Leben

"Cinemaddosso" in Turin Ausstellung zeigt Kostüme von Filmstars

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Ein Gefühl von Sissi.

(Foto: A. Affaticati)

Oscars und andere Filmpreise gibt es alljährlich auch für die Kostüme. Im Kinosaal nimmt sie der Zuschauer aber nicht immer richtig wahr. In einer Ausstellung in der norditalienischen Stadt Turin kann man sie nun hautnah erleben und ein bisschen träumen.

"Entweder man ist selber ein Kunstwerk oder man zieht eines an", pflegte der irische Schriftsteller Oscar Wilde zu sagen. Er war der Perfektion des Körpers so verfallen, dass er diese in seinem Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" verewigte. Dieser Satz wurde als Motto der Ausstellung "Cinemaddosso" im Museo Nazionale del Cinema in Turin gewählt. An die 100 Filmkostüme, die einst Audrey Hepburn, Sophia Loren, Charlotte Rampling, Vittorio Gasmann, Jude Law, Russel Crowe und viele andere Filmstars in ihren Rollen getragen haben, werden dort vorgestellt.

Als Kulisse dient die Mole Antonelliana, ein wuchtiger, 167,5 Meter hoher, pavillonähnlicher Bau aus dem 19. Jahrhundert. Eigentlich sollte er eine Synagoge werden, doch der jüdischen Gemeinde ging das Geld aus. Die Mole ist eins der höchsten Backsteingebäude der Welt und ein Wahrzeichen der piemontesischen Hauptstadt. Seit dem Jahr 2000 ist hier Italiens wichtigstes Filmmuseum beheimatet.

Wie in einer Filmkulisse

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Anna und Teresa Allegri im Jahr 1965.

(Foto: Archivio Annamode)

Genauso faszinierend wie das Äußere ist das Innere des Museums. Die abgedunkelte Haupthalle wird von einer furchterregenden Moloch-Skulptur beherrscht, die eine Hommage an Giovanni Pastrones Film "Cabiria" (1914) ist. Inmitten der Halle befördert ein gläserner Aufzug die Besucher auf die Aussichtsplattform in 85 Metern Höhe, während sich ein 280 Meter langer Seitengang bis fast zur spitz zulaufenden Kuppel hinaufwindet. Das ganze Ambiente gibt einem das Gefühl, sich in einem Szenenbild von Fritz Langs "Metropolis" (1927) verlaufen zu haben.

Im Fokus der Ausstellung steht das römische Kostüm- und Modeatelier Annamode. Das Atelier wurde kurz nach Kriegsende von den Schwestern Anna und Teresa Allegri eröffnet. Sie arbeiteten mit Kostümbildnern zusammen, zuerst für die Filmstudios in Cinecittà, später auch für Hollywood.

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Rüstung aus "Die Nibelungen".

(Foto: A. Affaticati)

Der sich hinaufwindende Gang stellt für die Exponate einen idealen Laufsteg dar. Der Raum zwischen Mauer und Gang ist eng, weswegen viele Kostüme über dem Kopf der Besucher hängen. So auch die glitzernde Abendrobe, die Hanna Schygulla in Pál Sándors Film "Miss Arizona" (1987) trägt. Andere sind in Nischen untergebracht. Ganz am Anfang des Laufstegs trifft man auf ein mit großen Metallschuppen versehenes Bruststück einer Ritterrüstung. Es stammt aus der TV-Serie "Die Nibelungen" von Uli Edel (2004) und wurde von der deutschen Kostümbildnerin Barbara Baum entworfen. "Interessant ist dabei, dass dieser Brustkorb viel schwerer aussieht, als er wirklich ist", erklärt die Kuratorin Elisabetta Bruscolini bei einem Rundgang mit ntv.de.

Die Materialienrecherche sei ein sehr wichtiger Bestandteil der Kostümanfertigung, fährt Bruscolini fort. Die Kostüme sollten die Schauspieler beim Dreh nicht behindern und wahrheitsgetreu, der jeweiligen Zeit entsprechend wirken.

