Leben

Kiwi-Treffen auf Stewart Island Die Insel am Ende der Welt

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Ein Traumstrand wie aus dem Bilderbuch - auf Stuart Island ist das Realität.

(Foto: Nadine Wenzlick)

Grün, unberührt, rau - so wie auf Stewart Island sah Neuseeland früher überall aus. Man kann dort nicht nur wunderbar wandern, sondern auch nach Kiwis suchen, jenen flugunfähigen Vögeln, die das Nationalsymbol des Landes sind.

Es muss ein Bild für die Götter sein. Angeführt von Tourguide Johnny Sharplin, der wirklich jeden Ast zu kennen scheint, schleichen wir im Schneckentempo durch den stockdunklen Regenwald, stets darauf bedacht, möglichst geräuschlos einen Fuß vor den anderen zu setzen. Jedes Rascheln löst einen kleinen Adrenalinschub aus – nicht etwa, weil hier irgendetwas lauern könnte, das uns gefährlich werden könnte. Nein, wir sind auf der Suche nach Kiwis, jenen flugunfähigen, nachtaktiven Vögeln, die in den Wäldern Neuseelands zu Hause und das Nationalsymbol des Landes sind. Hier auf Stewart Island leben Schätzungen des Department of Conservation zufolge 13.500 der scheuen Tiere – mehr als überall sonst in Neuseeland. Da sollte es doch möglich sein, einen zu finden?

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Wer möchte bei diesen Anblick nicht gleich nach Neuseeland fliegen.

(Foto: Nadine Wenczlick)

Stewart Island liegt, man kann es nicht anders sagen, am Ende der Welt: Ganz im Süden Neuseelands, 30 Kilometer vor der Küste. Der letzte Vorposten der Antarktis. Von vielen Reisenden wird die Insel, die etwa so groß ist wie Fuerteventura, deshalb übersehen. Und mal ehrlich, wer es so weit in Neuseelands Süden schafft, hat auf dem Weg auch schon eine Menge gesehen: Traumhafte Strände und blubbernde Schlammpools auf der Nordinsel, schroffe Gletscher und malerische Fjorde auf der Südinsel. Auf Stewart Island ist die Natur allerdings nicht weniger spektakulär. So wie hier sah Neuseeland früher überall aus. Die Insel ist hügelig und stark bewaldet, rau und weitestgehend unberührt. 93,5 Prozent der Fläche gehören zum Rakiura-Nationalpark und stehen unter Schutz. Besucher erwartet deshalb ein einzigartiges Tier- und Pflanzenparadies.

Wer nicht die Propellermaschine ab Invercargill nehmen möchte, für den geht es vom Küstenort Bluff mit der Fähre in einer Stunde über die Foveauxstraße. Sie ist dafür bekannt, oft stürmisch zu sein. Überhaupt kann es auf Stewart Island ungemütlich werden, doch bei unserem Besuch ist davon nichts zu ahnen. Dafür scheinen die Uhren sofort einen Tick langsamer zu schlagen. Man kann wunderbar wandern. Mehrtägige Trips führen tief in den Nationalpark, doch selbst die Wanderwege in der Nähe von Oban, der einzigen Ansiedlung der Insel, sind idyllisch. Überall zwitschern Tuis und Wood Pigeons, Waldpapageien fliegen durch die Luft. Eine goldene Bucht reiht sich an die nächste. Wer mutig ist, stürzt sich am Postkartenstrand Bathing Beach ins glasklare Wasser. Es ist so kalt, dass die Haut kribbelt.

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Auch Deutsche haben hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden. So wie Carolin Löffler.

(Foto: Nadine Wenzlick)

Auf keinen Fall verpassen sollte man außerdem die Insel Ulva Island. Kleine Wassertaxis bringen Besucher in zehn Minuten über die Paterson-Bucht. 1996 wurde die 2,7 Quadratkilometer große Insel nach einem Ausrottungsprogramm für rattenfrei erklärt und ausgestorbene Vogelarten wurden wieder angesiedelt. Folglich fühlt man sich dort wie ein einer gigantischen Voliere. Zurück auf Stewart Island geht es hinauf zum Observation Rock. Von dem Hügel eröffnet sich ein fabelhafter Blick, der an klaren Tagen bis zum Festland reicht – auch bei Sonnenuntergang ein toller Spot. Die Māori, die vor etwa 700 Jahren nach Stewart Island kamen, nennen die Insel nicht umsonst Rakiura, zu Deutsch "glühender Himmel".

