Leben

"Promillisierte Verwilderung" Die Fotos, die Ischgl nicht wahrhaben will

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Lois Hechenblaikner musste sich überwinden, immer wieder nach Ischgl zu fahren.

(Foto: Lois Hechenblaikner)

Das nackte Grauen, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes - was der Fotograf Lois Hechenblaikner in seinem Fotoband "Ischgl" festgehalten hat, sind die wüsten Exzesse des Partytourismus in den Alpen. Männer, die auf Pisten pinkeln; Alkoholleichen, die vor dem Lift stranden; leere Bierfässer, die aus Lagern quellen. "Delirium Alpinum" nennt Hechenblaikner den Wahnsinn in den Bergen - und hat sich mit seinem kritischen Blick in Ischgl keine Freunde gemacht. Im Interview mit ntv.de spricht er über Fremdscham, bauernschlaue Après-Ski-Wirte und Corona als Spiegel.

ntv.de: Sie haben Ihr Buch schlicht "Ischgl" genannt. Ist das wirklich Ischgl?

Lois Hechenblaikner: Auch. Ich zeige mit fotografischen Mitteln, wie weit der Geigerzähler der Erlebnisgesellschaft ausschlägt. Ein Heimatbuch im klassischen Sinne sollte es nie werden.

Sie fotografieren seit 26 Jahren in den Après-Ski-Hütten der Alpen. Was interessiert Sie daran so sehr?

Es ist doch ein Phänomen: Wie kommt zum Volkssport Skifahren auf einmal der Alkohol dazu, in dieser Dimension? Das haben unsere cleveren Bergbauernbuben in Tirol "gut hingekriegt".

Klassische Verführung also?

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Lois Hechenblaikner fotografiert seit Jahren den Ballermann-Skitourismus in Ischgl.

(Foto: Michael Maritsch)

Ich kenne viele dieser Wirte, und noch habe ich keinen erlebt, der die Gäste mit der Peitsche hineintreibt. Nein, fairerweise muss man sagen, dass es zwei Tätergruppen gibt: die Einheimischen, die ein Geschäftsfeld entdeckt haben - und die Gäste, die da mitmachen.

Verstehen Sie die Verlockung des Après-Ski mittlerweile?

Ein Teil des Alpenraumes hat sich zum Überdruckventil für die Erlebnis- und Leistungsgesellschaft entwickelt. Loslassen können gegen Bezahlung, das ist das lukrative Geschäftsmodell geworden. Es gibt einen passenden Satz von Khalil Gibran: "Eure Freude ist enttarntes Leid". Je mehr die Menschen feiern, umso mehr decken sie zu, dass in ihrem Alltag etwas nicht ganz so rund läuft.

In Ihren Bilder wirkt Ischgl wie ein Safe Space für Altherrenhumor: Da tummeln sich die "Muschifreunde Karlsruhe", andere trinken aus den Öffnungen einer Sexpuppe ...

Eine große Rolle spielt immer Gruppendynamik. Ab drei Leuten wird's halt leicht deppert, auch bei den Frauen. Frei nach dem Zitat von Hans-Peter Dürr: "Das Primitive ist mächtig."

Manche Bilder schmerzen beim Hinschauen. Wie konnten Sie immer wieder auf den Auslöser drücken?

Ich hab mich überwinden müssen, immer wieder dort hinzufahren. Ich bin selber immer nüchtern, ich trinke nur Bailey's und Eierlikör. Es zu ertragen, war hart für mich, aber ich wollte es festhalten, weil ich wusste: Das wird irgendwann nicht mehr so sein. Wenn ich nicht all diese Bilder über die vielen Jahre hinweg gemacht hätte und wäre Corona nicht gekommen - alle hätten bestritten, dass es diese Auswüchse jemals gegeben hat.

Im Dorf haben Sie sich keine Freunde gemacht, viele fühlen sich zu Unrecht auf das Image als "Ballermann der Alpen" reduziert.

Lois Hechenblaikner

Lois Hechenblaikner wurde 1958 im Tiroler Alpbachtal geboren. Er arbeitete fast zwei Jahrzehnten lang als Reisefotograf in Asien, seit den 1990er-Jahren dokumentiert er die Entwicklung des Tourismus in seiner Heimat. Neben "Ischgl" sind im Steidl-Verlag seine Bildbände "Volksmusik", "Hinter den Bergen" und "Winter Wonderland" erschienen.

Ich kann nachvollziehen, dass es einige verletzt. Sie haben es selber nicht gesehen. Und natürlich ist das Publikum in Ischgl durchmischt, sie haben auch die sportiven Skifahrer, die sich abends in ihre 4- oder 5-Sterne-Hotels zurückziehen. Das Skigebiet ist zweifelsfrei der Hammer, sie haben immer viel Geld investiert, das war immer glaubwürdig. Aber Ischgl ist eine Marke, mit diesem diabolischen Slogan: "Relax. If you can ..." Darauf sind sie ausgerutscht, das war eine Pose, die sich entlarven musste. Es war nur eine Frage der Zeit. Die Probleme, die diesem Exzesstourismus entwuchsen, waren ihnen in Wahrheit schon lange bekannt.

