Leben

Von Polyester bis Porsche Die Kraft der Wiederverwendung

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Stella McCartney - Designerin und Pionierin (ihre Ledertaschen sind schon lange vegan). In Mailand geht sie gern über den grünen Teppich.

(Foto: dpa)

Ich hab' nichts anzuziehen, jeden Morgen hab' ich nichts anzuziehen. Ist natürlich Blödsinn. Aufräumen, sortieren, bewusst kaufen und weggeben wären die Schlüssel zu einem neuen Fashion-Feeling. Probieren wir im Herbst gleich aus, okay?!

Ich suche eine schwarze, elegant-lässige Handtasche (gern eine angesagte Marke) für meine Patentochter zum 18. Geburtstag - und bevor ich mich verschulde, frage ich in meiner Facebook-Flohmarkt-Gruppe nach. Zehn Minuten später hab' ich das Ding für einen erschwinglichen Preis. Das Patenkind ist glücklich, die Tante erst recht, die Hobby-Verkäuferin, bei der das gute Stück im Schrank unter einem Handtaschen-Haufen in Vergessenheit geraten war, auch. Nächster Post auf FB: Das Haus der Eltern muss geräumt werden - leider kommen wir in das Alter, in dem das häufiger passiert. Es werden alte Pelzmäntel (nicht gern gesehen, inzwischen in "meiner" Gruppe verboten), Geschirr, Bücher, Schallplatten, Deko (im Flohmarkt-Jargon "Geschumse" genannt), Elektro-Dingens und kitschige Öl-Bilder oder coole Fotografien zum Kauf oder Tausch und manchmal sogar zum Verschenken angeboten. Autos wechseln die Besitzerin, die Frage, was mit dem Haus oder der Wohnung passiert, steht im Raum.

Kann das noch jemand gebrauchen? Yes, we can!

Hauptsache, es wird nichts weggeschmissen. Oder zumindest nur so wenig wie nötig. Das ist gut, denn tatsächlich brauchen wir recht wenig Neues, es ist ja alles bereits da. Nagellack-Fehlkäufe, Pflanzen, Kindergummistiefel und Männergrille (also Grille, auf denen Männer Fleisch grillen, nicht, auf denen Männerfleisch grillt), werden feilgeboten. Manchmal sogar ganze Männer, denn die werden auch immer gesucht und sind ab und zu direkt im Angebot: Auf Partys werden "beste Freunde" oder Ex-Männer präsentiert, an der die eine oder andere Dame durchaus noch ein paar Jahre ihre Freude haben dürfte.

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Trägt bei den Green Fashion Awards vielleicht eine alte Gardine? Allessandra Ambrosio, ihres Zeichens Super-Model und interessiert an Fair Fashion.

(Foto: dpa)

Das ist jedoch noch lange nicht alles: Obdachlosen, Geflüchteten, Gestrandeten, Suchenden, Einsamen und Glücklichen, Jungen, Alten und Diversen kann mit Rat und Tat zur Seite gestanden werden. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern 100prozentig empathisch. Freundschaften entstehen in dieser virtuellen Welt, für die viele nur Verachtung übrig haben, und Treffen werden organisiert, weil man die Hunderte von Freundinnen, Bekannten und andere Flohmarktbesucher ja nicht alle einzeln treffen kann. Schöne neue Welt!

Das Kind hat Probleme in der Schule? Nicht mehr lange, denn die vielen guten Ratschläge der anderen Mütter helfen garantiert weiter. Du hast Verdauungsstörungen? Gehören so gut wie der Vergangenheit an, denn hier wurde bereits alles probiert und nur das, was für gut befunden wurde, wird nun an die Verzweifelte weitergegeben. Was das alles mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Alles! Denn nichts ist nachhaltiger als eine gute Kommunikation. Beim Tauschen der Informationen wandern gern immer wieder ein paar zu kleine Schuhe oder eine neue aber doppelte iPhone-Hülle mit über den Tisch.

Klasse statt Masse

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Valentino bekam den Preis von seiner alten Freundin Sophia Loren überreicht.

(Foto: dpa)

Zurück zum praktischen Teil: Wir reden inzwischen viel darüber, dass wir anders produzieren müssen, das ist gut und richtig und wichtig. Aber wir können bereits jetzt anders leben, wir müssen es nur wollen! Wir haben alle mitbekommen, dass der Grüne Knopf, der uns beim nächsten Kauf dabei helfen soll, fair zu shoppen, vor Kurzem eingeführt wurde: Fair produziert, fair bezahlt, fair verkauft. Das ist ein großer Fortschritt. Das schafft Bewusstsein! Denn in vielen Schränken zu Hause tobt ja bereits die Kleiderschrankrevolution. Oder eben einfach nur das Chaos. Selbst in den Metropolen der Mode ist angekommen, dass wir so wie bisher nicht weitermachen können. Valentino, ein absoluter Meister der Haute Couture, wurde just in Mailand bei den Green Carpet Fashion Awards mit einer Art Textil-Oscar ausgezeichnet. Auch wenn viele sagen, es gehe dabei nur um Aufmerksamkeit und Werbung - ein Anfang ist gemacht und besser als nichts! Gucci soll inzwischen CO2-neutral sein, heißt es, und auch Zara, Mango und Co. versprechen Besserung. Ja, die Textil-Industrie hat - noch - einen riesigen CO2-Fußabdruck, aber es läuft - in die richtige Richtung.

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Wollen wir nicht alle wieder Klasse statt Masse? Zu dem Thema gibt es inzwischen auch viele Bücher, unter anderem Kirsten Broddes und Alf-Tobias Zahns Ratgeber "Einfach anziehend. Der Guide für alle, die Wegwerfmode satt haben". Brodde und Zahn finden: "Billigmode hat ihren Zenit überschritten." Mit einem praktischen Zehn-Schritte-Plan für das Zusammenstellen einer nachhaltigen Garderobe, zahlreichen Tipps und Anleitungen, einem ausführlichen Textilfaser-Check und einem Siegel-Guide sowie einer aktuellen Zustandsbeschreibung der Modeindustrie macht das Autorenduo deutlich, wie man sich von spontanen Impulskäufen und kurzlebigen Modetrends befreit - und trotzdem perfekt gekleidet ist.

Umdenken ist wirklich angesagt, denn "Fair Fashion" ist nur ein Teil der Lösung für den persönlichen Umgang mit Klamotten. Es wäre falsch, kaufte man genauso viel wie vorher, nur eben in "grün". Am revolutionärsten und gleichzeitig am nachhaltigsten ist es natürlich, gar nichts Neues zu kaufen und das Alte zu tragen, bis es auseinanderfällt. Worum es geht, ist der bewusste Konsum. Und dafür gibt es mittlerweile viele Anlaufstellen jenseits der Kaufhausriesen: Tauschpartys, Secondhand-Läden oder Flohmärkte.

Womit wir wieder beim Anfang wären: Ich werde die Herbstferien auch dafür nutzen, zu Hause gründlich zu entmisten. Wenn meine Familie das lesen sollte: Räumt besser vorher auf!

Quelle: n-tv.de

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