Leben

Aus der Schmoll-Ecke Endlich! Schwaben besuchen die Ostzone

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Leipzig ist wirklich schön geworden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Heerscharen von Baden-Württembergern brachten "Liebe", "Weltfrieden", "heilende Figuren" und "menschliche Gefühle" nach Leipzig, der Heimatstadt unseres Kolumnisten. Der freut sich trotzdem nicht über die Besucher aus dem fernen Westen und meint: Schwabe, go home!

Weltuntergang? Natürlich nicht! Ich habe frohe Kunde - für alle. Es kommen bessere Zeiten - für alle. Auch ich, der Sehr-Gutmensch und radikale Anhänger des konstruktiven Journalismus, möchte selbstverständlich dazu beitragen, Optimismus zu verströmen und die Welt schön bunt pinseln. Schluss mit Schwarz-Weiß-Malerei! Alles wird gut und noch besser als früher, wo schon alles besser war als heute.

Neulich durfte ich etwas erleben, auf was ich seit drei Jahrzehnten sehnsüchtig warte. Baden-Württemberger besuchen die Ostzone. Das ist sensationell, dass sich Leute aus dem fernen Westen rüberwagen und mal nachschauen, wie es sich so in der DDR lebt, und dann auch noch - quasi im Vorbeigehen - in der Innenstadt von Leipzig die Revolution ausrufen. Nicht in vertrautem Sächsisch, sondern auf Schwäbisch. Hippies, die sich mit Weihrauch und Neonazis umgeben, tanzen vor der Thomaskirche.

Fröhliche Leute, die den Gesang in meine Heimatstadt brachten: "Wir werden demonstrieren, solange es uns gefällt - wir glauben an die Freiheit und eine bessere Welt!" Ja, so sangen sie, diese Hinter-Schwarzwäldler, von denen unzählige Hersteller von Trekkingklamotten und sogenannter Funktionswäsche leben, die jetzt keine Städtereisen ins Ausland unternehmen können, weil das fiese Virus, vor dem sie keine Angst haben, einfach nicht stillhält. Die blöden Naturgesetze wollen einfach nicht auf Querdenker hören. Dann eben nicht Venedig und Lissabon, sondern Leipzig.

Überbordende Emotionen

Einige besonders schräge Exemplare aus dem Süden der Republik hat die "Welt" in einer Videoreportage vorgestellt. Da war die putzige Cornelia aus Konstanz (Konschtansch oder so), die früher an renommierten Universitäten wie St. Gallen "geforscht" haben will und sich nun der Familie und "heilenden Figuren" widmet. Ja, richtig gelesen: Conny - ich darf Sie doch Conny nennen? - schreibt mit ihren Händen Kreise in die Luft und erklärt mit dem grenzdebilen Lächeln, das typisch ist für die achtsamen, ewig glücklichen Eso-Trullas: "Das sind heilende Figuren. Heilende menschliche Gefühle, die im Überbord sind." Hilfe, Frau über Bord!

Warum tut sie das? "Weil ich das Gefühl habe, dass hier starke Emotionen da sind, um das ein bisschen zu heilen und zu harmonisieren, mach ich das einfach." Danke, Conny aus Konschti, dass du dafür nach Leipzig gefahren bist, um mit Rechtsextremen, Islamophoben und anderen Durchgeknallten meiner Heimatstadt das ewige Glück zu bringen. Nach Corona wird alles besser. Welch Begabung, welch Einfühlungsvermögen, unter all den wütenden und zornigen Systemverächtern, die Mutti Merkel und Onkel Drosten ins Gefängnis stecken wollen, "starke Emotionen" auszumachen. Alle Achtung. Natürlich hat die tapfere Conny keine Angst, sich anzustecken. "Überhaupt nicht." Denn: "Ich glaube, das wissen wir nicht so genau, woran die sterben. Und Tote gibt es sowieso immer wieder in irgendeiner Form. Sie müssen nicht wegen Corona sein."

