Leben

In Vino Verena Die genialste Idee im Kampf gegen Corona

"Zeit ist das, was man an der Uhr abliest", sagte Albert Einstein. N also.

(Foto: imago images/Rene Traut)

Erst die Hoffnung auf eine baldige Impfung, dann ein Impf-Debakel. Corona hat die Welt im Würgegriff. Der harte Lockdown verlangt uns Einiges ab und niemand weiß genau, wie lange das noch so weitergeht. Dabei hat unsere Kolumnistin einen 1A Vorschlag!

Irgendjemand hat mal gesagt, ohne Träume verkomme der Alltag zur langweiligen Routine. Aber unser Alltag während dieser Pandemie ist weder langweilig noch routiniert. Ich glaube, ich muss nicht extra erwähnen, dass die Corona-Krise für jeden eine Herausforderung ist. Schulen sind geschlossen, Eltern müssen jeden Tag aufs Neue zugleich Betreuer und Lehrer sein, Gastronomen, Ladenbesitzer, Kulturschaffende und viele Selbstständige stehen nicht selten vor dem finanziellen Ruin. Kurzum: Corona belastet, Corona zehrt an unserem Gemüt und nicht zuletzt an unseren Seelen.

Dazu die inzwischen unzähligen Hiobsbotschaften: Impf-Desaster, neue Mutationen, Gerüchte, Angst und Skepsis sowie Rufe nach einer Impfpflicht. Die Welt befindet sich vielerorts, bei uns höchstwahrscheinlich sogar bis Ostern, in einem harten Lockdown. Doch während das Leben verständlicherweise weitestgehend heruntergefahren wird bzw. stillsteht, läuft die Börse weiter. Weil die Wirtschaft weiterläuft.

Dass sie weiterläuft, ist nicht das Problem, nur eben das Wie. Selbst in der Corona-Krise wird noch von Wirtschaftswachstum palavert. Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft! Leck fett! Ich muss weder Wachstumskritikerin noch Nachhaltigkeitsforscherin sein, um zu fragen: Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn die Wirtschaft mal nicht wächst und kein Plus verzeichnet? So schreibt auch Ökonomin Maja Göpel in ihrem Buch: "Unsere Welt neu denken: Eine Einladung", dass wir eben nicht mehr so weitermachen können wie bisher und unser Fortschrittsideal lediglich an Geldvermehrung und Wachstum ausrichten.

Wachsen, wachsen, wachsen - um welchen Preis?

Man muss auch weder Theodor Adornos Theorien zum Kapitalismus kennen noch Herbert Marcuse Philosophien inhaliert haben, um sich die Frage zu stellen, warum die Wirtschaft eigentlich pausenlos wachsen muss? Wachsen, wachsen, wachsen, aber - um jeden Preis? Dieses aggressive, ungesunde Streben schadet uns als Gesellschaft zutiefst, aber leider schalten unsere politischen Oberindianer bei diesem Thema umgehend auf Durchzug. Die Menschen sollen konsumieren, oder wie Marcuse in seinem Werk "Der eindimensionale Mensch" schreibt: "Die Menschen erkennen sich in ihren Waren wieder (…)."

Geneigte Leserschaft, während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich auf meinem Sofa und schaue auf die Monstera neben meinem Fenster. Ich erfreue mich daran, dass sie so groß und kräftig ist. Ihre Blätter glänzen saftig, als habe man sie mit Kokosöl eingerieben, sie ist wirklich in einem prächtigen Zustand. Aber ich frage mich: Was wäre so schlimm daran, wenn sie ein Jahr lang nicht wachsen würde? Der eine Besucher, den ich noch empfangen darf, würde staunend raunen: "Oh, welch phantastisch gediehene Monstera!"

