Leben

"Die Zeit" feiert Jubiläum 75 Jahre unter falscher Flagge

imago0113082460h.jpg

Im Logo der in Hamburg ansässigen "Zeit"-Redaktion prangt das Symbol des Bremer Wappens: der Schlüssel.

(Foto: imago images/epd)

Von wegen "Hamburger Wochenzeitung": Das Markenzeichen der "Zeit" ist das Stadtwappen von Bremen - seit 1946. Kultursenator Carsten Brosda zeigt sich tolerant, denkt aber an eine Umstellung. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo stellt indes klar: "Auf die Idee würden wir gar nicht kommen."

Seitdem es Marken gibt, verbreiten sie Illusionen. Das gilt für Butterkekse mit dem Namen "Leibniz", obwohl selbstverständlich nichts vom Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in den Teig gerührt ist. Das gilt für Autos, die als "made in Germany" durchfahren, selbst wenn viele Teile in anderen Ländern hergestellt werden. Und es gilt für die Wochenzeitung "Die Zeit". Sie wurde vor 75 Jahren in Hamburg gegründet und schmückt sich seitdem mit einem Schlüssel - dem Wappen der Stadt Bremen!

imago0105012725h.jpg

Hamburgs Kultursenator Brosda würde sich über eine Änderung freuen.

(Foto: imago images/Stephan Wallocha)

"Ich schmunzle immer wieder, wenn ich 'Die Zeit' in den Händen halte, die als Hamburger Wochenzeitung auftritt, aber den Bremer Schlüssel im Titel trägt", erklärt Carsten Brosda, Kultursenator der Freien und Hansestadt Hamburg, gegenüber ntv.de. Obwohl die kuriose Angelegenheit für ihn kein Problem darstelle, "solange die Redaktion nicht ihre Koffer packt und nach Bremen zieht", sei sie doch ein Zeichen für die "mächtige Toleranz" von Hamburg, betont der Senator - nicht ohne ein Augenzwinkern.

"Anstrich von Seriosität und Hoffnung"

Bemerkenswert ist die Geschichte schon deshalb, weil die Gründer der "Zeit" nicht gezwungen waren, überhaupt irgendein offizielles Wappen zu tragen. Schließlich hatte ihnen die britische Militärregierung nach dem Krieg nicht die Genehmigung für ein Amtsblatt erteilt, sondern für eine freie - wenn auch in ihrer 75-jährigen Praxis manchmal etwas staatstragende - Publikation.

"Ein hoheitliches Symbol als Markenzeichen zu wählen, das zugleich bürgerliche und freiheitliche Traditionen repräsentiert, sollte nach dem Zusammenbruch der Diktatur mit Sicherheit den Anstrich und Anschein von Seriosität und Hoffnung verleihen", erklärt Michael Goldmann gegenüber ntv.de. Er ist ein auf Markenrecht spezialisierter Rechtsanwalt der Hamburger Kanzlei Harte Bavendamm.

Eine weitere, offensichtliche Anlehnung hatte der "Zeit"-Gründungsverleger und spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Gerd Bucerius mit seinen Mitstreitern in London gesucht: bei der traditionsreichen Zeitung "The Times". In ihrem Titelschriftzug prangt sogar das Wappen des Vereinigten Königreichs - allerdings nicht das von heute, sondern von 1785, als die Zeitung das erste Mal erschien. Weil damals das Haus Hannover über die britischen Inseln herrschte, geht die "Times" weiterhin mit einem deutschen Wappen hausieren - was vielen Lesern jener durch und durch englischen Institution wahrscheinlich nicht bewusst ist.

Gehalten von zwei Löwen

imago0101853042h.jpg

Giovanni di Lorenzo denkt gar nicht daran, das Wappen zu ändern.

(Foto: imago images/APress)

Verglichen mit ihrem englischen Vorbild, ist der Fall der "Zeit" deutlich weniger extravagant - und weniger fabelhaft. Das fängt damit an, dass ihr Wappen im Unterschied zur "Times" von keinem Einhorn, sondern lediglich von zwei Löwen gehalten wird. Darin ähneln sich auch die Staatswappen der Hafen- und Hansestädte Hamburg und Bremen, die als sogenannte Stadtstaaten eigenständige Bundesländer bilden. Ihr Unterschied besteht darin, was die Heraldik, also die Wappenkunde, als "Schild" bezeichnet: das zentrale Bild, zum Beispiel in Berlin der Bär, in München ein Mönch oder eben in Bremen der Schlüssel, den man in abgewandelter Form auch vom Etikett der Biermarke Beck's kennt.

Das Hamburger Wappen zeigt hingegen eine verriegelte Torburg mit drei Türmen. Sie erinnert an die Anfänge der "Hammaburg" vor rund 1200 Jahren. Sie liegen auf dem Domplatz begraben - und damit sprichwörtlich neben dem Redaktionsgebäude der "Zeit", das seit 2016 "Helmut-Schmidt-Haus" heißt. Von den Nationalsozialisten 1938 als Pressehaus errichtet, beherbergte es in der Nachkriegszeit auch die Magazine "Der Spiegel" und "Der Stern".

8B3CF84F-62E5-4987-B83E-7CB9D920B9F6.jpeg

Eine Zeitung, drei Wappen.

(Foto: Peter Littger, aus Karl-Heinz Janßen: "Die Zeit bei der Zeit", Siedler Verlag 1995)

Für die "Zeit", die nie an einem anderen Ort herausgegeben worden ist, kam es hier in den ersten Wochen ihres Bestehens zur Schlüsselszene. Seit Februar 1946 hatte man den Titelschriftzug mit dem Emblem der verschlossenen Hamburger Burg gedruckt. Ab Mai entschied sich die Redaktion, das Tor zu öffnen. "Das sollte vermutlich den Symbolcharakter steigern und die redaktionelle Offenheit unterstreichen", sagt Anwalt Goldmann. Im Vorgriff auf die bevorstehenden Jahrzehnte wollte man sich gewissermaßen als weltoffener Gatekeeper präsentieren. Doch den Herren im Senat der Stadt gefiel der eigenmächtige grafische Eingriff gar nicht. Sie verboten die Nutzung des gesamten Wappens.

Was daraufhin passierte, hat Karl-Heinz Janßen in seinem Buch "Die Zeit in der Zeit" erzählt: Reporter Josef Müller-Marein, der zwischen 1957 und 1968 Chefredakteur der "Zeit" werden sollte, fuhr zum Bürgermeister von Bremen und bat ihn um das Stadtwappen, was der Bremer Senat genehmigte. Ab dem 27. Juni 1946 erschien die "Zeit" mit dem Schlüssel.

Schlüssel mit Symbolkraft

imago0106949737h.jpg

Die Bremer Flagge samt Schlüssel im Wappen.

(Foto: imago images/Future Image)

Im Rückblick besitzt der Schlüssel aus der konkurrierenden Nachbarstadt zusätzliche Symbolkraft, wenn man bedenkt, dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts von der sogenannten "Postmoderne" geprägt war: Eine Denkrichtung und Stilepoche, die mehr auf das Chaos und den Zufall als auf Ordnung und Bestimmung setzt und die mit Um- und Neudeutungen gesellschaftlicher Gegebenheiten seit den späten 1960er-Jahren großen Einfluss gewann: zunächst in der Architektur, dann in den Geisteswissenschaften, in der Politik und - bis heute - in den Markenillusionen von Produkten und Dienstleistungen. Das erklärt zum Beispiel, warum ein Flughafen in der Nähe von Lübeck von verschiedenen Fluggesellschaften als "Hamburg" verkauft- und von den Kunden akzeptiert wird.

Wie viel Spaß postmoderne Umdeutungen auch den Journalistinnen und Journalisten der "Zeit" zu machen scheinen, bringt ihr Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf den Punkt, wenn er gegenüber ntv.de über das Bremer Wappen sagt: "Mittlerweile denken sogar Hamburger, dass es ihres wäre." Das ist selbstverständlich Quatsch!

Mit Blick auf die Zukunft des "Zeit"-Logos träumt Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda unterdessen für einen Moment von einem neuen Auftritt und erklärt: "Die Hamburger Burg würde sich nach 75 Jahren Bremer Schlüssel sicher hervorragend machen im Titel der 'Zeit'."

Matthias Bartke, der den Hamburger Bezirk Altona im Bundestag vertritt, macht sogar einen Vorschlag, der dem Wunsch der Redaktion vor 75 Jahren entgegenkäme: "Warum benutzt die 'Zeit' nicht einfach unser Altonaer Wappen? Es hat ein offenes Tor, so wie man es schon 1946 wollte!" Sollte sich die Redaktion der "Zeit" zu diesem Schritt entscheiden, wäre der SPD Politiker Bartke auch wieder bereit, die Zeitung zu lesen, was er nach eigener Auskunft schon in Studentenzeiten eingestellt habe.

Wappen-Umstellung undenkbar

Doch egal, ob mit offenem oder geschlossenem Tor - zu einer Umstellung des gegenwärtigen "Zeit"-Zeichens, das seit 1968 beim Deutschen Patentamt geschützt ist, wird es wohl niemals kommen. Im Namen der Redaktion erklärt Giovanni di Lorenzo: "Inzwischen haben wir uns so daran gewöhnt, das Bremer Wappen zu tragen, dass wir gar nicht auf die Idee kommen würden, es auszutauschen. Außerdem sind wir immer noch beleidigt, weil ausgerechnet unsere Stadt uns damals nicht erlaubt hat, ihr Wappen zu nutzen."

Wie groß die Renitenz ist, wurde vor 25 Jahren deutlich, als Henning Voscherau Erster Bürgermeister von Hamburg war und anlässlich der 50. Jubiläumsfeier der "Zeit" im Hotel Atlantic das Angebot machte, das Hamburger Stadtwappen für den Titel zur Verfügung zu stellen. Unter Applaus lehnten Verlag und Redaktion dankend ab.

In Bremen gibt es den alten Spruch: "Hamburg ist das Tor zur Welt, aber wir haben den Schlüssel." Sollte damit auch der Schlüssel zum Erfolg gemeint sein, wäre "Die Zeit" tatsächlich nicht gut beraten, ihn auszutauschen. Schließlich zählt sie zu den wenigen Zeitungen der Welt, die überhaupt noch einen Grund haben zu feiern - und die damit rechnen dürfen, in 25 weiteren Jahren noch zu existieren.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.