Leben

Till Wald bringt Kunst für alle Enter Art Foundation entert den Wedding

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Till Wald, Direktor und Gründer der Enter Art Foundation.

42 zeitgenössische Künstler stellen in den Gerichtshöfen in Berlin-Wedding aus - es ist die 10. Ausstellung, die die Künstlerplattform Enter Art Foundation ausrichtet. Gründer Till Wald spricht mit n-tv.de über Karriere, Entwicklungshilfe und Seidenmalerei.

42 internationale Künstlerinnen und Künstler, darunter Meisterschüler der Kunstakademie Düsseldorf, der UdK Berlin, HGB Leipzig und des Royal Institute of Art Stockholm sowie Künstler aus den Niederlanden, China und Rumänien zeigen hier ihr Können. Außerdem zu sehen sind etwa 90 weitere Werke von Künstlern, die in der Enter Art Collection vertreten sind und einen extra Raum für ihre Kunst erhalten. Hier trifft man auf bereits bekannte Namen wie Christian Awe, Martin Denker, Roman Lipski, Joseph Marr, Cecile Wesolowski und Tina Winkhaus. Die Enter Art Foundation (EAF) ist ein 2016 gegründetes Berliner Non-Profit-Unternehmen mit dem Ziel, aufstrebende Künstler zu fördern. Das durch Spenden und Fördergelder finanzierte Projekt gibt den Künstlern die Möglichkeit, mit Galeristen, Sammlern und Kunstliebhabern in Kontakt zu treten, indem Gruppenausstellungen organisiert werden. Nach dem Debüt in Basel im Juni 2016 wurden bereits mehr als 250 Künstler in Ausstellungen in Berlin, Bonn, Kassel, Rovinj und Stockholm gefördert und ausgestellt, mehr als 185 Werke haben einen neuen Besitzer gefunden, über 50.000 Besucher sahen die Ausstellungen. Die Verkaufserlöse der Gruppenausstellungen gehen zu 100 Prozent an die Künstler, eines ihrer Werke verbleibt in der EAF, die dadurch zu einem Zeitdokument aktueller Kunst heranwächst. n-tv.de hat mit Till Wald, dem Direktor und Gründer der EAF, gesprochen.

Till Wald: Ich möchte gleich zu Beginn gerne etwas aufklären, weil es zu Unruhe geführt hat. Wir haben in Berlin um die 20.000 registrierten Künstler. Manche Quellen sprechen von 15.000, andere von 23.000. In etwa 5 Prozent können davon leben. Hier zu unterstützen, ist ein Ansatz der Enter Art Foundation.

n-tv.de: Und der Einwand: "Wozu braucht man dann noch Galeristen?" ist somit unbegründet,

Natürlich, ich möchte mich ja auf gar kein Fall gegen Galeristen stellen. Im Gegenteil, ich möchte mit der Enter Art Foundation gerne der Ort werden, wo Galeristen, Sammler und Co. hinkommen, um neue Künstler zu finden.

Wie würden Sie denn die EAF einordnen?

Als Messe. Ich verzichte hier auf die Einordnung der Kunst in eine Thematik. Mein Thema ist viel mehr, Einfluss darauf zu haben, dass Kunst für jeden zugänglich ist.  

Ist sie das denn nicht schon?

Der Mensch ist ja unglaublich beeinflussbar. Wir sind alle in der Gefahr, zu einer Art Papageiengesellschaft zu werden. Jeder macht dem anderen etwas nach, das kann es ja nicht sein. Deshalb lege ich Wert auf Vielfältigkeit. Man soll reflektieren, sich seine eigene Meinung bilden. In der Kunst besteht die Gefahr, dass die Leute sagen: "Ah, das hat der Kurator so und so gemacht und gemeintund deswegen ist das toll." Das kann gar nicht mehr auf die Person wirken, weil sie bereits voreingenommen ist und beeinflusst wurde. Bei EAF ist alles so vielfältig, dass jeder sich seine eigene Meinung bilden kann.

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Whore, von Dylan Cram

Kunst ist aber auch ein riesiges Feld und ein schwieriges Thema.

Ja, die wenigsten haben wirklich Zeit, das zu studieren oder sich damit auseinanderzusetzen. Zum Beispiel Musik: Ich sitze im Auto, höre Radio, wenn es mir nicht gefällt, schalte ich den nächsten Sender ein. Das gibt es bei Kunst nicht. Ich will es auf keinen Fall verallgemeinern, viele setzen sich natürlich damit auseinander. Aber ich sehe auch, dass viele irgendwo hingehen, weil da alle hingehen. Deswegen habe ich gerne von allem etwas.

Eine Art Gemischtwarenladen?

Eine Plattform. Frau Dr. Royal kuratiert die Exponate in der Auswahl schon recht streng (lacht). Wir achten darauf, dass die Künstler einen akademischen Hintergrund haben, das macht uns und sie weniger angreifbar.

Lieschen Müller mit ihrer Seidenmalerei findet hier also keinen Platz?

Leider nicht (lacht). Mir ist das Statement des Künstlers wichtig, was er zu sagen hat, deswegen hängen wir den Text auch zu den einzelnen Exponaten aus.

Was ist denn Kunst?

Darf ich Picasso zitieren? "Wenn ich das wüsste." Kunst greift auf unterschiedlichen Wegen. Kunst hat eine Aura. Ich habe als kleiner Junge vor der Liz Taylor von Andy Warhol gestanden und das war meine erste Liebe. Kunst berührt einen, weil sie schön ist oder weil sie aussagekräftig ist. Unsere Künstler stehen zum Großteil ja am Anfang ihrer Karriere und deswegen machen wir das hier.

Sind die Künstler hier in den Gerichtshöfen denn anwesend?

