Leben

In Vino Verena Warum Solidarität keine Einbahnstraße ist

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Urgroßmutter Gertruds Karte vom 25.12.1917.

(Foto: privat)

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen. Nicht wenige werden sagen: Endlich. 2020 wird auf ewig das Corona-Jahr bleiben, das Jahr, das die Grenzen unserer modernen Zeit entlarvte. Unsere Kolumnistin wagt ein sensibles Fazit.

Am ersten Weihnachtsfeiertag im Jahre 1917 schrieb meine zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alte Urgroßmutter Gertrud: "Werter Herr! Ihre neueste Karte habe ich dankend erhalten. Wünsche Ihnen gleicherseits ein glückliches, frohes neues Jahr. Hoffentlich bringt uns das neue Jahr den langersehnten Frieden. (...)"

Liebe Leserinnen und Leser, dies ist meine letzte Kolumne in diesem Jahr, doch bevor ich Ihnen und Ihren Liebsten friedliche und besinnliche Weihnachtsfeiertage wünsche, möchte ich Ihnen in diesen verbleibenden Tagen, die dieses vermaledeite Jahr 2020 noch auf dem Buckel hat, von meiner Urgroßmutter erzählen, an die ich in den letzten Monaten wieder öfter denken musste. An die Art, wie sie lachte, an ihre Gelassenheit, aber vor allem an ihren unerschütterlichen Optimismus. Und wenn ich an meine Urgroßmutter denke, erinnere ich mich auch an jenen Moment, in dem ich sie als kleines Kind in ihrem Bett liegen sah. Sie war in der Nacht zuvor in betagtem Alter, fast neunzigjährig gestorben. Ich hatte keinerlei Angst, sie so in ihrem Bett liegen zu sehen. Sie sah so friedlich aus, fast so, als würde sie lächeln. Mutter öffnete die Fenster. Die Vögel zwitscherten und das Sonnenlicht flutete das ganze Zimmer. In der Küche stand der Stachelbeerkuchen, den Uroma Gertrud noch gebacken hatte.

Jetzt, in diesen Tagen stelle ich mir die große Hoffnung meiner Urgroßmutter auf das neue Jahr vor. 1918. Vielleicht würde es endlich den "langersehnten Frieden" bringen. Der Erste Weltkrieg endete, die Spanische Grippe kam. Mehr als hundert Jahre später stelle ich mir meine 17 Jahre alte Urgroßmutter vor und blicke dabei auf die letzten Tage des Jahres 2019 zurück, an denen ich, wie Sie bestimmt auch, voller Freude auf 2020 schaute. 2020 wird mein Jahr, 2020 könnte cool werden, ich habe richtig Lust auf 2020. Die Vorsätze, die ich hatte, waren allesamt umsetzbar, ich war voller Tatendrang und Elan. Stattdessen kam, und das wissen wir alle, Corona.

Der Gipfel der Unmenschlichkeit

Ich habe wirklich die Schnauze voll von 2020. Es kann weg! Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich dieses Jahr, mit dem der Virus kam und das so viel Leid und Tod brachte, verfluche. Ich habe mich darin eingerichtet. Vieles, was bei mir schieflief, auf Corona und dieses verlorene Jahr zu schieben. Die Depression kam zurück, Aufträge brachen weg, der Lockdown kam, ging und kam wieder. Ich bin, wie vermutlich die ganze Welt, Corona müde.

Aber ich habe auch begriffen, und vielleicht brauchte es dafür auch erst diesen Schuss vor den Bug, was ich alles habe. Und wie gut es mir trotz allem geht. Ich muss nicht permanent konsumieren, um mich reich zu fühlen. Ich glaube, in diesem alltäglichen Corona-Wahnsinn habe ich dafür ein wenig den Blick verloren, meist dann, wenn ich mich wieder furchtbar darüber aufregte, dass es da draußen noch immer Menschen gibt, die das Virus für eine Lüge und das Tragen einer Maske für Mumpitz halten. Wenn ich Forderungen eitler Journalisten lese, die, statt die Gesellschaft zu vereinen, nur noch mehr Öl ins Feuer gießen. Oder, wenn ich von Pflegekräften lese und höre, die am Ende ihrer Kräfte sind und befürchten, das Gesundheitswesen könnte jeden Augenblick endgültig kollabieren.

