Leben

Kuren für erschöpfte Mütter "Viele Frauen weinen nur noch"

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Viele Mütter kommen extrem erschöpft am Kurort an.

(Foto: imago/Westend61)

Mutter-Kind-Kuren sind für viele Frauen eine der seltenen Möglichkeiten, mal innezuhalten und die Batterien wieder aufzuladen. In Pandemiezeiten wurden viele der Kuren abgesagt, obwohl sie dringender nötig sind denn je. Fast jedes zweite Elternteil fühlt sich täglich erschöpft. Besonders Mütter geraten an ihre Grenzen.

Elisabeth Grochtmann leitet seit 20 Jahren die Kurklinik "Stella Maris" in Kühlungsborn. In zwei Jahrzehnten haben sie und ihr Team Tausende Mütter kennengelernt, die zur Mutter-Kind-Kur hierherkamen. Aber so erschöpft wie heute waren die Patientinnen noch nie. "Mütter sind gegenwärtig einem enormen Druck ausgesetzt. Zur doppelten und dreifachen Belastung als Berufstätige, Mutter und Familienmanagerin kommt derzeit in vielen Fällen noch das Homeschooling oder Homeoffice mit Kitakindern hinzu. Das bringt viele Frauen an ihre Grenzen", sagt Grochtmann ntv.de.

"Im Erstgespräch fließen dann Tränen, viele Mütter weinen nur noch, wenn sie hier ankommen. Die meisten sind unendlich erleichtert, etwas Abstand zu haben, die Kinder hier in die Betreuung geben zu können und sich seit Monaten einmal wieder um sich selbst zu kümmern. Für sie war der erste Lockdown schon eine lange Durststrecke und die Vorstellung, das alles noch einmal leisten zu müssen, ist für viele Mütter eine absolute Katastrophe."

Das zeigt auch eine Studie der DAK-Gesundheit aus dem Mai 2020: Jede zweite Mutter gab an, unter Erschöpfung zu leiden, 38 Prozent hatten Schlafprobleme, und jede Vierte fühlte sich traurig. Bei den Vätern lag der Anteil derer, die sich erschöpft fühlten, nur bei 39 Prozent, Schlafprobleme waren bei rund einem Drittel ein Thema und nur 16 Prozent klagten über pandemiebedingte Traurigkeit.

Totale Erschöpfung

Auch Grochtmann sah die Auswirkungen des ersten Lockdowns und der dreifachen Belastung aus Job, Homeschooling und Haushalt bei ihren Patientinnen. Eine von ihnen, berichtet die Klinikleiterin, sei während des ersten Lockdowns jeden Tag um vier Uhr morgens aufgestanden, um etwas arbeiten zu können, ehe ihre Kinder aufwachten. Nachdem sie diese versorgt und beschult hatte, kochte sie Mittagessen, erledigte den Haushalt und fuhr am Nachmittag noch 30 Kilometer zu ihren Eltern, die zur Risikogruppe gehören, und brachte ihnen Einkäufe vorbei. "Das kann auf Dauer keiner leisten, ohne zusammenzubrechen", so Grochtmann.

Und es zeige sich auch an den Krankheitsbildern. "Frauen kommen völlig erschöpft hier an, viele leiden unter leichten bis mittelgradigen Depressionen, psychosomatischen Beschwerden, Rückenschmerzen, Haut- und Atembeschwerden. Für viele ist der Aufenthalt hier ein Licht am Ende des Tunnels, ein Rettungsanker, auf den sie Monate gewartet haben."

Umso mehr freut es sie, dass die Klinik seit dem 9. Februar wieder Kuren anbieten kann - zuvor schloss sie ihr Haus, denn im Dezember trat in Mecklenburg-Vorpommern eine Verordnung in Kraft, laut der das Haus sämtliche Gemeinschaftsbereiche wie Teeküchen, Spielzimmer und die Bibliothek schließen musste. Nachdem sie zwei Kurstarts abgesagt hatte, kamen vor wenigen Wochen 25 Mütter mit negativem PCR-Testergebnis. Die Frauen werden vor Ort noch zweimal getestet - und blühen regelrecht auf. "Manche sagen, sie wollen gar nicht mehr weg, denn die meisten hatten zu Hause keine Kinderbetreuung und genießen es ungemein, hier einfach erst einmal durchatmen zu können", sagt Grochtmann.

