Leben
Lorenzo und Phoebe wollen 2019 nach Italien auswandern. "Phoebe hat sich bereits um eine doppelte Staatsbürgerschaft beworben", erzählt der Historiker.
Lorenzo und Phoebe wollen 2019 nach Italien auswandern. "Phoebe hat sich bereits um eine doppelte Staatsbürgerschaft beworben", erzählt der Historiker.(Foto: Laura Pannack)
Freitag, 23. März 2018

"Er wird mich heiraten müssen": Die Liebe in Zeiten des Brexit

Von Judith Görs

In unsicheren Zeiten klammern sich die Menschen an Vertrautes - die Familie, den Partner, die Freunde. Doch was, wenn diese Strukturen zu erodieren drohen? In London stehen britisch-europäische Paare wegen des Brexit vor schweren Entscheidungen.

Jana und Luke haben Glück. Eigentlich. Das Paar lebt - trotz schwindelerregender Mieten - in einer kleinen Wohnung mit zwei Schlafzimmern im schicken Londoner Stadtteil Islington. Ihre jüngste Tochter geht dort in den Kindergarten, die ältere zur Schule. Ihr Freundeskreis ist groß. Dass die beiden im März 2018 dennoch übers Auswandern nachdenken würden, hätten sie vor dem 23. Juni 2016 niemals erwartet. Es gab schlichtweg keinen Grund, ihr Zuhause zu verlassen. Doch das Referendum über die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union hat alles verändert. Der drohende Brexit stellt auch ihre Beziehung auf die Probe.

Jana und Luke erwägen, mit ihren Töchtern nach Deutschland zu ziehen.
Jana und Luke erwägen, mit ihren Töchtern nach Deutschland zu ziehen.(Foto: Laura Pannack)

Jana kommt aus Deutschland. Luke ist Brite. Mit dem geplanten EU-Austritt des Vereinigten Königreichs steht auch das Recht auf Freizügigkeit in Frage. Premierministerin Theresa May will zwar einen freien Handel mit Europa - das verankerte Recht aller EU-Bürger, im Land zu leben und zu arbeiten, ist ihrer Regierung jedoch ein Dorn im Auge. Für Jana bedeutet das vor allem eines: Unsicherheit. Und das nicht nur wegen ihres Status' als Ausländerin, wie die zweifache Mutter sagt. "Im Moment ist in Großbritannien alles so instabil. Und in Deutschland alles stabil. Unser Leben wäre dort planbarer und auch sicherer."

Doch was, wenn Luke nicht mitgeht? Könnte man die beiden Töchter einfach entwurzeln? Und wer weiß schon, ob das Leben in Deutschland wirklich leichter wäre? Nicht nur Jana und Luke - auch viele weitere europäisch-britische Paare hat der Brexit vor große Entscheidungen gestellt. Laut einer Online-Umfrage des Personaldienstleisters Randstad sind 55 Prozent der Briten bereit, in ein anderes Land zu ziehen - sofern sie dort in ihrem Beruf arbeiten können. Unter den 25- bis 45-Jährigen würden sogar 67 Prozent für einen neuen Job auswandern. Im europäischen Vergleich liegen sie damit an der Spitze. Zumindest teilweise, meinen Experten, ist das auch auf das EU-Votum zurückzuführen.

Kommt der Exodus junger Briten?

Schon kurz nach dem Referendum vor knapp zwei Jahren deutete sich ein britischer Exodus an: Vor allem die Einwanderungsbehörden von Neuseeland und Australien erlebten einen regelrechten Ansturm britischer Besucher auf ihre Websites. Aber auch die Anfragen bei der deutschen Botschaft in London nahmen zu. Und es waren ausgerechnet die jungen und gut ausgebildeten Briten, die sich Tipps fürs Auswandern holten - auch deshalb, weil sie um die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze in der Heimat fürchteten. Nun zeigt sich: Völlig unberechtigt war die Sorge nicht.

