Leben
Unser Kolumnist fühlt sich nun etwas erleuchtet.
Unser Kolumnist fühlt sich nun etwas erleuchtet.(Foto: imago/PhotoAlto)
Samstag, 01. Dezember 2018

Aus der Schmoll-Ecke: Gehirn-Orgasmus dank Laura Malina Seiler

Eine Kolumne von Thomas Schmoll

"Im deutschsprachigen Raum" gibt es endlich "eine neue moderne spirituelle Bewegung". Ich Trottel hatte davon mal wieder nichts mitbekommen. Aber nun! Endlich beschränkt sich Erleuchtung nicht mehr nur auf den Beginn meiner Glatze.

Geschätzter Leser, bitte denken Sie nicht, ich sei dem Größenwahn verfallen, wenn Sie Folgendes lesen: Ich bin großartig, ein herausragender Schreiber. Ich übernehme die Verantwortung für mein Handeln und die genialischen Ergüsse meines täglichen Schaffens. Denn endlich habe ich den Lichtschalter in mir - er saß tief, oh so tief - gefunden und bin, ohne zu stolpern, aus dem Dunkel ins Licht gelangt.

Noch vor wenigen Tagen hätte ich diese Kolumne anders begonnen, nämlich in der typischen Art des modernen Stadtneurotikers, der sich nach knapp 70.000 sinnlosen Therapiestunden selbst als nicht geheilt entlassen hat, also mit Selbstverdammung. Ungefähr so: Verdammte Scheiße, dass ich nicht mehr in Hamburg wohne. Ich blödes Schwein! Ich hasse mich!

Das wiederum hat damit zu tun, dass ich - bislang jedenfalls - in dem Gefühl lebte, wie es in Franz Schuberts Lied "Der Wanderer" besungen wird: "Da, wo du nicht bist, ist das Glück!‘" Schuberts Werke haben das, was man Tiefgang nennt, weshalb kein einziger Dokumentarfilm über einsame Künstler, irre Künstler sowie einsame irre Künstler ohne einige Takte aus seiner Klaviersonate in B-Dur oder seinem Streichquintett auskommen. Insofern habe ich eine Vorahnung, was nach meinem Tod in einer Doku über mich und mein Lebenswerk für Musik erklingen wird. Ein schöner Gedanke. Mit Schubert kann ich gut leben.

Der innere Neidhammel

Nun notiere ich hier ruhig und gelassen: Schade, dass ich nicht mehr in Hamburg wohne. Meine Sehnsucht speiste sich aus einer Meldung der Zeitung "Hamburger Abendblatt". Ich hatte drei, vier Tage frei, wollte außerhalb Berlins entspannen und googelte deshalb mit der naheliegenden Frage: "Wo hält sich gerade das Glück auf?" Ganz oben erschien der Treffer: "Star-Coach Laura Malina Seiler bringt das Glück nach Hamburg." Sofort lief der Neidhammel in mir auf und ab: Ach, die Hamburger haben’s gut, dachte ich. Die brauchen nur in die Laeiszhalle zu gehen, um dem Glück persönlich zu begegnen.

Kein Wunder, so meldete es die Chronistin des "Abendblatts", dass der Auftritt von Frau Seiler, die immer alle duzt, was ich mich aus Respekt vor ihr aber nicht traue, "innerhalb kürzester Zeit ausverkauft" war. Sie stellte ihr neues Buch vor. Es heißt: "Schön, dass es dich gibt! Wie du mit deinem Geschenk für die Welt ein außergewöhnliches Leben erschaffst". Schon der Name des Werks flashte mich total, nicht nur wegen der atemberaubenden Länge des Untertitels, der in mir die Frage erzeugte, ob - wenn das so weitergeht mit den langen Untertiteln - eines Tages der komplette Inhalt eines Buches als Untertitel auf dem Cover stehen wird. Aber das führt vom Thema weg.

Jedenfalls dachte ich: Dass man außereheliches Leben schaffen kann, wusste ich schon. Aber dass ich (und jeder) außergewöhnliches Leben erschaffen kann, war mir neu. Ich fand das toll, dass Frau Seiler, obwohl sie mich nicht kennt, mir zutraut, ein Geschenk für die Welt zu sein.

Die junge Oprah Winfrey

Das "Hamburger Abendblatt" erklärte zum ersten Buch von Frau Seiler: "50.000 Mal wurde es bereits verkauft. Das Magazin Grazia bezeichnete die 31-Jährige auch deshalb bereits als die junge Oprah Winfrey von Berlin." Für Doofe wie mich hat die Zeitung die Wörter "junge Oprah Winfrey" geschwärzt. Eine tolle Lesehilfe, finde ich. Ich konnte den "Grazia"-Text leider nicht im Internet finden, um herauszufinden, woran das Magazin das festmacht. Will Frau Seiler Bundeskanzlerin oder gar US-Präsidentin werden? Meine Stimme hat sie.