Nicht die ganze Zeit, aber schon oft. Zur Vernissage oder Finissage versuchen die meisten zu kommen. Wir wollen ja auch immer wissen, mit wem wir es zu tun haben, deswegen besuchen wir im Vorfeld die Künstler in ihrer Heimat, in ihren Ateliers.

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Fingers Of Peace, von Sylvie Xing Chen

Neben dem Statement zum Bild steht sogar der Preis - eher unüblich, oder?

Ja, da haben wir auch wirklich überlegt, aber schließlich geht es darum: Die Leute können die Kunst hier kaufen und am Ende mitnehmen. Da will man wissen, was das kostet, denn unter Umständen investiert man einen Kurzurlaub oder einen Kleinwagen, deswegen finde ich das nur fair.

Ich möchte auch wissen, ob ich mir das leisten kann.

Ja, das ist ja meist teuer. Die meisten müssen sich das gut überlegen, auch, ob sie sich von dem Geld nicht eigentlich etwas anderes kaufen wollten.

Wird viel verkauft?

Ja, schon, wir hatten natürlich auch einen großen Durchlauf. Die zehnte Ausstellung innerhalb von zwei Jahren, im Oktober folgt die elfte, in Köln. Das ist ein ganz schönes Tempo, das wollte ich aber auch genau so. In Zukunft werde ich mir aber mehr Zeit geben.

Eine Menge Organisation steckt dahinter …

… und zum Glück komme ich aus dem Event-Management, das kommt mir nun zugute.

Ein paar große Namen haben Sie auch schon dabei.

Ja, keine absoluten Anfänger, aber eben auch noch nicht ganz groß. In der Entwicklung vor allem. Am Anfang hieß es bei uns "We support young artists" - wir haben jedoch schnell gemerkt, dass das Alter des Künstlers gar keine Rolle spielt.  

Wie sind Sie eigentlich zur Kunst gekommen?

Meine Großeltern haben gesammelt. Das war ein Zufall, denn mein Großvater musste sein Modegeschäft kriegsbedingt auflösen und hat die Firma verkauft. Daraufhin ist er, der ein Workaholic war, in ein Loch gefallen und die Kunst hat ihn gerettet. Er fuhr auf die Documenta und hat, als Endfünfziger, einen großen Gefallen an den jungen Künstlern und ihren Projekten gefunden. Da hat er angefangen zu kaufen. Und daraus ist auch unser Leitfaden entstanden: Wenn du jemandem ein Kompliment machen willst, kauf' ihm was ab. Er hat dann viel gekauft, viel investiert, aber die Frage stellte sich irgendwann, was wir damit tun.

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Idiomatic? Who? Me?, von Bobo Wallmansson

Und zu Hause konnte keiner mehr treten.

Ja, er fand vor allem, dass er es dem Künstler schuldig ist, dass andere seine Werke sehen können. Dann wurde eine Ausstellung in Köln organisiert und er wurde für das gefeiert, wofür er vorher belächelt wurde. Er hatte eine beachtliche Sammlung zusammenbekommen, und diese Sammlung kam dann ins Museum.

Haben Sie also das Künstlerische vom Großvater?

Naja, das war auch sehr pragmatisch, wenn er was gekauft hatte, konnten die Künstler abends ein Bier trinken gehen. Es hatte eher etwas von einem Entwicklungshelfer (lacht). Wie bei meinem Vater auch. Davon steckt viel in mir. Ich unterstütze andere einfach gerne.

Also ein Kunstentwicklungshelfer?

So kann man das durchaus sehen. Vor ein paar Jahren musste ich mir auch Gedanken darüber machen, wohin ich will. Ich musste mich selbst weiterentwickeln. Die Frage war: Will ich ewig Veranstaltungen organisieren? Mein Ziel als junger Mann war, mit 38 happy zu sein und zu wissen, wo ich stehe.

Und da haben Sie sich nochmal neu erfunden?

Ja, auch durch einen großen Zufall, denn ich habe meinen Partner auf dem "Burning Man", dem durchgeknalltesten und besten Festival überhaupt, kennengelernt, der mich in die richtige Richtung gebracht hat. Das war der größte Glücksfall für mich, denn er lässt mich machen. Und "irgendwas mit Kunst" sollte es ja werden.

Wo entdecken Sie Kunst?

Auf Messen, auf Abschlussrundgängen der Kunstakademien und durch persönliche Empfehlungen unserer Künstler.

Wie finanzieren Sie das alles?

Durch Spenden, wir sind gemeinnützig und können auch Spendenquittungen schreiben. Sehr wichtiger Punkt! (lacht)

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La Familia, von Klaus Chmillon

Eine Schwierigkeit für Künstler ist und wird es in Zukunft immer mehr sein, einen Raum, ein Atelier zum Arbeiten zu finden.

Ja, und solche Orte wie die Gerichtshöfe, eines der größten Künstlerquartiere Deutschlands, in dem wir uns jetzt mit der EAF befinden, ist natürlich eine Riesenausnahme. So etwas findet man ja so gut wie gar nicht, dass eine Wohnungsgesellschaft Künstlern Raum für wirklich kleines Geld zur Verfügung stellt. Letzten Endes träumen wir natürlich davon, eine Location auf Dauer zu haben.

Mit Till Wald sprach Sabine Oelmann

Die Ausstellung endet mit dem Ende der Berlin Art Week am 30. September 2018 mit einer Finissage. Der Eintritt ist frei. Wer noch hin will: Gerichtstraße 12,13347 Berlin.  Für die Jubiläumsausgabe konnte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gesobau als Partnerin gewonnen werden, die die Räumlichkeiten für die Ausstellung in den Gerichtshöfen zur Verfügung stellt.

Quelle: ntv.de

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