Kein Wunder, dass Carolin Löffler, die gebürtig vom Bodensee stammt, sich sofort verliebt hat, als sie und ihr Mann Thorsten 2008 im Rahmen ihres Work-&-Travel-Jahres nach Stewart Island kamen. "Eigentlich wollten wir drei Monate bleiben – aber wir sind nicht mehr weggegangen", grinst die 35-Jährige. "Uns gefällt einfach alles. Die Natur, der ganze Lebensstil. Wir finden es toll, dass unsere Tochter hier aufwächst. Was sie hier alles erlebt, könnten wir ihr in Deutschland nicht bieten."

Noch nicht einmal 400 Einwohner

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Ein Kaka beobachtet seine Umgebung.

Das Leben auf Stewart Island ist zweifellos besonders. In Oban leben gerade einmal 381 Einwohner. Es gibt einen Fish-&-Chip-Laden, einen Pub im South Sea Hotel, wo man sich am Abend auf ein Bier treffen kann, und ein gehobenes Restaurant, das einen so guten Ruf hat, dass unlängst sogar der britische TV-Koch Gordon Ramsay für eine Mahlzeit vorbeischaute. Das war’s dann aber auch schon. Keine Disco, kein Kino, kein Theater. Keine Bank. Der Arzt kommt einmal im Monat. Für kleinere Wehwehchen gibt es zwei Krankenschwestern. Die einzige Polizeikraft der Insel ist vom Festland ausgeliehen und wechselt alle paar Monate. Von den dauerhaften Bewohnern haben viele mehrere Jobs. "Wir sind halt eine kleine Gemeinde", sagt Carolin Löffler, die an der Hotelrezeption und im Gemeindezentrum arbeitet. "Deswegen hilft jeder überall ein bisschen mit."

Löffler ist nicht die einzige Deutsche auf Stewart Island. Annett Eiselt machte 2004 Urlaub auf der Insel, zwei Jahre später beschloss sie auszuwandern. Inzwischen betreibt sie die Observation Rock Lodge. Ihre Gäste dürfen sich über "die südlichsten Erdbeeren im Pazifik" freuen, denn die 53-Jährige hat ein eigenes Gewächshaus im Garten.

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Ein Kiwi versteckt sich im Gebüsch.

(Foto: Nadine Wenzlick)

Eiselt lebte zuvor in Hamburg, wo sie als Produktionsleiterin an einem Theater arbeitete. Vermisst sie den Trubel der Großstadt gar nicht? "Nachtleben hatte ich zuvor ja genug", lacht sie. "Ich bin aber nicht aus Deutschland weg, weil ich es dort scheiße fand, sondern weil es hier so schön ist. Stewart Island ist einfach noch sehr unberührt. Es wurde wenig in das Ökosystem eingegriffen, Menschen und Tiere leben hier harmonisch miteinander." Kiwis und Kakas kommen regelmäßig zu ihr in den Garten. "Die Leute suchen nach unberührter Natur, nach einzigartigen Erlebnissen - und das kriegen sie hier."

Apropos: Zurück zu den Kiwis. Vom Wald haben wir uns langsam auf den Strand vorgearbeitet, wo Guide Johnny Sharplin ein kurzes aber recht beeindruckendes Standoff mit einem Seelöwen-Weibchen hatte. Wir haben den Sternenhimmel bewundert - Stewart Island ist seit Januar eins von weltweit fünf Lichtschutzgebieten - und die Augen etlicher Opossums leuchten sehen. Und dann plötzlich, zurück im Wald, schaltet Sharplin seine Taschenlampe von Weiß- auf Rotlicht. Für die fast blinden Kiwis ist das rote Licht nämlich kaum zu erkennen. Erst raschelt es wieder im Gebüsch und dann entdecken wir tatsächlich einen Kiwi. Mit seinen Dinosaurier-Füßen stakst der Vogel durch das Unterholz, seinen 20 Zentimeter langen Schnabel auf der Suche nach Sandflöhen immer wieder in den Boden steckend. In diesem Moment fühlten wir uns völlig eins mit der Wildnis.

Quelle: n-tv.de

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