Leben

In Vino Verena "Alle Schlampen totschlagen!"

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Sexuelle Übergriffe wirken oft lange nach.

(Foto: imago/Manfred Segerer)

Frauen fühlen sich im öffentlichen Raum manchmal wie in einem Freitiergehege. Unsere Kolumnistin schreibt über einen persönlichen Vorfall mit sexueller Belästigung, über den sie noch nie gesprochen hat - bis jetzt.

"Alle Schlampen totschlagen!" Diesen Satz habe ich lange aus meinem Gedächtnis gestrichen, aber ich muss die Geschichte dahinter wieder aus den Tiefen meiner Erinnerungen kramen. Weil es wichtig ist, sie zu erzählen. Weil sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen anscheinend im Oberstübchen mancher Leute immer noch kein Thema sind oder aber eines, das prima zum Spaß taugt. Erst vor wenigen Tagen wurde im Netz über ein Spiel mit dem Titel "Rape Day" diskutiert. Darin geht es um eine Zombie-Apokalypse, in der man(n) loszieht, um - haha, funny! - Frauen zu vergewaltigen.

Manchmal, wenn ich über sensible Themen schreibe, in denen ich mich mit der Geschlechterrolle auseinandersetze, erhalte ich sehr viel Post. Darunter sind kluge Kommentare von Männern, denen die engstirnigen Sichtweisen einiger ihrer Geschlechtsgenossen auch auf die Murmel gehen, aber auch welche, die mir in ewig langen Mansplaining-Mails ihre Sicht erklären und meinen, ich hätte vermutlich allgemein was gegen Männer. Aber ich muss ja, um einen feministischen Blick auf unsere Gesellschaft zu werfen, nicht automatisch gegen Männer sein! Ich mag Männer! Doofe Männer und solche, deren Frauenbild im Quark der Fünfzigerjahre feststeckt, mag ich nicht!

Aber die Frauen

Viele Männer sind an einer Verbesserung der Kommunikation zwischen Mann und Frau interessiert. Sie bemühen sich, Frauen zu verstehen. Kommunikation ist der Schlüssel und die Krux zugleich. Frauen meinen oft, Kommunikation gehe mit Erklärungen einher. Sie erklären sich lieber dreimal mehr, anstatt einmal zu sagen. "So isses jetzt. So läuft der Hase."

Sich weniger erklären, ohne aufzuhören, miteinander zu reden, das müssen wir hinkriegen!

DENN: Etliche Männer scheinen noch immer nicht ganz verstanden zu haben, was SEXISMUS und sexuelle Belästigung überhaupt sind. Einige schreiben mir zum Beispiel, dass es immer nur "wir Frauen" seien, die "laut schimpfen und sich über Sexismus beschweren", während sexuell belästigte Männer eher schweigen und unsichtbar blieben. Ein Mann schrieb mir von dem erniedrigenden Gefühl, als einziger Mitarbeiter mit dutzenden Frauen zusammenzuarbeiten. Seine Kolleginnen würden ständig zotige Witze reißen. Er würde das aber nie an die große Glocke hängen, weil er nicht als "Lusche" dastehen wolle. Die Frauen seien manchmal "viel schlimmer als die Männer".

Gewiss sind auch Männer von Sexismus betroffen, auch das ist schlimm, wie es verachtenswert ist, aber es tut mir leid, ich kann es einfach nicht mehr lesen, wenn mir ein Mann schreibt, er fühle sich "regelrecht benutzt", wenn er ohne Vorwarnung "Fotos von Frauen ansehen muss, die in freizügigen Posen Bilder von sich machen, auf denen ihnen fast die Brüste aus der Bluse fallen." Das sei "genau das Gleiche: Sexuelle Belästigung von uns Männern". Und immer wieder schreiben mir verärgerte Männer, "dieses ewige Mann-Frau-Thema" nerve langsam.

Der Mann auf dem Damenfahrrad

Über folgende Begebenheit habe ich noch nie geredet, weil sie mir einfach schrecklich unangenehm ist. Aber es ist wichtig, sie zu erzählen, weil sie so oder so ähnlich JEDEN TAG passiert! Ich habe mich, wie viele Frauen, so dafür geschämt, dass ich das Erlebnis komplett verdrängt habe, obwohl mein Verstand mir natürlich sagte, dass nicht ich mich schämen muss, sondern dieses übergriffige Sackgesicht, dem ich an jenem Tag leider über den Weg gelaufen bin.

