Leben

In Vino Verena "Die Hölle, das sind die anderen"

Haben Sie nette Nachbarn? Unsere Autorin hat die Polizei im Haus. Wird sie wegen der Planung einer Straftat hopsgenommen? Wie eine mörderisch gute Idee, sich der nervenden Nachbarn unauffällig zu entledigen, scheiterte, lesen Sie hier.

"Manchmal ist es leichter, die Nachbarn statt das Kriegsbeil zu begraben", las ich in Vorbereitung auf diese Kolumne auf irgend so einer Sprücheseite. Ich fühlte mich gleich bestätigt, denn offensichtlich ist das Thema Nachbarn eines, das nicht nur mich beschäftigt, denn Nachbarn hat, zumindest in Großstädten, fast jeder - es sei denn, sie liegen bereits vergraben im Garten, dann natürlich nicht. Und bestimmt haben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Schote über die lieben Nachbarn auf Lager.

Jedenfalls hege ich aktuell schlimmste Gedanken ob der Leute von nebenan. Sie können jetzt natürlich denken: Herrje, hat die keine anderen Probleme, als sich über ihre Nachbarn zu mokieren? Doch, habe ich! Das ist es ja Nervige.

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Party, Musizieren, Türen knallen - manchmal können Nachbarn wirklich nerven.

(Foto: imago)

Ich wohne in Berlin-Pankow. Der Blick in den Himmel - unverbaut. Trauerweiden, alte Kiefern, Sandkästen. Den parkähnlichen Innenhof durchziehen Wäscheleinen, auf denen oft nicht mehr ganz so schneeweiße Riesenschlüpfer hängen und DDR-Reminiszenzen wecken, wo die Muttis einmal im Monat einen Haushaltstag hatten und zu zehnt im Hof Wäsche aufhingen und Rabatz machten, wenn einer der Väter ausgerechnet dann auf die Idee kam, den ollen Läufer auszuklopfen.

Eine ruhige Gegend also, in der ich es mir dreimal überlege, ob ich nachmittags kurz eine Runde um den Block gehe, um den vom Schreiben qualmenden Kopf durchzulüften. Es gibt hier auch viele Omis am Rollator. Ich interpretiere in deren Gesichter immer alles Mögliche rein: dass sie sehr arme, einsame Menschen sind, die alleine vor dem Fernseher sitzen, alleine essen - unsichtbar für die Nachbarn. Ich muss dann immer fast losheulen. Stimmt wirklich! Ich stehe mitten auf dem Gehweg und flenne beinahe den gebrechlichen Omis hinterher! Deswegen gehe ich meistens nachts spazieren, wenn die Omis schlafen.

Tür an Tür mit dem Feind

Doch zurück zu meinen direkten Nachbarn. Kennen Sie die auch: diese Knallschoten, mit denen man zwar Tür an Tür wohnt, die aber überhaupt kein Gefühl für ihre Mitmenschen haben? Meine Nachbarn scheinen genau von dieser Sorte zu sein.

Es ist ihnen nicht möglich, ein Mal, nur ein einziges Mal, ihre Wohnungstür leise ins Schloss gleiten lassen. Auch nicht von innen, wo ja bekanntlich eine TÜRKLINKE ist. Die Tür wird immer und mit aller Macht zugeknallt - als wären die Nachbarn dauerhaft im Aggro-Modus. Sie müssen ihre Wohnungstür wirklich unheimlich hassen.

Sie kommen - Tür knallt zu, sie gehen - Tür knallt zu. Morgens, mittags, nachts - wenn ich gerade von meinen Spaziergang zurückkomme. Kurz darauf fangen die Babys von unten drunter an zu schreien. Aber die Nachbarn kriegen das nicht mit, frei nach dem Motto: Uns doch wurscht, ob hier noch andere wohnen oder nebenan das Geschirr aus den Regalen fliegt. Was die auch nicht können, diese Nachbarn: Normal die Treppen runtergehen. Es muss immer sehr, sehr laut sein. Wie so ein Kommando, das einfällt. Meist springen sie. Sie sind vermutlich Kängurus.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, wieso ich nicht einfach mal bei den Nachbarn klingle und ein paar Takte mit ihnen plaudere. Habe ich gemacht! Zweimal. Ich grinste etwas dämlich und die grinsten auch und schwupp - knallte die Tür wieder zu. Ich glaube, die denken jetzt, ich bin so ein spießiger Blockwart mit Duschhaube, der alles sieht und alles hört und gerne kleine Kinder kneift. Hilfe!