Es kann auch vorkommen, dass ein Kostüm für die Leinwand später die Modewelt inspiriert. Wie im Fall von Federico Fellinis "Toby Dammit" im dreiteiligen Episodenfilm "Außergewöhnliche Geschichte" (1968). "Fellini hatte seinen Bühnenbildner Piero Tosi gebeten, ein Cape zu entwerfen, das den Anschein vermitteln sollte, sich wie ein Streichholz zu entflammen", erzählt die Kuratorin. Tosi entwarf einen Umhang aus zwei Plastikschichten, doch das funktionierte nicht, denn die klebten zusammen. Nach mehreren Versuchen fand man endlich die Lösung: Zwischen den zwei Schichten fügte man ein hauchdünnes Seidenpapier hinzu. Die Idee nahm ein paar Jahre später der Modedesigner Paco Rabanne auf.

Ohne Kostümbildner keine Filme

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Kostüme aus "Marie Antoinette".

(Foto: Andrea Affaticati)

Und weiter geht die Führung, vorbei an einer elegant bordierten Jacke, die Vittorio Gassman in King Vidors Filmepos "Krieg und Frieden" (1956) trug; ein paar Schritte weiter erblickt man eine weinrote, kunstvoll gefaltete Robe Volante, die Fanny Ardant in Patrice Lecontes Historienfilm "Ridicule - Von der Lächerlichkeit des Scheins" (1996) bekleidete; dann kommt ein blütenweißes, rosa besticktes, ovales Reifrockkleid, das für Kirsten Dunst in der Hauptrolle von Sofia Coppolas Film "Marie Antoinette" (2006) angefertigt wurde.

In der Ausstellung gibt es aber nicht nur etwas zu sehen, sondern auch zu betasten. Natürlich nicht die Kostüme selbst, dafür aber nach Originalvorlagen angefertigten Klöppelspitzen, Stickereien, Samtstreifen und Accessoires. Hinzu kommen interaktive Spiele, Videos, die Filmausschnitte und die Arbeit im Atelier Annamode zeigen oder was es alles erfordert, um ein Rokokokleid anzuziehen. Tafeln mit Beschreibungen in Brailleschrift und plastisch nachgeformte Roben ermöglichen auch Sehbehinderten, die Ausstellung zu erfassen.

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Fellinis Cape.

(Foto: A. Affaticati)

"Unser Ziel war es, ein kreatives Erlebnis zu gestalten und gleichzeitig eine Sparte der Filmindustrie in den Fokus zu stellen, die das Publikum zwar sieht, aber meistens nicht wirklich wahrnimmt. Denn was man hier sieht, sind echte Kunstwerke, die letztendlich auch zum Ruhm der italienischen Mode beigetragen haben", sagt Bruscolini und zeigt auf ein schwarzes Kleid mit glitzernder Stickarbeit, die einen Greifvogel darstellt. Der Kopf des Vogels umschlingt die Taille, während sich ein Flügel bis zur Schulter hinaufstreckt. Getragen wurde dieses Kostüm von Gudrun Landgrebe in Liliana Cavanis Film "Leidenschaften" (1985). In der Tat ist das Haute Couture pur. Piero Tosi, einer der genialsten Vertreter seiner Zunft, stellte einst fest, dass die Wahl des Kostümbildners der erste prägende Akt der Regiearbeit ist. "Wobei für den Kostümbildner wiederum das Atelier, das aus Visionen dann die Kostüme herstellt, wichtig ist" fügt Bruscolini hinzu.

Und das kann man dann selber am letzten Exponat sehen. Eigens für diese Ausstellung hat das Atelier Annamode ein Kleid mit abertausenden glitzernden Perlen und Steinen bestickt, das die Form der Mole Antonelliana hat.

Die Ausstellung "Cinemaddosso" - Die Kostüme von Annamode von Cinecittà bis Hollywood läuft bis zum 15. Juni 2020.

Quelle: ntv.de