Leben

Bildband über Beuys "Er war nicht der ernste 'Fettverfertiger'"

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Der Mann mit dem Hut fasziniert bis heute.

(Foto: Michael Ruetz / Akademie der Künste, Berlin / Agentur FOCUS)

Wer war Joseph Beuys? In jedem Fall ein Jahrhundertkünstler. Den Menschen dahinter zeigt Fotograf Michael Ruetz in seinem Buch "Beuys Bleibt / Beuys. A Close Up". Darin sind Bilder zu sehen, die 50 Jahre im Archiv von Ruetz lagerten. Es sind unbekannte Bilder, und sie zeigen den Menschen hinter dem Werk, das auch heute noch kontrovers diskutiert wird. In den 70er-Jahren hat der Fotograf Ruetz den Künstler Beuys fünf Jahre lang begleitet. Ruetz ist dem omnipräsenten Selbstvermarkter nahe gekommen, hat ihn in intimen und stillen Momenten mit der Familie, bei der Arbeit und mit seinen Studenten fotografiert: lauthals lachend, kontemplativ in sich gekehrt oder den Menschen sehr zugewandt. Der 80-jährige Fotograf, der in Berlin lebt, hat mit n-tv.de über seine zahllosen Begegnungen mit Beuys gesprochen und darüber, wie er den Jahrhundertkünstler erlebt hat.

Michael Ruetz: Schön, dass Sie anrufen, wann machen wir das Interview?

ntv.de: Eigentlich jetzt.

Gut, dann setzte ich mich bequem auf mein Sofa und Sie legen los.

In Ihren Bildern kommt man Joseph Beuys sehr nahe. Ich habe das Gefühl, die Situation, in der das Bild entstanden ist, nachzuspüren. Offenbar treffen Sie den richtigen Augenblick - ist das Talent?

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Familie Beuys 1972 im heimischen Wohnzimmer. Im Fernsehen läuft die Kultserie "Enterprise".

(Foto: Michael Ruetz / Akademie der Künste, Berlin / Agentur FOCUS)

Das ist meine persönliche Einstellung. Ich bin eher unauffällig, da ich aus einer konservativen Familie komme, in der es zum guten Ton gehörte, eher leise zu sein. Ich platzte nirgendwo rein und knipse wüst herum. Beuys hat mich nicht wahrgenommen und das sehen sie in vielen meiner Fotografien.

Beuys schien ja ein lauter Mensch zu sein, er polarisierte. Sie beschreiben sich selbst als stillen, konservativen Beobachter. Prallten da zwei Welten aufeinander?

Die Leute um ihn herum waren laut. Er führte still seine Arbeit aus, immer konzentriert. Nein, er war nie laut, auch wenn man ihn so empfand. Mit seinen Studenten zum Beispiel setzte er sich hin und hörte zu. Dabei hat er sicher mal eine geraucht - was auch immer geraucht wurde -, aber er hat sich ihre Geschichten interessiert angehört.

Professor ist ein gutes Stichwort. Joseph Beuys war auch Aktivist, Mitbegründer der Grünen, rätselhafter Schamane, berühmter Universalkünstler, der mit Fett und Filz gearbeitet hat. Von ihm stammt der Satz "Jeder Mensch ist ein Künstler". Was fällt Ihnen bei Beuys ein?

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Boxkampf auf der documenta 5 (1972): Michael Ruetz stieg einfach zu Beuys in den Ring und machte sein Bild.

(Foto: Michael Ruetz / Akademie der Künste, Berlin / Agentur FOCUS)

Urgewalt. Und ein Künstler, der zu 100 Prozent echt war. Er war kein Künstler, der Kunst fertigte und sonst der Herr Beuys war. Nein, er war seine Kunst und verkörperte das, was er tat. In der Nach-68er-Szene wurden Leitfiguren für die Kunst gesucht. Ich bin kein Kunstgeschichtler, aber die dominante Kunstrichtung war damals die Pop-Art aus den USA. Das war das Tonangebende. Und Beuys war eine Gegenstimme. Außerdem war er Europäer und Deutscher.