Ich bin dann jedes Mal so voller Zorn, dass ich denke: Ja, vielleicht muss das System erst kollabieren, damit man endlich begreift, dass man es kaputtgespart hat. Dass man sich nicht weiter auf dem Rücken der Pflegekräfte ausruhen kann, frei nach dem Motto: Ach, die werden das schon irgendwie packen! Und natürlich bin ich sauer, wenn ich über die Maßnahmen der Regierung nachdenke, die den Zeitpunkt für einen viel früheren Lockdown schlicht verpennt hat. Das öffentliche Leben liegt in diesen Tagen brach, die Corona-Zahlen sind nach wie vor besorgniserregend. Täglich sterben Menschen an dem Virus und es ist der Gipfel der Unmenschlichkeit zu sagen, es treffe ja nur die Alten. Mir schreiben Leser:innen von ihren Erfahrungen, davon, dass sie sich nicht von ihren Verwandten verabschieden konnten, die einsam an Corona starben und die laut schreien möchten, wenn sie Leute ohne Maske sehen.

Menschen halten gern an Traditionen fest

Hand aufs Herz: Ist es wirklich so schlimm, wenn der Übergang ins neue Jahr ein stiller ist? Ist es wirklich so schlimm, wenn wir mal ein Silvester nicht rumballern? Wenn wir statt eines Feuerwerks am Himmel mal nur die Sterne betrachten? Die Menschen halten gern an ihren Traditionen fest. Ein Silvester ohne Feuerwerk sei kein richtiges Silvester, Weihnachten ohne Geschenke sei kein richtiges Weihnachten. Doch das größte Geschenk, das wir machen können, ist Zeit miteinander zu verbringen. Sie ist so viel kostbarer, als jede Armbanduhr mit güldenen Zeigern.

Vielleicht ist diese Zeit zwischen den Jahren auch eine Chance. Eine Chance, uns darauf zu besinnen, was uns wirklich wichtig ist im Leben. In was für einer Gesellschaft wir leben möchten, welchen Teil wir selbst beisteuern wollen und können, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert und Menschen, die weniger haben als wir, nicht vergessen werden. Dass Geflüchtete auf Moria und Lesbos in Zelten leben, während in den Parlamenten schulterklopfend von europäischen Werten gefaselt wird. Dass Solidarität keine Einbahnstraße ist. Und Nächstenliebe keine Sackgasse.

Ich glaube, meiner Urgroßmutter hätte es gefallen, dass ich, 103 Jahre, nachdem sie sich nichts sehnlicher wünschte, als den "langersehnten Frieden", über sie schreibe und dabei nicht unerwähnt lasse, was unsere gesamte Familie, wenn auch nicht in gleichen Teilen, von ihr mitbekommen hat: ihren unverwüstlichen Optimismus. Denn letzten Endes sollte jeder Mensch, ob in privaten oder globalen Maßstäben, versuchen, an Krisen zu wachsen. Das dies nicht leicht ist, weiß ich aus eigener Erfahrung. Doch die Fähigkeit, die Balance zwischen Licht und Dunkelheit zu halten, ist der emotionale Amboss, auf dem die Zufriedenheit unserer Existenz geschmiedet wird.

Ich wünsche Ihnen friedliche und besinnliche Weihnachten, einen guten Rutsch und ein wunderbares 2021. Wir lesen uns im nächsten Jahr wieder und vielleicht finde ich bis dahin ja auch Gertruds fantastisches Stachelbeerkuchen-Rezept.

Quelle: ntv.de