Leben

Wie der Vater, so der Sohn? Was Adolf von Alois Hitler lernte

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Adolf Hitler als Kleinkind in Braunau.

(Foto: picture-alliance / akg-images)

Seine Frau nannte ihn "Onkel", der Sohn fürchtete seine Schläge: Alois Hitler war ein gewalttätiger Ungustl - und hat seinen Spross entscheidend geprägt. Das behauptet ein neues Buch, das eine Sensation verspricht, aber eher ein grundlegendes Problem aufwirft.

Hat Sie schon immer interessiert, woher eigentlich Adolf Hitlers Vorliebe für Wohnküchen rührte? Wirklich? Dann hat der Linzer Historiker Roman Sandgruber das perfekte Buch für Sie geschrieben: eine Biografie über Hitlers Vater Alois, die knietief in einem gewaltigen Schwall aus Details zu Wurzeln, Kindheit und Jugend des Diktators watet.

Die Groschen auf dem Sparbuch des kleinen Adolfs im Januar 1895, die Werkzeuge auf dem elterlichen Bauernhof, die Teilnehmer an bäuerlichen Fortbildungen im Innviertel des Jahres 1881 - Sandgruber hat sie alle gezählt und säuberlich dokumentiert, in einer beeindruckenden historischen Fleißarbeit, die allerdings ihr zentrales Versprechen nicht einlöst: "Wie der Sohn zum Diktator wurde", so lautet der Untertitel der Biografie. Ein Arbeitsauftrag, an dem ein Autor fast zwangsläufig scheitern muss.

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Adolf Hitler hat seinen Vater nicht geliebt, aber umso mehr gefürchtet, wie der Diktator einmal seiner Sekretärin anvertraute. Kein Wunder: Alois Hitler war ein Ungustl, der seine Kinder schlug, ein Aufsteiger, der bei den Kollegen vom Zollamt als Pedant verschrien war, eine Art Wutbürger avant la lettre, der in der Linzer Tages-Post gallige Leserbriefe über marode Bahnhaltestellen schrieb.

Tyrannischer Vater, liebende Mutter - Adolf Hitler ist kein Einzelfall

Und doch hat ihn der Vater geprägt, bis hin zur Unterschrift, die sich gleicht, als hätte der junge Adolf sie absichtlich kopiert. Aber was sagt uns das über Hitlers Weg zum Massenmörder? Was müssen wir noch wissen über den Menschen Adolf Hitler, was müssen wir wissen über Hitlers Hunde, Hitlers Ärzte, Hitlers Sekretärin, die allabendlich über den Fernsehbildschirm flimmern?

Sandgruber selbst zweifelt an seinem Ansatz: "Tyrannische Väter und liebende Mütter sind kein Einzelfall in der Geschichte." In den aufschlussreichen Episoden seines Buches versucht er sich an einer Mischung aus Regional- und Weltgeschichte, was Sinn ergibt: Bis zuletzt blieb Adolf Hitler ein Linzer Kleinbürger, hat Albert Speer einmal bemerkt, und es ist das große Verdienst von Sandgruber, zu zeigen, was das bedeutet - die geistige Enge, die starren Strukturen, die allgegenwärtige Gewalt.

Der emeritierte Professor kennt die Sozialgeschichte von Hitlers Heimat zwischen Österreich und Bayern bestens, minutiös schildert er den Alltag in der Provinz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der die Saat legt für den Diktator und für seine Diktatur. Darin erinnert Sandgrubers Hitler-Biografie an Michael Hanekes grandioses Faschismus-Menetekel "Das weiße Band" - wenn auch leider sprachlich mit dem Charme eines angestaubten Heimatmuseums.

Hitlers Familiengeschichte - eine Peinlichkeit

Alois Hitler

Alois Hitler wird am 7. Juni 1837 unter dem Namen Aloys Schicklgruber in Strones/Niederösterreich geboren. Als uneheliches Kind von Anna Maria Schicklgruber wächst er in ärmlichen Verhältnissen auf, wird zunächst Schuster und schlägt 1855 eine Beamtenlaufbahn bei der Zollverwaltung ein. 1876 ändert er seinen Namen in Hitler, nach Johann Georg Hiedler, der sich zur Vaterschaft bekannte.

Hitlers erste Ehe endete kinderlos mit der Scheidung, seine zweite Frau starb 1884 kurz nach der Geburt des zweiten Kindes. Schnell heiratete Alois seine Cousine zweiten Grades Klara Pölzl, das Paar bekam sechs Kinder, von denen nur Adolf und Paula älter als sechs Jahre wurden. Alois Hitler starb im Alter von 65 Jahren an einer Lungenblutung in Leonding bei Linz.

Rund 150.000 Artikel und Beiträge sind schon zu Adolf Hitler erschienen, Hunderte Biografien, keine Pandemie reicht aus, das alles zu lesen. Warum also jetzt noch dieses Buch? Auch Sandgruber hat sich die Frage gestellt, beantwortet hat sie ein Zufall, den der Verlag als "Sensationsfund" ankündigt: 31 Briefe in Kurrentschrift, verfasst von Alois Hitler, als Bündel auf einem Dachboden gelagert. Die Finderin übergibt die Briefe an Sandgruber, der den bis dato nur in groben Zügen bekannten Vater nun etwas genauer beleuchten kann.

Alois Schicklgruber wird 1837 als uneheliches Kind geboren, keine Seltenheit im österreichischen Waldviertel, sein mutmaßlicher Vater Johann Georg Hiedler erkennt den Sohn an, der allerdings bei einem anderen Mann aufwächst: Bei Johann Georgs Bruder Johann Nepomuk Hüttler, der auch als leiblicher Vater infrage kommt.