Sie haben auch einige Polizeimeldungen über Schlägereien und Diebstähle dokumentiert - ungewöhnlich für ein Fotobuch.

Die sollten einen Echoraum zu meinen Bildern bilden. Man könnte mir auch Einseitigkeit vorwerfen bei der Bildauswahl - aber das sind offizielle Dokumente. Und da geht es übrigens fast immer um Alkohol. Diese Verletzten, von denen da die Rede ist, hätte es ohne Alkohol nicht gegeben. Für mich liegt da eine Mitverantwortung bei den Ischglern. Aber Verantwortung, dieses Gefühl ist in Tirol nicht immer vorhanden.

So ähnlich wie nach dem Corona-Ausbruch, als der Tiroler Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg im Fernsehen nur immer wiederholte: Wir haben alles richtig gemacht?

Da hat man kapiert, wie dieses Land kalibriert ist. Nach innen wird immer behauptet: Wir haben eh alles richtig gemacht. Wenn dann einer wie ich mit der nötigen Distanz draufschaut, werfen sie mir gleich vor, ich sei ein Heimatverräter.

Sie sind selbst Tiroler, sind auch mit Touristen in der elterlichen Pension aufgewachsen, haben selbst Ferienwohnungen. Leben Sie in diesem Land eigentlich in einer "Tourismusdiktatur", wie ein Satiriker vor einigen Wochen klagte, als er vom Tourismusverband Ischgl wegen eines Liedes angegriffen wurde?

Nein, aber es gibt eben eine starke Lobby, die sie sich erarbeitet haben. Was mir fehlt, ist ein gesundes Maß an Distanz und Selbstreflexion. Tourismus ist ja auch an sich nicht Schlechtes, nur: Wie gestalte ich's? Ich war vorletztes Jahr in Lech am Arlberg, das hat Weltklasseniveau. Danach bin ich rüber nach St. Anton - als ob ich 30 Stockwerke in die Hölle runtergefahren wäre. Nur noch akustisches Fäkalien-Ramba-Zamba à la Ballermann. Das sind Orte, die systematisch auf diese promillisierte Verwilderung kalibriert worden sind.

Ischgl steuert ja schon gegen, mit einem Skischuhverbot und einem Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen ...

Moment! Das machen sie nicht aus tiefer Einsicht, sondern aufgrund der Gegebenheiten. Warum haben sie es denn so lange laufen lassen?

Weil es sich gelohnt hat?

Genau. Sie haben dieses Angebot kreiert und dann immer noch einen draufgelegt. Alkohol ist verrückt, die härteste legale Droge, in Wahrheit sind das ja Drogenhändler, man muss das klar so benennen. Es gibt in Ischgl wirklich auch viele gute Hoteliers und Gastronomen, aber sie haben einfach diese Saufkultur entarten lassen. Ich habe mal in St. Anton einen Hotelier erlebt, der hat wutentbrannt mit der Faust auf den Tisch gehauen und geschrien: "Es wird erst a Ruh sein, wenn Alkoholverbot auf den Pisten herrscht!"

Hoffen Sie, dass Ihre Bilder zu einem Umdenken in Ischgl und anderswo führen?

Da mache ich mir keine Illusionen. Ich bin ja auch kein Missionar, diese Leute sind in der Eigenverantwortung. Sie kriegen in der Corona-Krise gerade den größten Spiegel ihrer Erfolgsgeschichte vorgeführt, dafür haben sie selbst den Nährboden gelegt. Natürlich hätte dieser Ausbruch auch in St. Anton, in Sölden oder im Zillertal passieren können, aber der schlimmste Verlauf war nun einmal in Ischgl. Und nun sind sie zu einer tragischen Marke geworden.

Wann fahren Sie mal wieder hin?

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Das Buch ist beim Steidl Verlag erschienen, hat 205 Abbildungen und kostet 34 Euro.

Das hat überhaupt keine Eile. Ich habe über einen langen Zeitraum ein Phänomen festgehalten, das eine höchst fragwürdige und abstruse Hochblüte erlebte, und förmlich zu einer Alpen-Cashcow mutierte. Ich habe natürlich Corona nicht vorausahnen können, aber ich habe mir immer gedacht: Wenn man den Tourismus so entgleiten lässt, dann darf man sich über all die negativen Nebengeräusche nicht wundern. Das wird solche psychosoziale Schädigungen mit sich bringen, das kann kein Profit aufwiegen.

Suchen Sie sich dann ein anderes Thema als Tourismus?

Das werde ich öfter gefragt, aber ich sage immer: Ich kann gar nicht aufhören, die liefern mir ständig neue Themen nach.

Mit Lois Hechenblaikner sprach Christian Bartlau

Lois Hechenblaikner: Ischgl. Mit einem Text von Stefan Gmünder. Steidl Verlag, Göttingen 2020

Quelle: ntv.de