Ich verrate es Ihnen: Würde sie weiterwachsen, müsste sie sich den Weg durch meine Zimmerdecke bahnen. Hach, dieser Lockdown, langsam macht er mich wahnsinnig! Jetzt veranschauliche ich das Wirtschaftswachstum schon anhand meiner Zimmerpflanze. Und wo wir schon beim Wahnsinn sind, möchte ich Ihnen gleich von einer Idee erzählen, die vermutlich schon zig Leute vor mir hatten. Passen Sie auf, gleich geht's los! Ich möchte Sie nur kurz wissen lassen, dass ich vollkommen nüchtern und im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin, aber Sie wissen ja, dass man sich heutzutage bei wirklich gar nichts mehr sicher sein kann.

Wer bestimmt die Zeit?

Da ist jetzt also dieses verfluchte Virus. Menschen können nicht mehr zur Arbeit gehen und leiden. Es gibt viele Infizierte, Kranke und Tote. Auf der einen Seite ist Stillstand, vieles bricht auseinander, auf der anderen Seite dreht sich das Rädchen wie gehabt weiter, heißt: Der Vermieter will seine Miete, das Finanzamt seine Steuer, die Krankenkassen ihre Beiträge. Hier kommt sie nun - und bitte lachen Sie nicht - die entweder sensationelle oder aber saublöde Frage: Warum können wir nicht einfach die Zeitrechnung anhalten? Ich vergleiche die Zeitrechnung jetzt einfach mal mit meinem Auto. Das kriegt keinen TÜV, wenn ich nicht in Bälde ein paar Macken behebe, und würde stillgelegt. Warum also nicht die Zeitrechnung aussetzen?

Natürlich würden wir Kohle für den alltäglichen Bedarf ausgeben, der Mensch lebt ja nicht von Luft und Liebe allein (Hilfe, bloß nicht über Luft nachdenken!). Alles andere wie Mieten, Kredite und sonstige Beiträge würden einfach stillgelegt und vorübergehend ausgesetzt. Wenn die Zeit rein rechnerisch nicht vergeht, geht folglich auch niemandem etwas verloren. Die Uhr steht still, das Finanzsystem steht still und naja, man macht es jetzt einfach mal genau so, wie es in der Klimapolitik ja schon seit Jahren der Fall ist.

"Die fetten Jahre sind vorbei!"

Ich überlege gerade, ob die Zeit, wenn sie stillsteht, verloren gehen kann. Aber auch dafür gäbe es einen Spitzenvorschlag: Das Jahr 2024 ist ein Schaltjahr. Da könnte die Welt quasi die genommene Auszeit von der Zeit wieder aufholen. Ich müsste das mal mit dem Olaf Scholz abkaspern. Und wenn der nicht pariert, sage ich: "Die fetten Jahre sind vorbei! Keine Zeit für Wachstums-Geseiere. Die Monstera steht gut im Saft, jetzt kümmern wir uns intensiv um die Menschen!"

Achtung, ich drifte jetzt philosophisch richtig ab! Ich frage nämlich nicht nur Google, sondern vor allem uns - die Menschen: Wer bestimmt die Zeit? Okay, für so manchen vermutlich seit Freitagabend unser RTL, wenn wir uns in den kommenden 14 Tagen pünktlich um 22:15 Uhr vor den heimischen Empfangsgeräten einfinden, um die Dschungelshow zu glotzen.

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Tatsächlich aber bestimmen die Atomuhren die Zeit. Wenn ich meinen ollen Wecker anhalten kann, dann kann man doch auch die Atomuhren anhalten?! Und zwar alle auf einmal und zur selben Zeit - weltweit. Die Zeit würde somit für eine gewisse Zeit (haha) nicht mehr existieren, sondern nur der Mensch. Und das Geld, das die Regierungen zur Rettung von Konzernen ausgeben, könnte in der zeitlosen Welt für die Existenzsicherung der Bevölkerung eingesetzt werden - so lange, bis die Zeit wieder angeht.

Und jetzt ziehe ich meine Vorhänge auf, damit die Monstera noch ein bisschen Tageslicht abbekommt.

Quelle: ntv.de