Der Lebensweg aus ärmlichen Verhältnissen scheint vorgezeichnet, Alois beginnt eine Schusterlehre, schlägt aber mit 18 Jahren die Beamtenkarriere beim Zoll ein, mit stetigem Erfolg. 1871 wird er nach Braunau versetzt, wo Adolf Hitler zur Welt kommt.

In "Mein Kampf" erschafft Hitler den Mythos Braunau, den das Örtchen am Inn bis heute nicht loswird. Eine "glückliche Bestimmung" sei es gewesen, dass er an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland geboren sei, schrieb Hitler, der in Wahrheit nur die ersten drei Lebensjahre in Braunau verbrachte. Nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich passiert er sein Geburtshaus achtlos, als seine Heimatstadt betrachtet er Linz. Doch die Propaganda bauscht den Mythos Braunau auf - und blendet die Familiengeschichte Hitlers weitestgehend aus. Sie dürfte ihm peinlich gewesen sein, vermutet Sandgruber.

Alois Hitler schafft es aus der Armut in die Mittelschicht

Hitlers Vater kommt spätestens in Braunau in der Mittelschicht an, beliebt ist er nie. "Alois Hitler war uns allen unsympathisch", gab ein Arbeitskollege zu Protokoll. Den wohl nettesten Satz, der im ganzen Buch zu finden ist, formuliert ein ehemaliges Dienstmädchen: "Er war kein Schuft."

Wohl aber war er ein Autodidakt bis ins Verderben, der sich in eine "geradezu manische Ablehnung von Lehrern und Experten" hineinsteigerte. Vereinfacht gesagt, hielt er sich für einen Universal-Begabten, und alle anderen für Kretins.

Bei Alois Hitler führte die maßlose Selbstüberschätzung nur zu einer misslungenen Episode auf einem Bauernhof, mit dem er sich einen Lebenstraum erfüllen wollte, der ihn schlussendlich aber nur Nerven und eine ganze Stange Geld kostete. Bei Sohn Adolf sollte ein ähnlicher Wesenszug in die Gröfaz-Fantastereien münden.

Dem Antisemitismus begegnet Adolf Hitler schon in seiner Kindheit

Ob auch der fanatische Antisemitismus quasi ein Erbstück war, bleibt unklar, wie so vieles, was Sandgruber mit Indizien unterlegen, aber letztlich nur vermuten kann. Wie etwa die Frage, ob Alois Hitler ein Trinker war - wahrscheinlich nicht, urteilt der Historiker, dazu sei seine Handschrift zu stabil. Zweifelsfrei nachweisen kann er aber die judenfeindliche Gesinnung gerade unter Zollbeamten in dieser Zeit, auch der junge Adolf wird wohl dem Antisemitismus schon weit früher begegnet sein als in Linz oder Wien.

Politisch war der Vater deutschnational und antiklerikal eingestellt - was nicht hieß, dass er die katholischen Gepflogenheiten nicht einhielt. 1885 musste Alois sogar eine Ausnahmegenehmigung von Rom erbitten, einen Dispens, genauer gesagt einen Inzestdispens. Hitler wollte seine dritte Frau ehelichen, Klara Pölzl, eine Enkelin von Johann Nepomuk Hüttler und damit entweder ersten oder zweiten Grades verwandt. Klara war schon mit 16 in den Haushalt der Hitlers gekommen, um die kranke zweite Ehefrau zu pflegen. "Sie war Nichte, Mätresse, Dienstmädchen, Kindermädchen, Pflegehilfe", schreibt Sandgruber. Ihren Mann Alois nannte sie auch nach der Hochzeit noch "Onkel". Wohl noch ein Grund, warum Adolf Hitler seine Familiengeschichte später lieber mit Legenden ummantelte.

Adolf Hitler - die Taschenuhr von Vater Alois und ein Foto von Mutter Klara bleiben ihm bis zu seinem Tod

Als Alois Hitler 1903 im Alter von 65 Jahren plötzlich an einer Lungenblutung verstirbt, ist der Sohn gerade 13 Jahre alt. Er besucht die Schule in Linz und geriert sich wie ein "Dandy", schreibt Sandgruber. Er will ein Student sein, es fällt ihm aber zeit seines Lebens schwer, seiner Herkunft aus der Provinz zu entfliehen.

Aber liegt in Braunau, in Leonding, in Linz der Schlüssel für den eliminatorischen Antisemitismus des späteren Diktators? Erklären die erbarmungslosen Schläge des Vaters die Verachtung für alles, was als "schwächlich" galt? Was lässt sich überhaupt ableiten aus Kindheit und Jugend, selbst bei einem Menschen wie Adolf Hitler, der, wie Sandgruber bemerkt, einmal gefasste Überzeugungen quasi niemals geändert hat? Letztlich war Hitler ein Kind seiner Zeit - wie Abermillionen andere auch. Zum "Führer" haben ihn andere gemacht, mit ihrer finanziellen Unterstützung, mit ihren Wählerstimmen. So wurde Alois Hitlers Sohn zum Diktator.

Den Vater nahm Hitler quasi mit in den Tod, wie Sandgruber in den letzten Sätzen seines Buches schreibt: "Seine letzten Tage im Bombenhagel verbrachte er vor dem Modell von Linz, das er sich in den Bunker hatte schaffen lassen. Er starrte darauf, erging sich in delirischen Träumereien, verbrannte das Foto der Mutter, zerbrach die Taschenuhr des Vaters, nahm ein paar Tabletten und entzog sich durch einen Schuss der Verantwortung."

(Dieser Artikel wurde am Montag, 15. März 2021 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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