Leben

Das Salz des Internets Armsein ist digital unsichtbar

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Das ist nicht gerade die Welt auf Instagram.

(Foto: imago images/Pixsell)

Ob ein Mensch arm ist, kann man nicht an seinem Profilbild erkennen. Armut betrifft in Deutschland trotzdem mehr Menschen, als wir uns vorstellen können. Unsere Autorin teilt hier einige Erfahrungen mit dem Thema.

Es ist Ende Oktober, Halloween steht vor der Tür, die Tage werden immer kürzer und dunkler, und auf Netflix findet sich ein Horrorfilm, der schauriger ist als der nächste. Deswegen möchte ich Ihnen heute eine Gruselgeschichte erzählen. Besonders unheimlich wird sie dadurch, dass sie echt ist. Es geht um ein Thema, dass uns allen wie kein zweites das Blut in den Adern stocken lassen kann. Jederzeit und wenn man es am wenigsten erwartet: Geld. Letzte Woche ist mir nämlich passiert, was nicht nur mir schon häufig passiert ist und noch viel häufiger passieren wird. Aber das ändert nichts daran, dass es schmerzhafter ist als so mancher Migräneanfall. Ich habe meinen Job verloren. Die Gründe sind hier so vielseitig wie nichtssagend. Es sind immer entweder die Umstände, die Pandemie, die Firmenpolitik oder sonst ein Grund, der früher oder später dazu führt, dass ich als Freelancerin von heute auf morgen vor einem riesigen Berg namens Existenzangst stehe und mir ratlos den Hinterkopf kratze.

Ja gut, Selbstständige wie ich sollten stets auf das Unverhoffte vorbereitet sein und für den schlimmsten Fall planen, aber ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Nichts bringt den Kreislauf so in Schwung wie eine doppelte Portion "Wie geht's jetzt weiter?" im E-Mail-Postfach. Auch Mathenulpen wie ich werden dann innerhalb von Sekunden zu Buchhaltern, weil sich ungefragt im Kopf ein nicht ignorierbares Fenster öffnet, das einem alle anstehenden Ausgaben und offenen Rechnungen zeigt. Daneben meist ein klitzekleiner ausgestreckter Mittelfinger mit der Botschaft: Jetzt sieh mal zu, wie du das alles bezahlst. Sofort Horrorfilmpuls.

Im Internet ist niemand arm

Statt mich nach diesem kurzen Schockmoment aufzurappeln und mich gleich an meinen Schreibtisch zu setzen, um Bewerbungen zu schreiben, entscheide ich mich natürlich erst mal dafür, mit leeren Zombieaugen stundenlang durch das gesamte Internet zu scrollen, nur um festzustellen, dass ich in Gedanken selbstverständlich ganz woanders bin. Ich schaue mir geistesabwesend auf Instagram die ganzen glücklichen und schlauen Gesichter an, die mich darum bitten, dass ich doch bitte ein wenig mehr Geld ausgeben soll, um Nachhaltigkeit zu fördern. Im Internet ist nie jemand arm. Die sind schließlich alle dreimal im Jahr im Urlaub. Und dank ihres weitreichenden Netzwerks und ihrer guten Kontakte beklagen sich alle nur darüber, wie wenig Zeit sie haben, weil sie so viel arbeiten müssen. Alle wichtigen Angelegenheiten werden ausführlich besprochen, Ehrlichkeit ist anscheinend das erste Gebot für Authentizität. Schönheit, körperliche und geistige Gesundheit, Buchempfehlungen sogar politische Themen kommen in meiner Timeline von Zeit zu Zeit vor. Spenden gehört zum guten Ton. Nur ein Thema fehlt: Armut. Arm sieht man nicht auf Fotos. Keiner redet gerne über Geld. Zumindest nicht in Deutschland. Wenn man reich ist, sagt man: Ja, wir kommen ganz gut über die Runden. Punkt.

Aus purer Angst vor dem finanziellen Ruin habe ich neulich mal recherchiert, wo die Armutsgrenze in Deutschland liegt. Konfrontationstherapie sozusagen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist jeder Mensch von Armut bedroht, dessen Einkommen unter 1074 Euro im Monat liegt. Wer weniger als 750 Euro monatlich zur Verfügung hat, ist laut Definition arm. Meine Erkenntnis daraus: Krass, ich bin arm. Eigentlich dachte ich, ich komme gut klar. Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass das so einiges erklärt. Aber gruselig ist das schon. Da denkt man, man ist bestens gebildet, kommt aus einem Mittelstandshaushalt, und alle Zeichen stehen auf Cash, Cash, Cash, aber dem ist anscheinend nicht so. Will man mit Menschen darüber reden, dass Armut nicht nur die Ränder der Gesellschaft betrifft, stößt man allerdings schnell auf Unverständnis und Schuldzuweisungen. Als alle in meinem Umfeld noch Studierende waren, war Armsein so etwas wie eine lustige Herausforderung. Ein Spiel, das man gerne mal eine Zeit lang gespielt hat, weil alle wussten, das geht bald vorbei, und man muss es mal mitgemacht haben, drei Wochen lang nur Nudeln mit Ketchup zu essen, weil man vergessen hatte, die Stromrechnung zu zahlen. Aber dann kam das zweite Staatsexamen und dann: Tschau Kakao, temporäre Armut. Die übliche Geschichte.

