Leben

Besonderer Weihnachtszauber Der Krippenbauer von Neapel

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In Roscignos Panoramen kann man sich verlieren.

Als Kind träumte Biagio Roscigno von einer begehbaren Weihnachtskrippe. Das ist bisher ein Traum geblieben. Dafür wird in seinen Kunstwerken das historische Neapel ganz lebendig.

Wenn man die Tür von Biagio Roscignos Werkstatt öffnet, sieht man dahinter eine Welt, die so fantastisch ist, wie sie nur ein Kind zusammenbasteln kann. Dabei kann man die Figuren in der Weihnachtskrippe, an der er gerade arbeitet, auch direkt vor der Werkstatt erleben: den zahnlosen Alten mit der geflickten Hose, die vollbusige, stark geschminkte Frau, das zerzauste Kind, die buckelnde Katze und den kläffenden Hund. Denn all diese Szenen spielen sich tagtäglich im Rione Sanità ab, einem der belebtesten Viertel Neapels, wo sich auch die Katakomben von San Gaudenzio und San Gennaro befinden.

Eine Frau ruft etwas von einem Balkon, Kinder spielen zwischen den Marktständen, ein älterer Herr schiebt eine Holzkarre. In den Gassen sieht man Wäscheleinen, von einem Haus zum anderen gezogen, auf denen Leintücher, T-Shirts und Jeans zum Trocknen hängen.

Genau dieselben Szenen hat Herr Biagio in seinen Weihnachtskrippen nachgebaut und zwar auf penible Weise, wie man bei einer angeschlagenen Vase sehen kann. Zuerst hat er sie geformt, dann zerschlagen und wieder zusammengekittet, damit sie wirklich echt aussieht.

Neapels Geschichte im Kleinformat

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In seiner Werkstatt lässt der Krippenbauer alle Träume Realität werden. Nur für eine begehbare Krippe ist nicht genug Platz,

(Foto: Andrea Affaticati)

"Als Kind war es mein größter Wunsch, in einer Krippe herumgehen zu können, als wäre es ein Stadtviertel", erzählt Herr Biagio. Der überaus freundliche Mann um die 40, mit schwarzem Vollbart, freut sich über jeden auch nicht angekündigten Besuch. Vielleicht hat seine Herzlichkeit auch damit zu tun, dass er tagtäglich eine Märchenwelt erfindet.

Die Liebe zu diesem Kunsthandwerk hat er früh entdeckt. Seine erste Krippe baute er mit 12 Jahren. Er zeigt stolz auf ein Regal, wo sie noch immer steht. "Wie es zu dieser Leidenschaft kam, ist schnell gesagt. Ich bin gläubig und die Krippe steht für Neapel". Sprich, für Geschichte und Bräuche der Stadt. "Nehmen wir die Tempelruine. Natürlich macht sie sich bühnenbildnerisch sehr gut, doch das ist nicht der Grund, weshalb sie in keiner neapolitanischen Krippe fehlen darf", erklärt Herr Biagio. "Eingeführt wurde sie unter der Herrschaft der Bourbonen. Zu jener Zeit, Anfang des 18. Jahrhunderts, wurden nämlich die vom Vesuv verschütteten Städte Herculaneum und Pompeji entdeckt. Außerdem symbolisiert sie den Sieg des Christentums über das Heidentum."

Die Krippen sind wie Geschichtsbücher, weil im Laufe der Zeit die Herrscher und ihre Gefolgsleute darin auftauchten. Der Erste, der darin einen Platz für sich einforderte, war der Bourbonenkönig Karl III. Unter seiner Regentschaft zählte Neapel zu den wichtigsten Städten des 18. Jahrhunderts. Doch nicht nur Könige und Adlige kommen hier vor, auch das bunte Volk, die Mohren, Zigeunerinnen, Betrunkene, Kaufmänner. Neapel war schon immer eine Stadt, die jeden aufnahm und keine Berührungsängste gegenüber den Fremden hatte.

Verblüffend echt

Biagio hat Kunstgeschichte studiert und für seine Doktorarbeit eine Dissertation über die neapolitanische Krippe geschrieben. Daher stammt sein Wissen. Die Kunstfertigkeit hat er sich aber alleine zugelegt: "Denn in dieser Zunft geben die Meister eher ungern ihr Wissen weiter."

Das Markenzeichen seiner Krippen sind die authentisch wirkenden Baumaterialien. Die Mauern sehen aus wie aus Tuffstein oder Piperno, einem dunklen Gestein dieser Gegend. Und in der Tat: Solange man die einzelnen Bauten der Krippen nicht anfasst, denkt man, sie seien aus echten Steinen oder Ziegeln. Biagio verwendet dafür Korkrinde, die er dann kunstvoll bemalt. Jedes Gebäude wird bis ins kleinste Detail sorgfältig nachgebaut. Man sieht sogar den schwarzen Ruß des Holzkohlenherds über der Tür. "Das ist ja das Schöne an dieser Arbeit", bemerkt Biagio. "Oft gehe ich einfach durch die Straßen, hier im Viertel, auf der Suche nach Inspiration, sehe mir eine Mauer näher an. Ab und zu kommt es auch vor, dass ein Besucher sagt: 'Dieses Haus habe ich aber schon gesehen'".

Viele Details, die man bei ihm entdeckt, sind nicht nur Zierde. Zum Beispiel die Wölbung bei manchen Balkons. Diese diente nicht nur dem Dekor, sondern war in erster Linie für die Damen von damals gedacht, die sich ja sonst mit ihren Reifenröcken schwergetan hätten. Vor ein paar Wochen ist ein Professor für Bauarchäologie vorbeigekommen und hat seinen Studenten anhand der nachgebauten Tuff-, Ziegel- und Piperno-Steine erklärt, wie wichtig es ist, zuerst die Materialien zu kennen, bevor man mit dem Bauen anfängt. Doch nicht nur der Professor interessiert sich für seine Arbeit. Seine Krippen seien schon in Rom, Wien, Kopenhagen und New York ausgestellt worden und die Kunden kämen aus aller Welt, erklärt Herr Biagio.

Die Stadt ist der Star

Manchmal ziehe er es sogar vor, seine Krippen ohne Figuren auszustellen, damit Straßen, Häuser, Zinnen, Kopfsteinpflaster, Felsen und Stiegen besser zur Geltung kommen. Außerdem mache er selber keine Figuren, das würde zu viel Zeit kosten und eine ganz andere Handfertigkeit voraussetzen. "Das sind wirklich Kunsthandwerker, die sie herstellen. Und jeder hat sich auf einen Figurentypus spezialisiert. Einer macht Menschen, der andere Tiere und ein weiterer die Obstkörbe". Deswegen empfehlen die Kollegen ihn als Krippenbauer und er wiederum sie als Figurenbauer. Früher waren die Figuren mannshoch und aus Holz geschnitzt, wie man noch in der Kirche Santa Maria in Portico sehen kann. Heute sind sie vorwiegend aus Ton und einem Metallgerüst.

Biagio ist noch jung, um einen Nachfolger braucht er sich noch keine Gedanken zu machen. Dass seine zwei Söhne, zehn und zwölf Jahre alt, daran Interesse haben könnten, glaubt er eher nicht. Doch im Moment beschäftigt ihn eine ganz andere Frage. Wird der Vatikan in diesem Jahr auch eine seiner Krippe aufstellen?

Quelle: n-tv.de

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