Leben

Ins Berghain mit 74? No Problem! "Glücklich sein kann man lernen"

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Günther Krabbenhöft und Britt Kanja sind oft gemeinsam unterwegs und begeistern mit ihren Outfits.

(Foto: imago/Future Image)

Günther Krabbenhöft ist ein gesehener Gast in Berliner Clubs wie dem Berghain. Doch er hat auch eine zweite Leidenschaft: Mode. Auf Instagram zeigt er, wie man auch mit 74 Lebensfreude pur ausstrahlen kann. Ein Gespräch über Mode, Alter, Glück und Sterben.

n-tv.de: Herr Krabbenhöft, ein zufällig aufgenommenes Foto hat Sie berühmt gemacht. Wie kam es dazu?

Günther Krabbenhöft: Ich stand in Berlin an einer U-Bahn-Haltestelle mit meinem Smartphone in der Hand und ein Tourist hat mich spontan fotografiert. Später sagten mir Freunde, dass da im Netz wegen mir ganz schön viel los sei. Im Handumdrehen hatten drei Millionen Menschen das Foto von mir geliked. Ich habe immer nur gestaunt und konnte gar nicht fassen, was da passierte. Ich wundere mich immer wieder, was ein älterer Herr für eine Aufregung auslösen kann.

Wann haben Sie angefangen, die Berliner Clubs unsicher zu machen?

Ich wusste auch schon früher, dass es das Berghain und die anderen Clubs gibt. Aber damals hatte ich eine Schere im Kopf. Nach dem Motto, die Leute sagen "was will denn der Alte hier, der kriegt gleich einen Herzkasper und dann ist unsere Party vorbei". Aber dann kamen vor fünf Jahren zwei Mädchen in der U-Bahn auf mich zu und fragten mich, wohin ich fahre. Dann nahmen sich mich mit ins Berghain. 

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Wie war das für Sie?

Die jungen Frauen haben mir alles gezeigt, ihre Freunde vorgestellt und dann bin ich gleich neun Stunden dort geblieben. Ich war ziemlich gespannt auf das Berghain, weil ich schon viel darüber gehört hatte. Aber es war dann einfach nur schön. Ich bin beseelt nach Hause gegangen und es war wie eine Offenbarung. Ich bin immer neugierig auf das Leben.

Sie dokumentieren Ihr Leben auf Instagram mit außergewöhnlichen Outfits. Wie sind Sie zu Ihrem Stil gekommen?

Kleidung war für mich schon immer ein Thema, schon als 16-Jähriger. Ich habe Kleidung immer als zusätzliche Möglichkeit gesehen, zu zeigen, wer ich bin. Ich habe viel selbst kreiert und bin in Second-Hand-Läden unterwegs gewesen, habe mir mein Outfits zusammengesucht. Alle diese schönen Dinge springen mich einfach an. Ich liebe Schönheit. Sie erfreut mein Herz. Man muss auch das Kleine wertschätzen, das Glück sehen und richtig hingucken.

Was bedeuten für Sie Alter und älter werden?

Manche Jugendliche sind in ihrem Habitus ja älter als ich. Manche sind langsam und träge, denen kann man im Gehen die Hose flicken. Und so ist das auch bei den Alten. Wenn sie immer nur auf die Einschätzung der Gesellschaft hören, dass sie da "nicht hingehören", dann ist das schwierig. Wir müssen aufhören, die Grenzen zu akzeptieren, die uns andere setzen. Die Leute sollen nicht aufhören, neugierig zu sein. Es gibt nichts Schöneres, als in Verbindung mit dem Hier und Jetzt zu sein. Wenn ich gar nichts mache und nicht fit und neugierig bin, kann mein Körper auch nicht stabil bleiben.

War Tanzen früher oder heute für Sie schöner?

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Sein Modestil ist sein Markenzeichen.

(Foto: Sonja Gurris)

Früher habe ich immer darauf gewartet, dass jemand auf die Tanzfläche geht. Heute ist mir das egal. Sobald ich die Musik höre, fange ich an zu tanzen.

Nach einem Social-Media-Seminar kamen beispielsweise zwei über 80-jährige Frauen auf mich zu und eine fragte mich: "Wie kommt man denn ins Berghain, können Sie mich da mal mitnehmen?" Sie hatte so ein Leuchten in den Augen. Ich sagte ihr, sie soll einfach hingehen, alles andere wäre Altersdiskriminierung.

Sie sind 74 und leben sehr intensiv. Denken Sie auch über den Tod und das Sterben nach?

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Man muss sich damit auseinandersetzen. Es ist die letzte Kränkung. Ich habe jemanden im Berghain getroffen, der historische Gräber betreut. Er hat mir dann bei einem Rundgang auf dem Friedhof die historischen Gräber und Mausoleen gezeigt. Ich war schon als Kind gerne auf dem Friedhof, weil es dort so ruhig ist. Und dann habe ich gleich ein Grab gefunden, das mir gefallen hat und sagte ganz spontan "das nehme ich". Später habe ich festgestellt, dass da sechs Leute beerdigt werden können.

Und was haben Sie dann gemacht?

Ich habe das meinen Freunden erzählt und im Handumdrehen hatten wir eine Urnen-WG (lacht). Und ich dachte, wie schön es ist, zu wissen, dass da meine Freunde auch sein werden. Das hat uns alle sehr glücklich gemacht. Wir haben dann das Grab renovieren lassen und schon eine kleine Feier darauf abgehalten. Und auch beim Grab gilt hier: Lage, Lage, Lage - von dem Hügel aus, wo das Grab liegt, sieht man rechts das Berghain und links ein Café (lacht).

Sie sagen das so locker und mit einem Lächeln. Ist das wirklich so einfach, daran zu denken?

Wenn ich ans Sterben denke, habe ich keine Angst. Jeder stirbt für sich und wenn ich Glück habe, ist jemand bei mir, der mich unterstützt. Wenn man ein Leben geführt hat, das rund ist und voller Freunde, dann kann man auch akzeptieren, dass Schluss ist. Das kann man mit niemandem verhandeln.

Auf Ihren Bildern und auch bei Ihren Auftritten wirken Sie immer gut gelaunt und strahlen so viel Lebensfreude aus. Woher kommt das?

Naja, viele Menschen in der U-Bahn machen immerzu ein Gesicht, als hätten sie gerade eine schlechte Nachricht bekommen. Bei aller Mühe, man kann doch lächeln und sehen, was das Leben ausmacht. Glücklich sein kann man lernen. Es ist so einfach. Ich erlebe das täglich: Jeder, den ich ansehe, schenkt mir ein Lächeln zurück. Ob ein Bettler, ein Punker oder sonst wer. Ich blende nicht die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft aus. Ich finde, dass man auch denjenigen, denen es schlecht geht, mit einer Botschaft der Zuversicht begegnen kann.

Mit Günther Krabbenhöft sprach Sonja Gurris

Quelle: n-tv.de

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