Und ständig spielt man das Erlebte herunter, sucht nach Erklärungen, so schlimm war es doch eigentlich gar nicht, anderen Frauen passieren täglich viel schlimmere Dinge. Ein lächerlich kleiner Vorfall. Du machst dich ebenfalls lächerlich, wenn du darüber nicht lachen kannst ...

Es war ein heißer Augusttag, eine sengende Sonne schien vom wolkenlosen Himmel und ganz Berlin schwitzte. Ich schrieb gerade an einer Semesterarbeit und ging dafür meistens in die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz.

Ich trug an diesem Tag einen langen Sommerrock und ein schulterfreies Oberteil. Als ich mich an diese Kolumne setzte, habe ich allen Ernstes darüber nachgedacht, ob ich erwähnen soll, dass ich unter dem Top keinen BH getragen habe. Das muss man sich mal vorstellen! Was für ein Ballaballa-Gedanke! Mir ging durch den Kopf, dass ich zu meiner Verteidigung sagen könnte, dass das Top dunkel war, man also nichts durchsehen konnte, und es ein eingearbeitetes Bandeau hatte. Aber genau das sind sie, die Gedanken, mit denen sich viele Frauen rumplagen: Man könnte ja vielleicht das Unheil provoziert haben.

Auf dem Weg zur Bibliothek gibt es einen kleinen Trampelpfad, direkt schräg über die Wiese zum Eingang. Ich schlurfte in Flipflops und Laptop unterm Arm Richtung Bibliothek. Mein Kopf war voller Ausreden, unverzüglich kehrtzumachen und ins Schwimmbad zu düsen, als sich von hinten plötzlich, wie aus dem Nichts, jemand näherte, und mir MIT VOLLER WUCHT absichtlich auf die Brüste schlug und mir das Top herunterriss. Der Spacko war leise an mich herangeradelt, er saß auf einem Damenrad, die linke Hand am Lenker, die rechte hatte er losgelassen, um zuzuschlagen. Er gierte und grölte angriffslustig. Ständig fuhr er wie ein Amokradler auf mich zu, um kurz davor abzubremsen und den Lenker rumzureißen.

"Hahaha, alle Schlampen totschlagen!"

Von der einen auf die andere Sekunde war ich wie eingefroren, ich konnte gar nichts machen! Ich realisierte zwar diese hassverzerrte Fratze, die höhnisch um mich herumfuhr, während ich mein Top schnell wieder hochzog und es ängstlich festhielt, aber es fühlte sich an, als würde ich mich selbst irgendwo aus sicherer Entfernung beobachten.

"Hahahaha, alle Schlampen totschlagen! "Bääääääh", johlte er und spuckte ein paar Mal verächtlich neben sich. Wie in Trance ging ich in die Bibliothek, irgendjemand hatte kurz darauf die Polizei gerufen. Ich nahm im Foyer Platz und glotzte mit meinem verdatterten Hä?-Gesicht aus den großen Fenstern. Das Geschehene: Es kam nicht in meinem Oberstübchen an. Ich bekam zwar mit, wie jemand dem Typ auf dem Rad hinterherrannte, während dieser weiter Frauen ansteuerte, aber ich sah wie durch ein Milchglas. Eine Frau schubste er so sehr, sie fiel beinahe hin.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, als die Polizei mich befragte. Sie sagten, der Typ sei vermutlich "über alle Berge" und fragten, ob ich "Anzeige gegen Unbekannt" erstatten wolle. Sie würden die Augen offenhalten, "bei solchen Spinnern sei ja damit zu rechnen, dass man sie über kurz oder lang auf frischer Tat schnappt". Sie waren sehr nett, diese beiden Polizisten, aber es half mir nicht wirklich, als sie versuchten, beruhigend zu sagen, ich solle es nicht schwernehmen. "Das war garantiert nur so ein Irrer." Was hätten sie auch sagen sollen? Eine Anzeige mit wenig Aussicht auf Erfolg: Ich habe sie dennoch erstattet.

Dann ging ich in den Lesesaal und haute in die Tasten, als sei nichts geschehen. Als ich Stunden später in den roten Sommerabend trat, war ich erleichtert, wie hell und warm er war und vergaß darüber, wie sehr mich mein Brustkorb und der knallrote, bald blaue Faustabdruck schmerzten.

Quelle: n-tv.de

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