Leben

Einfach mal ohne Alkohol Der Dry January und seine möglichen Folgen

imago94932574h.jpg

Viele machen sich über das Ausmaß ihres Alkoholkonsums Illusionen.

(Foto: imago images/Sven Ellger)

Als Dry January kennen die Briten die Idee schon länger. Im ersten Monat des Jahres wird auf Alkohol verzichtet. Suchtmediziner heißen diese bewusste Abstinenz durchaus gut, allerdings gibt es dabei tückische Fallen, in die man tappen könnte.

Glühwein im Advent, Wein und Bier an den Weihnachtsfeiertagen, Cocktails und Sekt zu Silvester - der Dezember war für viele ein alkoholreicher Monat. Da klingt die Aussicht auf einen trockenen Januar verlockend. Seit 2013 werden die Briten schon zum Dry January aufgerufen, in diesem Jahr zogen französische Gesundheitsverbände mit dem gleichen Aufruf nach. Die Idee allerdings ist sehr viel älter. In den 1940er-Jahren wurden die Finnen bereits ermutigt, zum Jahresanfang vollständig auf Alkohol zu verzichten. Das setzte sich zwar nicht durch, inzwischen können aber auch immer mehr Deutsche mit dem Begriff etwas anfangen und üben sich im Januar in Alkoholverzicht.

Einfach mal einen ganzen Monat komplett ohne Alkoholkonsum zu verbringen, hält auch Dr. Gerhard Reymann für eine gute Idee. "Im Wesentlichen ist das die Chance, die eigene Steuerungsfähigkeit zu testen und unter Beweis zu stellen", bestätigt der Chefarzt der Abteilung für Suchtmedizin an der LWL-Klinik Dortmund ntv.de.

"Einer der Vorteile eines trockenen Januar ist, dass man so vielleicht merkt, dass man seinen Konsum gar nicht mehr im Griff hat", sagt Suchtmediziner Reymann. "Wenn man sich vornimmt, den ganzen Januar keinen Alkohol zu trinken und am 10. Januar schwach wird, könnte man eine gewisse Problematik bemerken." Alkohol sei natürlich eine sozial sehr weitgehend akzeptierte Droge. Der Konsum werde aber dann problematisch, wenn man sich nicht mehr an die selbstgesetzten Grenzen halten könne. Das kann sein, dass man bisher nur nüchtern Auto gefahren ist, gearbeitet hat oder kein Bier vor vier getrunken hat. Oder eben den kompletten Januar auf Alkohol verzichten konnte.  

200 Alkoholtote jeden Tag

Für viele fühlt sich das wie Scheitern an. "Sie denken: 'Ich schaffe es nicht. Ich bin ein Verlierer. Ich bin machtlos.'" Aus der Sicht der Suchtmediziner sind aber die Einsicht und das Bemühen um fachliche Hilfe Zeichen großer Stärke. "Die eigene Situation als gefährdet einzuschätzen und die Konsequenz zu ziehen, in eine suchtmedizinische Ambulanz zur Beratung zu gehen, ist eine Kompetenz", sagt Reymann im Gespräch und auch den Menschen, die zu ihm kommen. Nach Fastenzeiten bemerken Suchtmediziner durchaus eine erhöhte Nachfrage.

Über die Jahre kann Alkohol erhebliche Gesundheitsschäden verursachen. Beinahe alle Organe können geschädigt werden, weil sich der Alkohol über die Blutbahn im gesamten Körper verteilt. Rund 200 Erkrankungen werden mit Alkoholkonsum verbunden, darunter Leber-, Herzkreislauf- und Krebserkrankungen. Die Konzentrations- und Gedächtnisleistungen von Alkoholkonsumenten verschlechtern sich, schließlich kommt es zu Persönlichkeitsveränderungen. "Im fortgeschrittenen Stadium werden sowohl das zentrale als auch das periphere Nervensystem erheblich geschädigt", fasst der Bundesdrogenbericht die Auswirkungen zusammen. Jeden Tag sterben in Deutschland etwa 200 Menschen an den Folgen ihres riskanten Alkoholkonsums.

Der alkoholfreie Start ins neue Jahr hat aus Reymanns Sicht jedoch auch handfeste Nachteile. Viele, die im Dezember reichlich Alkohol hatten, trinken zu Jahresbeginn ohnehin weniger oder auch gar nicht. "Wenn man einen Exzess hatte, liegt eine Pause nahe. Und nach einer gewissen Pause wieder anzufangen." Reymann nennt das die Dynamik der Alkoholabhängigkeitserkrankung. Wer also im Januar ganz gut klarkommt, ohne zu trinken, hätte das vielleicht sowieso getan. Nun aber wiegt er sich in der Illusion, den Konsum völlig unter Kontrolle zu haben und auf keinen Fall suchtgefährdet zu sein.

Falsche Bilder und sozialer Druck

Das liegt auch daran, dass es von Alkoholabhängigkeit noch immer ein falsches Bild gibt. "Die Mehrheit der Gesellschaft meint weiterhin, alkoholkrank ist erst derjenige, der auf einer Zeitung in der Fußgängerzone sitzt und einen Becher hinstellt", sagt Reymann. Das sei aber nur ein mögliches Endstadium der Krankheit. "Ich arbeite hier in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachklinik mit einer großen suchtmedizinischen Abteilung. Die Menschen, die sich hier vorstellen, haben fast alle schon viele Jahre der Abhängigkeit hinter sich, bevor sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen."

Schon deshalb ist jede Konsumpause gut. Aus Sicht der Suchtmediziner könnte sie aber auch gut jenseits des Januar liegen. Die unmittelbaren Auswirkungen des Alkoholverzichts können erheblich sein. Verbesserter Schlaf, weniger Kopfschmerzen, ein besseres Hautbild. Organe wie die Leber können sich regenerieren, wenn sie noch nicht erheblich geschädigt sind. Weil Alkohol zu den Kalorienbomben gehört, könnte sich eine Pause auch auf der Waage zeigen. Dann darf man den Drink allerdings nicht mit deutlich mehr Essen kompensieren.

Diese Verbesserungen können jedoch schnell wieder verschwinden: "Im Tierexperiment wurde nachgewiesen, dass man, wenn man eine gewisse Zeit auf null geht, hinterher den nicht getrunkenen Alkohol sozusagen nachtrinkt." Das führe bei vielen dann im Februar zu besonders hohem Alkoholkonsum. Reymann schlägt deshalb vor: "Man kann sich vornehmen, im Januar nichts zu trinken und im Februar nicht mehr als beispielsweise im Oktober oder November. Dann ist diese Gefahr gebannt."

Vielen, die im Januar pausieren, fällt auf, wie oft ganz selbstverständlich Alkohol angeboten wird. Zu Reymanns Arbeit gehört es deshalb auch, Menschen zu ermutigen, diese Angebote auszuschlagen. "Ich sage ihnen, man hat das Recht dazu." Mehr noch, man hat das Recht empört zu sein, falls bei einem Nein der Druck aufrechterhalten oder sogar gesteigert wird. Vor 30 Jahren waren Nötigungen zum Alkoholkonsum noch normaler, fällt dem Suchtmediziner auf. "Inzwischen hat man mehr Rückhalt, wenn man keinen Alkohol trinkt", auch im April oder Juni.

Quelle: ntv.de