Leben

Mütter und Väter im Corona-Loch "Eltern sein heißt nicht, unfehlbar sein"

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Autorin Susanne Mierau ist Mutter von drei Kindern und kurz davor, einen Staubsaugerroboter zu kaufen.

(Foto: Ronja Jung)

Susanne Mierau ist Familienbegleiterin und Autorin zahlreicher Erziehungsratgeber. Ihr Buch "Frei und unverbogen" wurde direkt ein Bestseller. Im Gespräch mit ntv.de erklärt Mierau, wie man Kinder ohne Druck erzieht und warum bedürfnisorientierte Erziehung in Zeiten der Pandemie dabei helfen kann.

ntv.de: Sie arbeiten auch als Beraterin für Familien. Was treibt Eltern derzeit besonders um?

Susanne Mierau: Viele Themen rund um die Aufteilung der Care-Arbeit und die Organisation des Alltags. In meinen Beratungen steht derzeit außerdem die Frage sehr im Vordergrund, wie Eltern mit Wut und starken Gefühlen bei Kindern gut umgehen können. Viele Eltern fragen sich, was sie selber auffangen können und ab wann sie weiterführende Angebote oder eine Therapie in Anspruch nehmen sollten.

Was können Eltern tun, um im Umgang mit ihren Kindern nicht in schlechte Verhaltensmuster zu fallen?

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Hier ist Selbstfürsorge zentral: Wer nicht gut für sich sorgt, wird Probleme haben, in einer Konfliktsituation entspannt zu bleiben. In Paarbeziehungen bedeutet das, viel miteinander zu reden und Zeit für sich einzufordern, so dass es nicht zu einem Ungleichgewicht kommt. Alleinerziehende haben besonders herausfordernde Rahmenbedingungen, gerade deswegen ist es für sie wichtig, sich Hilfe zu holen, sei es durch die Familie oder durch Angebote wie die ambulante Familienpflege. Ein weiterer Gedanke, den man streichen sollte: Dass Kinder uns ärgern wollen und Machtspiele spielen.

Warum ist es gerade jetzt so wichtig, auf Kinder feinfühlig einzugehen?

Weil es an uns ist, ihnen in dieser schweren Situation als Bindungsperson beizustehen - und das ist wichtiger, als auch noch die Lehrer- oder Lehrerinnenrolle auszufüllen. Kinder brauchen jetzt starke und liebevolle Eltern, bei denen sie auch ihren Frust abladen können, für viele sind wir in dieser Lage die letzte Bastion. Wenn wir ihnen nun auch noch diese Bindung nehmen und mit ihnen wegen vermeintlich wichtigen schulischen Themen in Streit geraten, dann fühlen sie sich im Stich gelassen. Besser ist es, zu sagen: Das funktioniert so nicht, was können wir tun? Und dann zu prüfen, ob noch Ressourcen da sind, einen Lehrinhalt beispielsweise durch ein Lernvideo zu vermitteln. Oder ob es besser ist, dem Lehrer oder der Lehrerin zurückzumelden, dass man diese Aufgabe heute nicht schafft.

Wie kann man es vermeiden, in einer Stresssituation dem Kind gegenüber ausfallend zu werden - und was kann man tun, wenn es doch einmal passiert ist?

Wenn man erschöpft und wütend ist, kann man das ruhig artikulieren, dem Kind sagen: "Ich finde es auch anstrengend, ich bin sauer und habe keine Lust mehr, komm, lass uns eine Pause machen." Und wenn man etwas sagt, das man bereut, dann ist es total gut, das Kind um Entschuldigung zu bitten. Eltern sein, heißt nicht, unfehlbar sein! Warum nicht einfach erklären, dass man von Homeoffice und Homeschooling erschöpft ist, aber das Kind trotzdem total lieb hat, und dass man nicht so reagieren wollte? Wenn es allerdings immer wieder passiert, sollte man sich professionelle Hilfe holen.

Sie fassen den Gewaltbegriff in der Erziehung sehr weit. Wo beginnt Gewalt im Umgang mit Kindern?

Auch psychische Gewalt ist für Kinder sehr schmerzhaft und kann schlimme Folgen haben, die bis in das Erwachsenenalter hineinreichen. Dazu gehören abwertende Kommentare wie "Du machst das nie richtig!" oder beschämende Sprüche wie "Du bist echt zu doof". Denn diese Art der Erniedrigung und Demütigung färbt auf das Selbstbild eines jungen Menschen ab.

Sie gelten als Verfechterin der bedürfnisorientierten Erziehung. Kritiker werfen dieser Schule vor, dass sie ein problematisches Frauenbild propagiert, das vor allem Mütter damit betraut, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen. Was setzen Sie dem entgegen?

Im Grunde ist die bedürfnisorientierte Erziehung ein einfaches Konzept: Jeder Mensch hat Bedürfnisse wie das nach Schutz, Nahrung, sozialen Kontakten, Selbstverwirklichung oder Autonomie. Es geht darum, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bekommen und nicht nur die Bedürfnisse der Erwachsenen voranzustellen. Wir sind mittlerweile von den Lehren des amerikanischen Kinderarztes William Sears abgekommen, der die Mutter dabei in den Vordergrund stellte. Heute sehen wir, dass Eltern sich unabhängig vom Geschlecht gut um ihre Kinder kümmern können, dass Bindung nicht abhängig davon ist, dass Väter genauso gut die Bedürfnisse ihrer Kinder erkennen und auf sie reagieren können und dabei sogar ähnliche Hormone ausschütten wie Frauen, die sich intensiv um ihren Nachwuchs kümmern.

Die Angst davor, Kinder zu verziehen und kleine Tyrannen großzuziehen, ist immer noch ein Thema. Ist sie berechtigt?

In der Generation unserer Eltern war die Angst groß, Kinder zu verzärteln. Erziehungsratgeber waren damals immer noch von dem Glauben geleitet, dass man Kinder so erziehen sollte, dass sie sich möglichst gut der Gesellschaft anpassen. Aber wer immer nur lernt, sich anzupassen, kann nicht flexibel und kreativ auf neue Probleme reagieren - und genau das müssen Kinder heute. Die neue Generation steht vor großen Herausforderungen wie dem Klimawandel. Alte Handlungsmuster helfen ihnen nicht dabei, auf eine Welt mit komplett neuen Situationen, wie einer weltweiten Pandemie, zu reagieren.

Haben Sie für Eltern einen ganz grundsätzlichen Rat, wie sie gut durch die Corona-Krise kommen?

Abstriche machen, den eigenen Perfektionismus zurückstellen! Für uns ist das Wichtigste, dass unsere Kinder psychisch gesund durch die Krise kommen. Das ist uns wichtiger als gute Noten, das machen wir zu unserer Priorität. Auch im Alltag machen wir extreme Abstriche - vor allem in Sachen Haushaltsführung. Wir räumen auf, wenn es gerade passt. Derzeit schaffen wir es zum Beispiel nur einmal die Woche, Staub zu saugen. Ich habe mich lange gegen einen Saugroboter gewehrt, aber ich glaube, wir werden bald einen anschaffen.

Mit Susanne Mierau sprach Sarah Borufka

Quelle: ntv.de

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