Leben

"Wir tun dumme Dinge" Der göttliche Mensch im 21. Jahrhundert

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Yuval Harari macht sich Gedanken über die Zukunft der Menschheit.

imago/Ikon Images

Die Menschheit könnte sich durch künstliche Intelligenz und Bioengineering zu unverantwortlichen Göttern entwickeln. So sieht es der israelische Historiker Yuval Noah Harari. Vision oder nur Schwarzmalerei?

"Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft," sagte Wilhelm von Humboldt. In einer Welt, in der die Zukunft so offen und gestaltbar wie nie zuvor und künstliche Intelligenz, Roboter sowie das revolutionäre Potenzial der Technologie mit Händen zu greifen ist, betritt Lehrmeister Yuval Noah Harari die Bühne. Der israelische Historiker wird von vielen als Prophet betrachtet, vor Kurzem ist sein neues Buch "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" auch auf Deutsch erschienen.

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Der Autor Yuval Harari.

(Foto: imago/VCG)

Darin versucht der 42-jährige Wissenschaftler weiter auf der Erfolgswelle seiner beiden vorherigen Bestseller zu reiten. "Eine kurze Geschichte der Menschheit" machte ihn weltweit bekannt und erschien 2013 auf dem deutschen Markt. Dort beschreibt er die Entwicklung des Homo sapiens von seinen Anfängen bis zum heutigen Beherrscher der Erde. Mit umfangreichen Kenntnissen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen fragt der Autor, ob wir die Krone der Schöpfung oder der Schrecken des Ökosystems sind.

Im Sommer 2018 sicherte sich Regisseur Ridley Scott die Rechte an diesem Werk und wird es zusammen mit dem vielfach ausgezeichneten Filmemacher Asif Kapadia demnächst als TV-Serie produzieren. 

KI und Populismus

Der Nachfolger "Homo Deus" wurde 2017 ins Deutsche übersetzt. Wie beim Vorgänger erzählt der Shootingstar den Verlauf der Geschichte, beschreibt Ereignisse und die individuelle Erfahrung des Menschen sowie ethische Fragen. In der Fortsetzung vertritt Harari aber vor allem die These, dass der Mensch gottgleich geworden sei. Mithilfe von Wissenschaft und Technik habe er den sicheren Hafen der Religion gegen die Macht eingetauscht und lenke daher seine Geschicke selbst.

Harari, der 1976 in Kiryat Ata bei Haifa geboren wurde und seit 2005 Geschichte an der hebräischen Universität von Jerusalem lehrt, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Intellektuellen. Er hat sich vor allem mit Forschungen zum Mittelalter und zur Militärgeschichte beschäftigt, lebt bei Jerusalem in der Wüste und meditiert täglich mehrere Stunden. Interviews gibt er am liebsten schriftlich, damit er lange genug über die Antworten nachdenken kann.

Befassten sich seine ersten beiden Bücher mit der Vergangenheit und der Zukunft, will der Historiker in "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert" das Hier und Jetzt untersuchen. Dabei beschäftigt er sich unter anderem mit dem Aufstieg des Populismus, dem Brexit und Donald Trump. Es geht um Krisen und Ängste unserer Zeit sowie Bedrohungen wie den Klimawandel, die digitale Revolution und nicht zuletzt die Krisen, Kriege und Konflikte weltweit.

Vor allem aber beschäftigt Harari die menschliche Dummheit: "Ich denke nicht, dass die Menschen dumm sind, sondern nur, dass wir diese Eigenschaft nicht unterschätzen sollen", erklärte er vor einigen Wochen im "Stern". "Menschen tun dumme Dinge. Nicht wegen mangelnder Intelligenz, sondern weil ihr Bewusstsein nicht auf das ausgerichtet ist, worüber sie sich wirklich Sorgen machen sollten, wie Klimawandel oder Atomkrieg. Sie sprechen meistens über unwichtige Themen, die sie aber verstehen."

Größte Herausforderungen seit Menschengedenken

Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen
EUR 14,95
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Hararis Grundthese besagt, dass wir durch die technologischen Entwicklungen gerade vor den größten Herausforderungen seit Menschengedenken stehen. Eine Zwillingsrevolution von künstlicher Intelligenz und Biotechnologie drohe das menschliche Leben und Zusammenleben extrem zu verändern und vielleicht sogar zu beenden.

"Wir werden zu Göttern, aber zu sehr unverantwortlichen, denn im 21. Jahrhundert schaffen wir plötzlich Menschen oder ganz neuartige Wesen, die es bisher auf der Welt noch gar nicht gab," erklärte Harari im Deutschlandfunk. "Diese könnten uns irgendwann einmal kontrollieren. Davon sind wir nicht mehr so weit entfernt", fügt er hinzu. "Es gibt heutzutage Algorithmen oder Computerprogramme, die uns besser verstehen als wir uns selbst."

Sollten diese Macht über unsere Arbeit übernehmen sowie unsere Gefühle und Entscheidungen kontrollieren und ändern, würden viele Jobs überflüssig. In allen Bereichen der Menschheit könnten wir nichts mehr beisteuern und würden so zu einem nutzlosen Geschöpf verkommen. Dies führe zu großen Problemen. "Ich bin Realist," sagt der Wissenschaftler. "Die neuen Technologien können die Basis für die beste Gesellschaft sein, die es jemals gab. Aber natürlich auch für die Schlechteste, wo man alles ausspionieren kann und eine digitale Diktatur erschaffen wird."

Menschen müssten aber ihre "Schwächen und Beeinflussbarkeit besser verstehen lernen, um zu widerstehen, damit wir nicht mehr so leicht manipulierbar sind. Momentan nutzen Regierungen und Unternehmen künstliche Intelligenz gegen uns."

Harari will kein Prophet sein. "Ich bin Historiker und zeige durch Beispiele verschiedene Möglichkeiten auf, die man beachten sollte. Wir haben die Macht, die Richtung zu bestimmen." Oder, um es mit den Worten des Buchautors Hans-Friedrich Bergmann kurzzufassen: "Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen. Wer die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht gestalten."

Quelle: n-tv.de

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