Seine Themen wie Pazifismus oder ökologische Wende waren völlig frei von Glamour. Er provozierte mit vielen seiner Arbeiten, wie war er privat?

Eher bürgerlich, sehr freundlich und ausgesprochen höflich. Seine Kunstwerke sehen manchmal so schwer und schrecklich aus, aber so war er selbst gar nicht. Er lachte gerne und war nicht dieser ernste "Fettverfertiger", als den ihn manche sehen wollten. Mein Buch füllt endlich eine Lücke, denn es gibt genug Studien und Bücher zu Beuys. Aber keines, welches ihn als Person zeigt.

Können Sie erklären, warum Beuys bis heute, 35 Jahre nach seinem Tod, die Menschen fasziniert?

Er war nah an den Menschen. Joseph Beuys war einer von uns und so sahen ihn viele. Er galt als Fortschrittler und progressiv, dennoch war er kein Enfant terrible. Er krakeelte nicht rum, sondern er lieferte und ging dann seinen Weg in die Öffentlichkeit. Mit seinen Performances befremdete er zugleich viele. Seine Größe und Bedeutung liegen darin, dass er so Unterschiedliches auslöste. Warhol oder Oldenburg schwebten in ihren Kunstsphären und machten entsetzlich viel Kohle. Beuys verdiente ganz gut, aber wurde nicht übermäßig reich.

Wann haben Sie Beuys zum ersten Mal getroffen?

Das muss 1969 in seinem Atelier in Oberkassel gewesen sein. Dänische Freunde hatten mich zu ihm mitgenommen. Kurioserweise war das nur ein knappes Jahr, nachdem ich die Fotografie zu meinem Beruf gemacht hatte. Eigentlich war ich Sprachwissenschaftler und schrieb im Fach Sinologie an meiner Dissertation. Der "Stern" hatte mich als Fotograf in seine Redaktion aufgenommen. Bei dem Magazin habe ich meinen Beruf überhaupt erst erlernt. Ich hatte wenig Ahnung, bekam ein riesiges Gehalt und war eigentlich ein Lehrling. Aber ich wurde wie ein Profi behandelt und habe mich bewährt. Mit Beuys fängt sozusagen meine fotografische Karriere an, ist das nicht merkwürdig? Ich hatte bei unserem ersten Treffen keine Kamera dabei, wir saßen einfach zusammen.

Haben Sie gefragt, ob Sie ihn fotografieren dürfen?

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Die Aktion "Beuys bleibt" in Dangast 1973, bleibt seinem Fotografen in starker Erinnerung.

(Foto: Michael Ruetz / Akademie der Künste, Berlin / Agentur FOCUS)

Diese Frage hätte mich auffälliger gemacht, als ich sein wollte. Meine Kameras waren ja auch ganz leise. Diese laut scheppernde Motorenkameras von heute sind widersinnig und zerstören den Moment der Beobachtung.

Beobachtung und Zeit sind also der Schlüssel für Ihre beinahe intimen Fotografien?

Ganz sicher. Ich habe mir mit meiner Arbeit auch Zeit gelassen und bin damit sehr weit gekommen. Immer in Eile tritt man auf der Stelle und ist auf der Stelle in Eile. Das bringt nichts. Das ist übrigens auch etwas, was ich meiner Tochter ihre ganze Jugend hindurch gesagt habe: "Lass dir Zeit."

Das klingt nach wirksamer Entschleunigung. Was wollten Sie von dem Künstler, als Sie ihn trafen? War klar, dass Sie ihn so lange begleiten werden?

Ich wollte ein großes Gemälde von ihm schaffen - ein Lebensgemälde, eine Biografie in Bildern. Deswegen ließ ich mir auch Zeit. Ich hatte keine Eile, sie zu vollenden. Ich hätte diese Arbeit noch sechs, sieben Jahre fortsetzen können, aber dazu kam es nicht.

Warum?