Spott gibt's gratis dazu

Umso schmerzhafter finde ich es, dass mich heute die Leute, die damals ihren Einkauf noch mit zurückgegebenen Pfandflaschen bezahlt haben, mit leeren, verständnislosen Augen angucken, wenn ich ihnen sage, ich kann gerade nicht einfach so zum Arzt gehen, weil ich meinen Krankenkassenbeitrag nicht rechtzeitig überweisen konnte. Die meisten wissen nämlich gar nicht, dass das Solidaritätsprinzip der gesetzlichen Krankenkassen schnell an seine Grenzen stößt, sobald es mal knapp wird im Portemonnaie. Eine Notfallversorgung ist dann nämlich alles, was man bekommen kann, falls etwas stark blutet oder komisch absteht, hat mir mal eine Mitarbeiterin meiner Krankenkasse am Telefon gesagt. Dann hat sie über ihren eigenen Witz gelacht. Nachdem ich aufgelegt hatte, habe ich erst mal angefangen zu heulen, bevor ich dann versucht habe, das Geld für den Krankenkassenbeitrag zusammenzukratzen. Spott kriegt man lustigerweise anscheinend überall gratis dazu, wenn man schon Geldprobleme hat. Eine Erfahrung ist mir zum Beispiel besonders im Gedächtnis geblieben, weil sie so nachhaltig erniedrigend war. Ich saß bei einer Finanzberatungsstelle meiner Uni, weil ich als Studentin trotz mehrerer Jobs finanziell kaum über die Runden kam, und die Dame dort riet mir schmunzelnd, doch meine Eltern auf Unterhalt zu verklagen oder einfach einen reichen Mann um den Finger zu wickeln. Wenn das nicht gruselig ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Also ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke.

Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich möchte hier wirklich nicht auf die Tränendrüse drücken. Nein, ich komme ausgezeichnet zurecht und viele andere mit ausgesprochen wenig Geld auch. Für mich liegt das Problem von Armut inmitten der Gesellschaft eher darin, dass die Empathie für Betroffene schnell ausgeschöpft ist. Natürlich redet niemand gerne über Geld, aber wenn man keins hat, dann ist es das Thema, was den Alltag bestimmt. Armsein macht krank, verzweifelt und rastlos. Diese konstante psychische Belastung kann sich niemand vorstellen, der sie nicht schon einmal erlebt hat.

Es ist leider nicht so, dass nur diejenigen arm sind, die keine Lust haben, arbeiten zu gehen. Es sind Rentner, Studierende, Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Teilzeitangestellte, Selbstständige und Kranke. In allen Teilen der Gesellschaft lauert das Armsein und ist oft komplexen Lebensumständen geschuldet. Und alle diese Menschen werden mit der Zeit immer durchsichtiger, bis sie am Ende völlig unsichtbar sind. Sie können Schritt für Schritt nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, weil ihnen schlichtweg das Budget fehlt. Kleinigkeiten wie Kinobesuche, ein Cappuccino im Lieblingscafé oder eine Monatskarte sind nicht oder nur sehr selten drin. Armut ist eben nicht sexy und echt peinlich. Anstatt erklären zu müssen, warum man nicht mit ins Restaurant kommt, bedient man sich gerne einer Notlüge. Und schon ist man in einem giftigen Kreislauf aus Scham und Vermeidungsstrategien gefangen, aus dem man nur schwer wieder herauskommt.

Wenn man das Problem sichtbarer macht und anfängt, offener über Armut zu reden, kann schon viel der seelischen Last Betroffener gelindert werden. Das Gefühl, das ein "Du bist da nicht allein" erzeugt, ist nämlich wortwörtlich unbezahlbar. Die Vorstellung, dass Armut selbst erzeugt ist oder durch Nachlässigkeit, Dummheit oder Faulheit entsteht, ist nicht nur anachronistisch, sondern auch unsolidarisch vielen Minderheiten innerhalb unserer Gesellschaft gegenüber. Deswegen sollten wir uns nicht schämen, das offene Gespräch zu suchen, selbst wenn es unangenehm ist. Wenn man mehr über die Dinge weiß, die einem Angst machen, dann sind sie auch gar nicht mehr so furchteinflößend. Gruselgeschichten wie meine haben nämlich immer eins gemeinsam: Sie haben mutige Hauptfiguren, die sich allen Herausforderungen stellen und am Ende vielleicht sogar dafür belohnt werden.

Quelle: ntv.de