Ich bin dann auf die Website des wunderbaren Rowohlt-Verlags gekommen, wo das Buch von Frau Seiler erschienen ist. Rowohlt haben wir wunderbare Bücher wunderbarer Schriftsteller wie Jonathan Franzen und Wolfgang Herrendorf (Lesen Sie unbedingt "Sand". Auch ich weiß, was ich tue.) zu verdanken. Auf der Autorenseite zu Frau Seiler steht leider ohne Fettung: "Das Magazin Grazia beschreibt sie als die junge Oprah Winfrey von Berlin." Aha, dann muss also was dran sein, wenn das zwei Unternehmen völlig unabhängig voneinander fast wortgleich herausstellen. Frau Seiler - das glaube ich dem Verlag, daher die Verwendung des Indikativs - hat mit ihrem Podcast "Happy, Holy & Confident" und ihrem Live-Online-Programm "Rise Up & Shine Uni" - Achtung! - "eine neue, moderne spirituelle Bewegung im deutschsprachigen Raum geschaffen".

Jetzt war ich, der Trottel, der bis dato noch nie was von Frau Seiler und ihrer Bewegung gehört hatte, erst richtig beeindruckt. Immer mehr zog mich Frau Seiler in ihren Bann. Ich las, dass sie bei Bushido assistiert hat. Gar in einem früheren Leben bei Schubert? Tiefgang hat sie jedenfalls, der geht so tief, dass er als unterirdisch bezeichnet werden darf. Ich las und las und hörte mir Videos von ihr an. Die Redundanzen, dass Frau Seiler immer wieder dasselbe in anderen Worten sagt, waren mir total piepegal.

Frau Seiler spricht vom "wunderschönen Gefühl der Verbundenheit" und "dass du voller Motivation bist, voller Kreativität und Inspiration, wenn du dir die Zeit genommen hast, dich hinzusetzen, die Augen zu schließen, deine Ziele zu visualisieren oder sie vielleicht sogar aufzuschreiben." Dieses "vielleicht", diese Rücksichtnahme, dass unter ihren Zuhörern vielleicht auch faule Säcke oder Analphabeten sind - das ist wunderschön.

Frau Seiler erklärt auf dem Youtube-Kanal "Gedankentanken": "​I​n dem Augenblick, wo ich mich auf den Standpunkt gestellt habe, selbst die Verantwortung für alle Erfahrungen in meinem Leben zu machen" - hubs, sie meint bestimmt "zu übernehmen" - "in dem Moment kommt das Licht zurück. In dem Moment gehst du aus dieser Dunkelheit." Wunderschön! Wer jetzt denkt, dass klingt nach der Kalendersprüche-Literatur von Paulo Coelho oder nach Volkshochschulkurs Psychologie erster Tag erste Stunde, irrt keinesfalls. Aber wie Frau Seiler das sagt: Wunderschön!

Und alles erklärt Frau Seiler so wunderschön einfach. Ganz naiv, geradezu infantil. In meinem Kopf machte es peng! Es war wie ein Orgasmus. Endlich beschränkt sich Erleuchtung nicht mehr nur auf den Beginn meiner Glatze, wo die Haut das Licht spiegelt, in das ich dank Frau Seiler trat. Sofort nach dem Aufwachen visualisiere ich neuerdings gleich am Morgen meine Ziele: Ich möchte einen Kaffee trinken, den mir ein wunderbarer, erleuchteter Mensch zubereitet und danach am Laptop sitzen und eine Kolumne schreiben, die sich um die Lady Gaga der Coaching-Szene dreht.

Immer schön visualisieren

Tatsächlich stehe ich jetzt immer nach mehrstündiger Visualisierung in der Küche und kochte mir bei Licht (!) einen Kaffee wie nie zuvor in meinem Leben. Wenn ich Wasser verschütte, übernehme ich die Verantwortung und wische es selbst auf, statt auf meine Putzfrau zu warten. Als ich kürzlich die Badewanne überlaufen ließ, sagte mir mein Vermieter: "Herr Schmoll, der Schaden liegt in ihrer Verantwortung. Seien Sie achtsam." Ich hatte null Ahnung, was er meinte. Nun verstehe ich ihn. Dank Frau Seiler.

Ich habe meine 2500 Euro teure Kaffeemaschine auf den Müll geworfen. Denn meinen Kaffee koche ich ganz im Sinne der Selbstbefriedigung von Hand. Ich denke dabei: Schön, dass es dich gibt! Du bist ein Geschenk für die Welt und hast einen außergewöhnlichen Kaffee gekocht. Und nun sitze ich hier, schreibe diese Kolumne - und plötzlich wird mir klar: Es ist kein Zufall, dass ich Thomas heiße und ein Mann bin. Thomas Mann. Herrlich! Dabei habe ich noch nicht mal an einem der Kurse von Frau Seiler teilgenommen. Wie wäre ich erst, wenn ich das täte? Unvorstellbar!

Außerdem habe ich beschlossen, den Weg von Frau Seiler zu gehen und als Coach zu arbeiten. Mein Programm heißt "Happy Marketing, Holy Cow & Confidential Bullshit". Tag eins: Wir schauen "Toni Erdmann" und diskutieren im Anschluss beim Klang Schubertscher Musik das Thema: "Den Dämon umarmen - wie sich erwachsene Frauen ihrem Vater nähern und trotzdem unglücklich bleiben können". Den Rest denke ich mir noch aus. Die Teilnahme kostet 239.000 Euro pro Person ohne Mehrwertsteuer. Unter den Schreibern des schönsten Leserbriefs lose ich eine Person aus, die kostenlos teilnehmen darf. Der Kurs wird - wunderschön!

Quelle: n-tv.de