Ich hatte einen Unfall, der mich ein Jahr lang außer Gefecht gesetzt hat und nach dem ich mein ganzes Leben geändert habe.

Was für einen Unfall?

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"Mein Buch zeigt Beuys als Person", sagt Fotograf Michael Ruetz.

(Foto: Inge Zimmermann)

Es war ein Autounfall, bei dem ich mir sicher war, dass ich sterbe. Ich war völlig überrascht, dass ich ihn überlebt hatte. Das Auto ist mit 170 Stundenkilometern gegen einen Baum geprallt und in zwei Teile zerschnitten worden. Normalerweise kommt man aus so etwas nicht heraus. Als ich ins Krankenhaus kam, war ich so enthusiasmiert, dass ich zum Unfallchirurgen sagte: "Wir trinken jetzt eine Flasche Krug-Champagner."

Warum riss nach Ihrer langwierigen Genesung der Kontakt ab?

Danach war ich im Ausland und im Wesentlichen in den USA. Da stellte sich das eben nicht mehr her. So ist es bei fünf Jahren geblieben, aber nun ist daraus ein sehr schönes Buch geworden. Die Rezensenten haben bisher diese Qualität nicht gewürdigt. Es ist die Kunst des Buches, die hier zählt.

Hat Beuys Sie vielleicht auch so nah an sich herangelassen, weil Sie durch Ihr Studium der Sinologie für ihn andere, anregende Blickwinkel mitbrachten?

Ja, das war sehr wertvoll. Ich war damals mehr mit China beschäftigt, als mit Deutschland. Ich war mehrmals in China und übersetzte auch Texte von Mao Tse-tung. Ich bewunderte ihn. Damals war ich ignorant genug, ihn für den guten Revolutionär zu halten. Grosso Modo brachte ich zu Beuys einen anderen Erfahrungshorizont mit als jemand, der nur als Fotograf ausgebildet gewesen wäre.

Hat Beuys Sie eigentlich beeinflusst?

Nicht in meinem Werk. Aber sein Umgang mit den Studenten war beispielhaft. In meiner Zeit als Professor an der HBK Braunschweig, wo ich von 1980 bis 2007 lehrte, hatte ich für meine Studenten immer ein offenes Ohr und alle Zeit der Welt. Die Tür meines Ateliers war demonstrativ geöffnet, wenn gegenüber Sitzungen für die Professoren stattfanden. Ich ging nie hin. Jeder konnte sehen, dass ich das Zimmer voller Studenten hatte, die alle mit mir sprechen wollten. Das war mir wichtig und das habe ich von Beuys übernommen.

Es gibt scheinbar endlos Fotografien von Beuys mit Hut: Er ist der Mann mit dem Hut, der sich gerne selbst inszenierte. In einem Hongkonger Museum wird die Kopfbedeckung sogar als Souvenir verkauft. War der Hut für Sie auch typisch Beuys?

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Nein. Der Hut war nur ein Accessoire.

Wie seine Anglerweste - auch nur ein Kleidungsstück?

Nein, die war sehr praktisch. Beuys war letztlich eine Vielgestalt. Auf der Bühne war er ausgesprochen spannungsreich, aber im Kreis der Familie, bei Freunden und Studenten war er völlig entspannt. Diese Paradoxie, die macht die Qualität eines großen Menschen aus. Er war kein einfacher oder eingängiger Typ, aber eine singuläre Figur. Es gibt keinen zweiten Beuys. Es gibt Beuys, Beuys und nichts als Beuys. Und dabei bleibt es.

Mit Michael Ruetz sprach Juliane Rohr

"Beuys Bleibt/Beuys. A Close Up" von Michael Ruetz kann hier bestellt werden. In der Galerie van der Grinten läuft derzeit -theoretisch - die Ausstellung "Im Dialog mit Beuys" (bis zum 20. März).

Den 100. Geburtstag von Joseph Beuys am 12. Mai feiern 20 Kulturinstitutionen in zwölf Städten - alle Informationen dazu unter Beuys 2021

Quelle: ntv.de

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