum.

(Foto: Holger Preiss)

Und das ist am Ende auch genau die Rechnung, die wahrscheinlich jeder aufmacht, wenn er mit dem Gedanken spielt, sich einen Q30 statt einer A-Klasse zu kaufen. Doch gleich vorneweg: Ein Schnäppchen ist auch der Japaner nicht. Kann er auch gar nicht, denn dafür steckt zum einen zu viel Daimler drin, zum anderen ist auch der Infiniti Premium. 

Fazit: Der Infiniti ist ein wirklich gelungenes Auto, das auch gerne als Alternative zu einer A-Klasse ins Kalkül gezogen werden kann. Preis-Leistung geben ein gutes Bild ab, genau wie der Q30 selbst. Hinzu kommt im Vergleich mit einem gleich ausgestatteten Mercedes ein Preisvorteil von 3000 Euro und ein Hauch mehr Sportlichkeit. Negativ ist das dünne Händlernetz. Wer nicht blind kaufen will, muss im Moment nach Hamburg, Bremen, Berlin, Düsseldorf, Dresden, Weinheim, Frankfurt oder Stuttgart fahren.

DATENBLATTInfiniti Q30 Sport 2.2d 7DCT AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,42 / 1,80 / 1,50 m
Leergewicht (DIN)1598 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen368 - 1223 Liter
MotorDiesel mit Common-Rail-Einspritzung 2143 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung125 kW/ 170 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit215 km/h
max. Drehmoment350 Nm bei 1400 - 3400 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Normverbrauch (Stadt, Land, kombiniert) je 100 km6,0 / 4,9 / 4,9 l
Testverbrauch6,8 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
129 g/km
EmissionsklasseEU 6
Grundpreis39.090 Euro
Preis des Testwagens45.620 Euro

Quelle: n-tv.de