"Öffnen Sie die Tür, hier ist die Polizei!"

Neulich klingelt es gegen neun Uhr morgens, also mitten in der Nacht, bei mir Sturm. Schlaftrunken halte ich den Zinken aus dem Schlafzimmerfenster und erschrecke mich fast zu Tode. Zwei fette Einsatzwagen der Polizei. Ein Uniformierter ruft richtig ernst und mit Nachdruck in die Gegensprechanlage: "Öffnen Sie die Tür, hier ist die Polizei!"

Mehrere Beamte stürmen das Haus. Alle in voller Montur mit Knarre und diesen Knüppeln zum eins Überbraten. Wirklich! Wenn ich es Ihnen doch sage! Ich erschaudere. Razzia? Bei mir? Was könnten die suchen? Mit halbem Herzkasper stürme ich in den Flur und öffne die Wohnungstür. Am besten gleich die Flucht nach vorn antreten, nichts abstreiten: 'Herr Wachtmeister, es tut mir leid', höre ich mich schon sagen und fühle mich sehr schuldig, denn anstatt erneut das Gespräch mit den türknallenden Nachbarn zu suchen, tat ich meinen Unmut eins, zwei Mal in den sozialen Medien kund, wo mir allerlei Problemlösungen vorgeschlagen wurden - zugegeben etwas spooky auf den ersten Blick, aber sehr effektiv.

Mordmotiv: Türen zuknallen

Das war's, denke ich. Verhaftung wegen der Planung eines schwerwiegenden Verbrechens. Ich werde alles gestehen: Ja, ich habe mich bei OBI nach Schaufeln umgesehen. Ja, die Person auf den Kameras, die sich von einem Mitarbeiter die Säge erklären lässt, bin ich. Mein Mordmotiv? Türen knallen! Ich muss aber, Herr Wachtmeister, bevor ich einfahre, drei Packungen Ohrenstöpsel bekommen. Denn im Bau gibt es auch Türen und Menschen, die sie zuschlagen. Es besteht Gefahr, dass ich jeden Türknaller über kurz oder lang eliminiere. Schon bald gäbe es weder Wärter noch Häftlinge. Nur mich - ganz alleine im Knast. Das kann unmöglich in Ihrem Interesse sein!

So oder so ähnlich möchte ich es der Polente noch auf dem Treppenabsatz gestehen, als sich herausstellt: Die wollen gar nicht zu mir! Die wollen zu meinen Nachbarn! Randale im Wohnzimmer wegen unzulänglich temperiertem Bier. Mitsamt seiner pupslauen Pulle wird der Übeltäter abgeführt; auch der Rest der Mischpoke fährt mit aufs Revier, während ich mit einer neuen, nicht mehr ganz so mörderisch guten Idee zurückbleibe. Ich werde den Nachbarn ihre Wohnungstür aushängen und weit forttragen. Der nachbarschaftlichen Beziehung wegen werde ich ihnen einen sehr schönen, sehr modischen Vorhang hinhängen. Vielleicht was mit Einhörnern. Oder beruhigenden Kreisen.

Jean-Paul Sartre sagte einst: "Die Hölle, das sind die anderen." Sollten Sie nach dieser Kolumne auf die Idee kommen, meine Nachbarn zu befragen, was sie denn so für Storys über mich in petto haben, bedenken Sie: Ich kann mit einer Schaufel umgehen und habe einen großen Keller. Nicht, dass es hinterher heißt, ich hätte Sie nicht gewarnt! In diesem Sinne Ihnen und uns allen: Auf gute NachbARSCHaft.

Quelle: n-tv.de

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