Nadia und Paul wollen unbedingt gemeinsam in Großbritannien bleiben. Werden sie deshalb heiraten?
Nadia und Paul wollen unbedingt gemeinsam in Großbritannien bleiben. Werden sie deshalb heiraten?(Foto: Laura Pannack)

Erst vor einigen Tagen hat der Konsumgüterkonzern Unilever angekündigt, aus London wegzuziehen. Künftig soll die Zentrale allein in den Niederlanden stehen. Großbanken wie Morgan Stanley oder Goldman Sachs wollen zudem Tausende Jobs nach Frankfurt am Main verlegen. Nachrichten, die bei vielen jungen Briten das Gefühl verstärken, abgehängt zu werden. Durch das Brexit-Votum habe er die Illusion verloren, dass Demokratie fair sei, sagt etwa Risikomanager Chris. "Die getroffene Entscheidung wird nicht die ältere Generation betreffen - obwohl sie die größte Verantwortung dafür trägt."

Kein unbeschwertes Verliebtsein mehr

Die Jobunsicherheit ist dabei nur das eine. Viel einschneidendere Folgen hat der Brexit für europäisch-britische Paare, die - anders als Jana und Luke - bisher keine klare Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft hatten. Die Unbeschwertheit frisch Verliebter fehlt ihnen. Denn für sie werden klassische Beziehungsthemen nun viel früher relevant als für Paare mit gleicher Nationalität: Wollen wir heiraten? Wie sieht es mit Kindern aus? Und wo sollen wir in Zukunft eigentlich leben? Für die Italienerin Nadia ist klar: Sie will gemeinsam mit ihrem britischen Freund Paul in Großbritannien bleiben, auch nach dem EU-Austritt. Doch einen Pass zu beantragen, ist aufwändig und sehr langwierig.

Allein im Jahr nach dem Referendum ist die Zahl der Anträge von EU-Bürgern auf die britische Staatsbürgerschaft um 80 Prozent gestiegen. Die Fotografin will deshalb auf Nummer sicher gehen. "Der Brexit bedeutet für mich, dass Paul mich heiraten muss, damit ich hierbleiben kann." Andere haben diesen Schritt bereits getan. "Wir hatten zwar auch vorher den Plan, irgendwann in der Zukunft zu heiraten, aber nach dem Referendum musste es dann schnell gehen", sagt Kommunikationsmanagerin Guilia. Auch sie stammt aus Italien. Nun ist sie seit sechs Monaten mit einem Briten verheiratet. Ein automatisches Bleiberecht sichert ihr die Heirat zwar nicht, aber sie vereinfacht die Bewerbung um die Staatsbürgerschaft.

Der Blick auf die Wahlheimat ändert sich

Hinzu kommt, dass sich der Blick vieler EU-Ausländer auf Großbritannien geändert hat. Empfanden sie ihre Wahlheimat früher als aufgeschlossen und tolerant, sind sie nach dem Brexit-Votum durch die deutlich gestiegene Fremdenfeindlichkeit zunehmend verunsichert. Grafikdesignerin Mirjami stammt aus Finnland - und hat chinesische Eltern. Schon als Kind erlebte sie Rassismus. Nun habe sie das gleiche Gefühl wie damals, sagt sie - "nicht gewollt und nur ein Ärgernis für die Einheimischen zu sein." Ihr Freund Adam, ein Brite, glaube zwar nicht, dass sich die aktuelle Stimmung im Land auf die Beziehung der beiden auswirken werde. "Aber ich habe so eine Lücke zwischen uns manchmal gefühlt", sagt Mirjami.

Noch ist nicht klar, wie der Brexit genau aussehen wird. Nach dem offiziellen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU soll eine zweijährige Übergangsphase bis zum Dezember 2020 folgen. In dieser Zeit behalten EU-Ausländer ihre Rechte. Was danach kommt, bleibt eine große Unbekannte - und das kann zermürbend sein. "Unser deutscher Freundeskreis ist schon jetzt arg zusammengeschrumpft", erzählt Jana. "Von den acht Paaren, mit denen wir uns regelmäßig getroffen haben, sind sechs zurück nach Deutschland gegangen - nicht allein wegen des Brexit, aber er war ein entscheidender Faktor. Großbritanniens Zukunft ohne die EU wird düster sein. Ich kann den Zerfall förmlich spüren."

Alle im Text erwähnten Paare haben sich von der Fotografin Laura Pannack für deren Projekt "Reflections of Brexit" ablichten lassen. Die Porträts wurden im British Journal of Photography veröffentlicht.

Quelle: n-tv.de