Leben

In Vino Verena Der geheimnisvolle Fremde hinter der Tür

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Hinter vielen Wohnungstüren gibt es große Geheimnisse.

(Foto: imago images/Gerhard Leber)

Social Distancing treibt bei unserer Kolumnistin die merkwürdigsten Blüten. Doch sie bleibt positiv und erkennt: Die Corona-Krise hat auch was Gutes. Dank Quarantäne geht sie beruflich neue Wege. Lesen Sie hier Detektiv Dittrichs ersten Fall!

"Und was, wenn er ein Serienkiller ist?", sagt der Göttergatte ironisch. Ich merke sofort: Er nimmt mich nicht für voll. Aber gut, dass Sie da sind, liebe Leser, Sie nehmen mich ernst. Passen Sie auf, ich muss Ihnen was erzählen! Diese Corona-Krise offenbart, jedenfalls für mich, aktuell doch was Gutes. Ich habe in dieser ganzen Quarantäne und Homeoffice-Zeit, in der ich ausschließlich in meinem Büdchen rumlungerte, etwas beschlossen: Ich gehe neue beziehungsweise zusätzliche berufliche Wege. Ich werde Privatdetektivin! Und zwar nicht nur hobbymäßig, sondern höchst professionell. Ich finde nämlich, jeder sollte sein Talent nutzen. Sehen Sie diese Kolumne ruhig als Referenz für mein außergewöhnlich gutes Schnüffelgespür, das ich sehr lange lediglich stiefmütterlich pflegte, aber dank Corona wiederentdeckt habe.

Ich wohne in einem sehr merkwürdigen Haus. Es ist sehr alt und steht unter Denkmalschutz. Ich glaube, dieses Haus birgt unendlich viele tiefe, dunkle Geheimnisse. Blöd, dass ich nicht einfach meine Nachbarn, die hier schon länger wohnen, fragen kann, denn sie verhalten sich allesamt ebenfalls sehr geheimnisvoll. Ich wage zu behaupten, dass man sich heutzutage kaum noch dafür interessiert, wer neben oder unter einem wohnt. Das mag der Anonymität der Großstadt geschuldet sein, in der ich wohne, aber auch unserer immer größer werdenden Ellenbogengesellschaft. Jedes Mal, wenn ich in Berlin umgezogen bin, habe ich bei meinen Nachbarn geklingelt und mich vorgestellt und sehr oft schauten sie mich dann mit großen, skeptischen Röntgenaugen an, als wollte ich ihnen "Das Goldene Blatt" andrehen. Das war nicht immer so.

Das Leben vor den Raufasertapeten

Meine Kindheit verbrachte ich in einer 1-A-Hausgemeinschaft. Da war immer was los. Meine Mutter schwatzte mit Frau Kalinowski auf der Treppe über das beste Letscho-Rezept, man lieh sich einander Eier, F6 (Fluppen, also Zigaretten) oder und manchmal sogar den Ehepartner aus. Ich erinnere mich an den aufgehübschten Wäschekeller, in dem die Erwachsenen ausufernde Feten feierten. Durch ein angekipptes Kellerfenster beobachteten meine Spielkameraden und ich so manches Mal, wie Herr Kalinowski eine Nachbarin am Busen streifte und die lachte daraufhin laut auf und rief: "Günther, du alter Schlawiner!", und der ganze Wäscheraum brach in schallendes Gelächter aus - auch Günthers Frau.

Die Jahre vergingen, Leute zogen aus und neue ein, und kurz bevor das Leben vor den Raufasertapeten für immer verblasste, war ich noch einmal in dem Wäschekeller, der längst als Müllhalde für alte Autoreifen diente, und ganz hinten, in der letzten oberen Ecke, da hing noch immer ein Stückchen Girlande von damals.

Und heute? Man grüßt sich zurückhaltend, hält einen kurzen Plausch über den DHL-Mann, der das ersehnte Paket falsch zugestellt hat, und verzieht sich dann wieder in sein Schneckenhaus. Ich habe immer ein bisschen den Eindruck, meine Nachbarn sind jedes Mal, wenn ich ihnen auf der Treppe begegne, furchtbar in Eile. Als würde ihnen ihr Leben unter den Fingern zerrinnen, wenn sie zu lange im Hausflur stünden. Vielleicht aber haben sie auch was zu verbergen? Nichtsdestotrotz frage ich mich, ob sie und ich überhaupt merken würden, wenn nebenan einer auszieht oder in der Wanne ausrutscht und sich dabei versehentlich mit dem Duschvorhang stranguliert.

Der geheimnisvolle Nachbar

Und jetzt kommt er ins Spiel: der geheimnisvolle Nachbar unter mir. Er gilt als Phantom und wurde von niemandem im Haus jemals richtig gesehen - jedenfalls nicht bei Tage. Als ich neulich Nacht meinen einsamen Corona-Streifzug um den Block machen will und an seiner Tür vorbeikomme, steht sie plötzlich einen Spalt offen. Neugierig werfe ich einen Blick hinein, kann aber nicht viel erkennen, weil im Flur nur so eine Funzel brennt. Aber ich habe natürlich mittlerweile einen guten Blick. An der Wand hängt eine Pinnwand mit Zeitungsschnipseln. Die ochsenblutrot gestrichenen Dielen sind übersät mit Bücherstapeln bis unter die Decke. Von dem Nachbarn fehlt jede Spur. Ich finde, die Bude hat ein bisschen was von "Sieben". Instinktiv wandern meine Augen auf der Suche nach Wunderbäumen nach oben. Keine Wunderbäume. Er ist schlau.

Aus der Küche dringt plötzlich ein Rascheln und ich schleiche mich schleunigst im dunklen Hausflur davon. Dieser nebulöse Nachbar - er soll mir fortan nicht mehr aus dem Kopf gehen. Was hat er zu verbergen? Ist er ein berühmter Schriftsteller, der die Einsamkeit gewählt hat? Vielleicht ein unbekannter Enkel von J. D. Salinger? Von nun an liege ich auf der Lauer, um das Geheimnis um die Identität dieses Mannes lüften. Mit Taschenlampe bewaffnet schleiche ich durch die Keller oder beuge mich über meine Balkonbrüstung, um einen Blick auf seine Loggia zu erhaschen. Da steht - aha - ein ominöser Sack. Sehr verdächtig. Was mag da wohl drin sein? Sehr groß ist er zwar nicht, aber ich würde hineinpassen. Ich beschließe, mich voll und ganz meinen Ermittlungen zu widmen.

Sehr schnell finde ich verstörende Indizien heraus, ich weiß zwar noch nicht, weswegen, aber ein guter Detektiv spürt, wann etwas verstörend ist. Immer nachts um Zwei geht in seinem Bad das Licht an. Irre verdächtig! Ein Mensch, der sich in seiner Wohnung auskennt, braucht zum Toilettengang definitiv kein Licht. Ich husche um das Haus, krauche auf den ersten Ast der Trauerweide und inspiziere sein Fenster zum Hof. Dunkelheit. Dann kurz Licht. Eine schemenhafte Figur im Fensterrahmen, dann das Aufleuchten von Glut. Dann wieder Dunkelheit.

Der Mann im weißen Unterhemd

Ich eile hinauf in meine Wohnung, lege mich hin und drücke die Lauscher eng auf meine weiß angepinselten, schlecht versiegelten Dielen. Ich höre verdächtige Geräusche, kaum wahrnehmbar für Menschen ohne Detektiv-Gespür. Ein Flüstern. Ein Knistern. Kommt es von dem Sack auf der Loggia? Ich rutsche über den Boden. Plötzlich: ein Krächzen durch die Nacht gefolgt von einem Klingeln an meiner Wohnungstür. Ich erstarre und überlege, mich sicherheitshalber mit meiner leeren Weinpulle zu bewaffnen, bevor ich öffne.

Im Treppenhaus steht ein Mann. Er hat kein Licht angeschaltet und nur durch das Mondlicht, das durch die Dachluke scheint, sehe ich, dass er ein weißes Unterhemd trägt und eine Zigarre im Mundwinkel hängen hat. Den Corona-Abstand hält er brav ein. Ich kombiniere sofort. Das ist ER - der dubiose Nachbar von unten drunter. Doch ehe ich etwas sagen kann, meint er: "Hörn'se mal, hamse die polnische Armee beherbergt? Jede Nacht dieser Heidenlärm!"

"T'schuldigung, ich bin Hackenläufer!", erwidere ich etwas kleinlaut, aber mit meinem breitesten Grinsen. Natürlich reine Überlebensstrategie. Der Nachbar aber ist trotz später Stunde redselig und sehr freundlich. Er zieht an seiner Zigarre und ascht genüsslich auf meinen Abtreter, während er sich vorstellt. Er ist plötzlich gar nicht mehr so mysteriös. Ich frage: "Sie sind also auch nachtaktiv", und er antwortet, "nachts besser denken zu können, aber nur, wenn oben drüber Ruhe ist". Dann fragt er mich nach meinem Beruf und für einen Augenblick überlege ich wirklich, ob ich Privatdetektiv angeben soll. Aber dann freue ich mich einfach nur, dass ich dank Corona-Lockdown und natürlich wegen meiner knallharten Spürnase den geheimnisvollen Nachbarn, das Phantom dieses Hauses, endlich aus der Reserve gelockt habe und sage: Autorin. Nachts darauf zieht er - wie ich - seine einsamen Runden um den Häuserblock. Meine Recherchen in dem Fall sind natürlich noch nicht abgeschlossen. Gern aber nehme ich bereits jetzt schon neue Aufträge von Ihnen entgegen.

Gespannt auf Ihre Nachbarn verbleibe ich mit herzlichen Grüßen, Ihre Verena Dittrich - Privatdetektivin (und ehemalige Hackenläuferin)

Quelle: ntv.de