Leben

Kinder unter Dauerstress Eltern, stürzt die Freizeitdiktatur!

RTX1OK9H.jpg

Nach der letzten Schulstunde schnell zum Ballettunterricht hetzen? Nicht jedem Kind macht so ein Pensum Freude.

REUTERS

Ein Ballettkurs, Gitarrenstunden oder Englisch für Vorschulkinder - viele Eltern greifen im Sinne der Förderung ihrer Kinder tief ins Portemonnaie. Doch der Nachwuchs will häufig etwas ganz anderes: mehr Zeit zum Kind sein.

Maya "Jai" Pinson hat ein Buch über Zeitmanagement geschrieben. "Back Pack Lilly" erzählt die Geschichte einer Hündin, Lilly, die die Zwillingskinder Alex und Alexis daran erinnern muss, dass "Lernen vor dem Spielen" kommt. "Ich habe das Buch geschrieben, um den Leuten klarzumachen, dass Bildung wichtiger ist als alles andere", sagt Pinson im Interview mit der "Washington Post". Aus dem Munde einer alternden Pädagogin klänge das nur allzu selbstverständlich - doch Maya "Jai" Pinson ist 13 Jahre alt. Das Mädchen aus Washington hat neben der Schule sechs Hobbys. Ihre Lieblingstageszeit - die Nacht. "Weil ich dann schlafen gehe."

Foto_Ulric Ritzer-Sachs.jpg

Ulric Ritzer-Sachs ist Online-Berater bei Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Wie der 13-jährigen Maya geht es heute vielen Kindern. Montags Cello-Unterricht, dienstags Japanisch, mittwochs Reiten - die Woche ist nahezu vollständig durchgeplant. Für Treffen mit Freunden, freies Spielen oder simples Faulenzen bleibt kaum Zeit. Die Gefahr ist hoch, dass sich Kinder mit einem solchen Pensum irgendwann überfordert fühlen. "Es gibt zwar immer wieder solche Wunderkinder, die alles unter einen Hut bringen", sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). "Wenn ich mir dann aber die Biografien nach zehn Jahren anschaue, hab' ich nicht den Eindruck, dass das immer glückliche Menschen sind."

Wie viele Hobbys für ein Schulkind ausreichend sind, ist selbst unter Erziehungsexperten umstritten. Nach Ansicht der Entwicklungspsychologin Claudia Quaiser-Pohl sollten es nicht mehr als zwei Nachmittage in der Woche sein. Alles andere sei "verplante Kindheit", sagte sie dem Portal "Familie.de". Ritzer-Sachs zieht die Grenzlinie nicht ganz so scharf. "Gut ist, wenn ich als Kind wenigstens eine Sache außerhalb der Schule habe, wo ich noch einmal anders gefordert und gefördert werde", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. "Ob eine Fünfjährige aber unbedingt in einen Englischkurs muss, bezweifle ich."

Ungeliebtes sollten Eltern beenden

Gerade Schulkinder stehen häufig ohnehin schon unter Druck. Einer Umfrage der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) zufolge leidet fast jeder zweite Schüler (43 Prozent) unter Schulstress. Ein Drittel klagt infolge dessen sogar über körperliche Beschwerden - etwa Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Rückenprobleme. Kommt dann noch der unliebsame Gitarrenunterricht nach Schulschluss dazu, ist die Belastungsgrenze schnell erreicht. Eltern sollten dann genau hinschauen, rät Ritzer-Sachs. "Wenn ich merke, mein Kind quält sich wirklich und hat überhaupt keine Lust mehr, wäre es gut, solche Sachen zu beenden."

Von einem Kind zu erwarten, dass es von selbst einen unangenehmen Stresslevel gegenüber den Eltern thematisiert, hält der Erziehungsberater für einen Fehler. "In der Regel wird ein Kind alles dafür tun, damit die Eltern zufrieden sind - selbst wenn sie noch so locker sind und denken, dass sie keinen Druck machen." Unbewusst ist nämlich oft genau das Gegenteil der Fall. Laut einer Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung glauben 87 Prozent der Eltern von gestressten Kindern nicht, dass sie ihren Nachwuchs überfordern. Gleichzeitig hat knapp die Hälfte der gestressten Kinder Angst davor, seine Eltern zu enttäuschen.

Eltern leben Leistungsgedanken vor

Geht es um Versagensängste bei Kindern, hilft deshalb oft ein Blick nach innen: Wer nach einem faulen Sonntag auf der Couch selbst ein schlechtes Gewissen bekommt, gibt das im Zweifel auch ans Kind weiter. "Die Eltern sind da Vorbilder", sagt Ritzer-Sachs. Nicht jede freie Minute muss mit einer sinnvollen Beschäftigung ausgefüllt werden. Dem eigenen Kind Zeit zu lassen, die es nach eigenen Wünschen gestalten kann - ob durch Basteln, Malen oder einfach Nichtstun, schadet nicht. Ganz im Gegenteil, wie Entwicklungspsychologin Quaiser-Pohl ergänzt. "Langeweile ist auch eine wichtige Erfahrung."

Nachwuchsautorin Maya "Jai" Pinson arbeitet mittlerweile an ihrem zweiten Buch - das Schreiben, sagt sie, falle ihr wohl deshalb leicht, weil auch ihre Mutter Autorin ist. Nicht immer teilen Kinder jedoch die Vorlieben ihrer Mütter oder Väter. Auch das sollten sich Eltern klarmachen, wenn sie die Freizeit ihres Kindes organisieren. Und sie sollten nachfragen - denn das passiert laut Studie der Bielefelder Forschungsgruppe viel zu selten. Knapp 86 Prozent der gestressten Kinder gaben demnach an, nicht in die eigene Freizeitplanung eingebunden zu werden. Da ist Unzufriedenheit geradezu programmiert.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema