Leben
In jedem Dritten steckt laut einer Studie ein Spanner - und das ist gar nicht schlimm.
In jedem Dritten steckt laut einer Studie ein Spanner - und das ist gar nicht schlimm.
Samstag, 05. Mai 2018

Ewig reizt der heimliche Blick: Der kleine Tod des Voyeurs

Von Judith Görs

Nie war sie leichter zu befriedigen als im digitalen Zeitalter: die Lust am Beobachten fremder Menschen. Weil Intimität durch die Medien immer öffentlicher wird, kommt der Alltagsvoyeur voll auf seine Kosten. Doch er verliert auch etwas.

Rechts von der Berliner Hochbahn spielt sich ein Drama ab: Hinter dem fremden Fenster schmeckt das Abendessen nicht, verliert die Köchin die Nerven, geht langsam eine Ehe zu Ende. Jeden Tag wird es ein bisschen übler. Jeden Tag blickt der Pendler in der U2 für den Bruchteil einer Sekunde auf die Not der beiden seltsam vertrauten Unbekannten - und er spürt ein Kribbeln bei dem Gedanken, was ihm wohl morgen geboten wird. Das Leben der anderen als großes Theater; das ist das Versprechen an den Alltagsvoyeur. Womöglich wird sie ihm ja schon morgen den Ehering an den Kopf werfen. Oder es gibt vielleicht doch noch eine Versöhnung hinter zugezogenen Gardinen? Die eigene Fantasie ist der beste Souffleur. So war es zumindest einmal - bevor die Privatsphäre dem digitalen Zeitgeist zum Opfer fiel.

In "Windows" fragt Jason Allen Lee nach den Grenzen von Privatheit.
In "Windows" fragt Jason Allen Lee nach den Grenzen von Privatheit.(Foto: Screenshot Vimeo/Jason Allen Lee)

"Ein offenes Fenster wird zur Einladung, nach innen zu schauen - aber wer ist es, der hineinschaut?", fragt Visual Artist Jason Allen Lee. In seinem Kurzfilm "Windows" (2018) greift er den permanenten Voyeurismus in den sozialen Medien auf. Nie zuvor war es leichter, Privates über Facebook, Twitter und Co. öffentlich zu machen. Und nie war es komplizierter, Dinge vor anderen zu verstecken. "In der digitalen Welt wird unser Privatleben mit anderen geteilt und es wird nicht immer freiwillig geteilt", sagt der Filmemacher aus Memphis. "Das Fenster steht als Metapher für die Monitore, die wir benutzen, um andere zu beobachten." Tatsächlich hat das sinnbildliche Spähen durchs Schlüsselloch angesichts der Palette an Schmutzwäsche in den modernen Medien an Reiz verloren. Der Alltagsvoyeur stirbt allmählich aus.

Um Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen: Geht es um die Lust am Beobachten, ist keineswegs der schmerbäuchige Alte gemeint, der am Badestrand um hübsche Mädchen herumschleicht und heimlich Bilder von ihnen macht. Laut einer Befragung der Universität Quebec unter 1040 Erwachsenen steckt in jedem Dritten (35 Prozent) ein praktizierender Spanner - auch deshalb fordern die kanadischen Forscher, die Einordnung des Voyeurismus in die Liste der krankhaften Sexualpräferenzen (Paraphilien) zu überdenken. "Die Ergebnisse zeigen, dass wir erst wissen müssen, was normale sexuelle Praktiken sind, bevor wir ein legales sexuelles Interesse als abnormal klassifizieren", erklärt Studienleiter und Psychologe Christian Joyal. Solange das Beobachten nur eine von mehreren Spielarten ist, um sexuelle Befriedigung zu finden, kann demnach von einer psychischen Störung keine Rede sein.

Die nackte Lust

Normal ist also, was vielen gefällt. Und spätestens im Medienzeitalter ist Voyeurismus zum Massenphänomen geworden. TV-Formate wie "Naked Attraction" oder "Adam sucht Eva" bieten Nacktheit in hoher Dosis. Prominente, allen voran Topmodel Heidi Klum, gewähren über soziale Medien Einblick ins Allerheiligste und senden freizügige Grüße sogar aus dem eigenen Bett. Auch das Beobachten fremder Paare beim Amateur-Sex ist seit dem Siegeszug von Porno-Websites nur einen Klick weit entfernt. Wer denkt da noch mit verschämter Miene an die durchsichtige Bluse der Kollegin aus der Personalabteilung? Zweifellos ist das Konzept der Medien, dem Publikum das zu liefern, wonach es verlangt, nicht gerade neu - nach der Malerei galt das Kino einst als Vehikel der Lust am verbotenen Blick.