Wenig Respekt für viele Mütter

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Um zu zeigen, wie Mütter wahrgenommen werden, macht Kinderärztin und Bestsellerautorin Karella Easweran gerne folgendes Experiment: Einfach mal die Phrase "Warum sind Mütter …" in eine Suchmaschine eingeben und sehen, welche Ergänzungen vorgeschlagen werden. "Die häufigsten Vorschläge sind dann nicht etwa: Warum sind Mütter so wichtig?", sagt Easwaran ntv.de. "Sondern: Warum sind Mütter so nervig? Warum sind Mütter so gemein? Oder so gestresst?".

Das sage viel über die Wahrnehmung dieser Rolle aus, aber auch über den Zustand, in dem sich Mütter häufig auch schon vor der Pandemie befanden. "Dauernd gestresst, kaum wertgeschätzt, schlecht behandelt. Es ist furchtbar, wie wenig Unterstützung und Respekt viele Mütter bekommen. Oft halten sie alleine die ganze Familie aufrecht, und diese Leistung wird viel zu wenig anerkannt."

In Zeiten der Corona-Pandemie sieht auch die Kinderärztin in ihrer Praxis immer mehr verzweifelte Mütter, die nicht wissen, wie sie Homeschooling oder Kinderbetreuung, den Haushalt und ihren Job unter einen Hut bekommen sollen. "Es gibt zwar auch engagierte Väter und Paare, die sich die Care-Arbeit gleichberechtigt aufteilen, aber zu 80 Prozent sind es immer noch die Mütter, die sich um die Kinder kümmern", sagt Easwaran.

Gleichzeitig sei der Stress, unter dem sie stehen, gewachsen: Frauen sind heute berufstätig und kümmern sich um die Familie und den Haushalt. Der Druck, in all diesen Bereichen Leistung zu bringen, steige stetig und Strukturen wie die Großfamilie, die früher für Entlastung sorgte, sein in vielen Fällen weggebrochen, so Easwaran. Spätestens durch Corona könnten die Großeltern sich ohnehin in den meisten Fällen nicht mehr in die Kinderbetreuung einbringen, dabei sei dieses "Dorf" für Mütter sehr wichtig - denn Kinder großzuziehen sei kein Job, den man ganz ohne Hilfe anderer schaffen könnte.

"Burn-out und Depressionen bei den Müttern haben auch schon vor der Pandemie in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel zugenommen, diese Lage könnte weiter eskalieren. Das hat fatale Folgen für die ganze Gesellschaft: Kinder mit chronisch kranken Eltern haben ein erhöhtes Risiko, später ebenfalls zu erkranken. Die Mütter zu schützen und zu entlasten ist auch deswegen eine wichtige Aufgabe", so die Ärztin.

Notfall-Strategien für gestresste Mütter

Und was können Mütter tun, die nicht mehr können? Grenzen setzen, sagt die Ärztin. "Zum einen müssen wir kollektiv sagen: Homeschooling und Arbeit gleichzeitig, das geht nicht, das ist totaler Quatsch. Man kann sich nicht zweiteilen." Auch hilfreich: Die eigenen Ansprüche herunterschrauben. "Natürlich machen Eltern sich Sorgen, dass die Kinder den Anschluss verlieren. Aber eine Note drei in Mathe ist in der jetzigen Lage wirklich kein Weltuntergang. Die Kinder werden den Anschluss wiederfinden."

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Auch Grochtmann rät ihren Patientinnen dazu. "In dieser Situation gilt es, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Vielen Frauen steht der eigene Anspruch auf Perfektion im Weg. Diese ziehen zu lassen, ist etwas, das hilft und das man auch in dieser oft ausweglos scheinenden Situation tun kann."

Easwaran verfolgt außerdem den Ansatz des "beneficial thinking", eine Technik zur Stressbekämpfung, die sie entwickelt hat und in ihrem Buch "Das Geheimnis ausgeglichener Mütter" detailliert beschreibt. "Wenn ich unter Druck stehe oder mich in einer Gefahrensituation wähne, werden dabei Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol ausgeschüttet. Das aktiviert den Hirnstamm und es kommt zu einer sogenannten Kampf-oder-Flucht-Reaktion, das rationale Denken ist dann gar nicht mehr möglich", sagt Easwaran. Wichtig sei es, nicht in diesem Panikmodus zu bleiben, sondern mit gezielten Übungen wieder in das lösungsorientierte Denken zu kommen. "Dann kann ich besser reagieren, dem Problem begegnen und konstruktive Lösungen finden." Denn, so die Medizinerin, man müsse jetzt lernen, mit der Pandemie umzugehen und nicht von ihr beherrscht zu werden.

Quelle: ntv.de

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