Absolut korrekt, es gibt keinen formlosen Tod. Zu den Bildern aus Bergamo in der Lombardei sagte ein Verquerer in der ZDF-Sendung "Frontal 21": "Ist die Frage, ob die echt sind? Da bin ich sehr am Zweifeln." Es ist zum Verzweifeln. Wohl deshalb heißt es auf den Demos nun auch nicht mehr "Putin hilf", obwohl der ja bekanntlich seit Wochen einen astreinen Impfstoff hat, sondern "Trump forever".

Frieden und Eierkuchen

"Ich bin nicht politisch, ich bin total unpolitisch", berichtete ein Leipzig-Besucher. "Es ist an der Zeit, dass wir das System ändern." Seine Begleiterin, vermutlich seine ebenfalls unpolitische Gemahlin, sah aus, als würde sie seit 30 Jahren nur noch Sätze sagen wie "Heute Abend gibt es Schnitzel" - und ansonsten das Schweigen bevorzugt. Der total Unpolitische hat eine fundamental-politische Idee. Er will "das Parteiensystem abschaffen". Und dann? "So was Ähnliches wie 'ne direkte Demokratie vielleicht." Die Betonung liegt auf "Ähnliches" und "vielleicht". Genosse Querdenker, ich will Ihnen nicht zu nahe treten: Aber ganz ausgereift scheint mir der Vorschlag noch nicht zu sein.

Schauen wir dann mal, wer in der direkten Demokratie (oder so was Ähnlichem) parlamentarische Untersuchungsausschüsse einrichtet, die Verfehlungen der Regierung aufdecken, damit wütende Baden-Württemberger noch wütender sein können, weil ein neuer Beweis vorliegt, wie korrupt "das System" und "das Establishment" sind. Ein Mann mit längeren grauen Haaren, der vorgab, aus Bayern zu sein, was, wenn ich richtig informiert bin, ebenfalls im Süden Deutschlands liegt, sagte: "Friedensbewegung ist das, was wir alle wollen. Ich nehme an, Sie mögen auch keinen Krieg. Frieden wollen wir alle." Jawoll, auch ich, der Sehr-Gutmensch, möchte Frieden. Und ganz viel Eierkuchen.

Wer demonstriert da überhaupt für den Weltfrieden und gegen Masken vorm Maul? Der sorgengeplagte Bayer wusste es: "Ganz normale Menschen, meine Kundschaften, meine Firmen, meine Mitmenschen. Alles Menschen wie du und ich." Stopp mal, erstens duzen wir uns nicht und zweitens bin ich nicht wie Sie und will es auch nicht sein. Was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich "normal"? Da wäre die Frau, die vorgibt, "kein Fan von dem" zu sein. Gemeint ist Hermann Göring, jener Massenmörder, der 1933 die ersten KZs in Deutschland installieren ließ. Der "war ein schlimmer Mensch, ein schlimmer Nazi", verkündet die querdenkende Rednerin. Obwohl sie kein Anhänger des in Nürnberg verurteilten Kriegsverbrechers ist, stellt die Frau fest: "Das, was er damals gesagt hat, trifft heute sehr gut." Schlimmer Mensch hin, schlimmer Nazi her. Das wird man doch noch zitieren dürfen!

Gruselig, dass da keine Sau "buh" oder "aufhören" rief oder sich zumindest empört abwendete. Ich bin Fan von Johann Sebastian Bach, dessen Grab sich in der Leipziger Thomaskirche befindet. Bach war kein schlimmer Mensch. Und ich muss sagen: Das, was er damals vertont hat, trifft heute sehr gut:

"Und unsre gnädge Frau
Ist nicht ein prinkel stolz.
Und ist gleich unsereins ein arm und grobes Holz,
So redt sie doch mit uns daher,
Als wenn sie unsersgleichen wär."

Quelle: ntv.de