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Weit über 1200 Filme mit voyeuristischem Fokus sind seit den Anfängen des Mediums allein in Hollywood entstanden. Und immer wieder suchten die Macher den Tabubruch. Als Regisseur David Lynch 1986 den Thriller "Blue Velvet" in die Kinos brachte, löste eine Vergewaltigungsszene bei Kritikern und Zuschauern gleichermaßen Entsetzen aus: Isabella Rossellini muss darin ihrem Peiniger Dennis Hopper hörig sein, während ihr Liebhaber im Schrank sitzt und das Geschehen beobachtet - ohne einzuschreiten. Nicht nur ihn stempelt Lynch auf diese Weise zum Voyeur, sondern auch das Publikum im Halbdunkel des Kinosaals. Der Film gilt mittlerweile als Meisterwerk. Ein Skandal wie damals wegen der drastischen Darstellung sexueller Gewalt? Heute eher unwahrscheinlich.

Tatsächlich ist die Schlagzahl, mit der Massenmedien dem Voyeur täglich "frisches" Material bieten, durch Portale wie Youtube, Instagram und Co. noch gestiegen. Bislang funktioniert das ganz gut. Doch wenn die Lust am Beobachten zum Wirtschaftsfaktor wird, greifen irgendwann die Gesetze des Kapitalismus - inklusive aller Nebenwirkungen. Schon Anfang der 1990er-Jahre warnte der Wiener Psychologe und Autor Reginald Földy vor "habituellem Voyeurismus", quasi dem gewohnheitsmäßigen Spannen. Den Medien warf Földy vor, sie täten alles, um die Sucht des Publikums nach neuen Inszenierungen von Sexualität und Gewalt zu befördern - so lange, bis erste Sättigungs- oder Abnutzungstendenzen einsetzen. Die Zeichen mehren sich, dass dieser Punkt mittlerweile erreicht, wenn nicht gar überschritten ist.

Der nackte Frust

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Geriet vor 18 Jahren noch ganz Deutschland aus dem Häuschen, als RTL2 dank Nachtkamera das Schäferstündchen zwischen Alexander Johlig und Kerstin Kilz in Millionen Wohnzimmer übertrug, trieb die Schlagzeile "Sex im Big-Brother-Container" nach zehn Staffeln der TV-Show niemandem mehr die Röte ins Gesicht. Der Sensationseffekt schlecht aufgelöster Bilder von ungelenken Bewegungen unter der Bettdecke verpuffte schnell. Ebenso verhält es sich heute mit inszenierter Privatheit in den sozialen Medien. Selbst Everybody's Darling Heidi Klum muss sich für ihre intimen Schnappschüsse angiften lassen. "Warum muss man sich so fotografieren? Das nervt langsam!", heißt es plötzlich zum Badezimmer-Selfie. Das voyeuristische Auge will überrascht werden - das macht den erfolgreichen Tabubruch weitaus schwieriger.

Die Konsequenz ist, dass nun männliche und weibliche Genitalien wahlweise in Schaukästen oder Südseeambiente ausgestellt werden - inklusive solcher Kommentare wie "Wahnsinnig scharf, auch von den Schamlippen her!". Da ist der Voyeur in uns plötzlich wieder hellwach - doch wie lange? Laut dem Würzburger Medienpsychologen Frank Schwab setzt irgendwann der FKK-Effekt ein. "Alle sind nackt, die Beobachter sind selbst die Beobachteten, auch deshalb ist der FKK-Strand zumeist eine relativ unerotische Angelegenheit", sagt der Universitätsprofessor im Gespräch mit n-tv.de. "Zur sexuellen Attraktion gehört eben dazu, dass etwas Fremdes dabei ist. Gerade das teilweise Verbergen ist ja ein Spiel mit dem Unbekannten, das das Beobachten wieder interessanter macht. Was man nicht so genau weiß, das erzeugt Erregung."

Solange Zuschauerquote und Likes den Erwartungen entsprechen, dürfte sich am Ist-Zustand allerdings wenig ändern - und das ist Schwab zufolge überhaupt nicht schlimm: "Emotionale Reaktionen sind Anzeichen für Relevanz", sagt er. Sind die Nackten am nächsten Morgen das Streitthema in der Teeküche, offenbart das einen sehr alten Gesellschaftsdiskurs, der immer wieder neu geführt werden muss. "Privatheit wird heute neu verhandelt", sagt Schwab. "Mit der Digitalisierung und dem Wegfall von Kommunikationsbarrieren geben wir sie teilweise auf. Und damit ändern sich auch die Regeln dafür, was angemessen ist und was nicht."

Wer sich deshalb nach vermeintlich besseren Zeiten zurücksehnt, sollte dem Medienexperten zufolge allerdings vorsichtig sein. Denn ein Blick in die Geschichte genügt, um die Dinge ins richtige Verhältnis zu setzen. "Zu Zeiten der Französischen Revolution konnten die Leute während der Hinrichtungen in anliegenden Häusern Prostituierte anmieten, die ihnen beim Zusehen noch Oralverkehr anboten. Oder schauen Sie sich an, was das Römische Imperium an Entertainment geboten hat", erklärt Schwab. "Heute gibt es zwar fiktionale Varianten davon, die sind aber nochmal reduziert in ihrer Drastik und eben nicht Wirklichkeit." Dass sich die weitverbreite Lust am verbotenen Blick in die Medien verlagert hat, ist also nicht zwangsläufig etwas Schlechtes. Doch das Kribbeln des Pendlers beim Gedanken an morgen - das fehlt.

Quelle: n-tv.de