Leben

Schmerzhafte soziale Distanz Herzensfreundschaften sind gegen Corona immun

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In der Corona-Krise geben Freundschaften Kraft.

(Foto: imago images/Westend61)

Seit wegen der Corona-Pandemie die ganze Welt auf Abstand geht, sind Begegnungen mit Freunden selten geworden. Manch einer fürchtet schon, die Freundschaft könnte wegen dieser Distanz in die Brüche gehen. Das ist nicht ganz ausgeschlossen, es kommt aber auf die Freundschaft an.

Das Toilettenpapier wurde dann doch nicht alle und selbst ans Maskentragen haben sich die meisten Menschen irgendwie gewöhnt. Es ist eben Pandemie. Richtig hart ist jedoch, dass man die Freunde nicht treffen kann. Plötzlich ist da Leere und ein Vermissen, wie man es eigentlich nur aus schlimmsten Liebeskummerzeiten kennt. Die sozialen Auswirkungen der Corona-Abschottung sind für Freundschaften durchaus belastend.

"In Zeiten, wo es uns schlecht geht, wo wir bedrängt werden - und Corona ist eine Krisen- und Belastungszeit - brauchen wir Freunde, bei denen wir uns aussprechen können und die uns emotional verstehen", beschreibt Wolfgang Krüger den derzeitigen menschlichen Ausnahmezustand. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut forscht seit Jahrzehnten zum Thema Freundschaft. Auch er beobachtet, dass für viele die fehlenden Begegnungen mit Freundinnen oder Freunden sehr schmerzhaft sind. Manche fürchten sogar, sie könnten diese wichtigen Menschen verlieren.

Natürlich ist das Ende einer Freundschaft nie völlig ausgeschlossen, aber Krüger versucht zu beruhigen. Man müsse zwischen Herzens- und Alltagsfreundschaften unterscheiden, sagt er im Gespräch mit ntv.de. "Und Herzensfreundschaften sind in Coronazeiten oft sogar noch besser geworden." Damit meint er jene freundschaftlichen Verbindungen, die oft schon viele Jahre bestehen. "Da haben wir viel miteinander erlebt, uns über sehr persönliche Themen ausgetauscht und auch Krisen miteinander durchgestanden." Wenn diese Freunde nun miteinander telefonieren, können sie an die bereits bestehende starke Verbindung sehr schnell anknüpfen und haben auch auf eine gewisse Entfernung hin das Gefühl einer sehr vertrauten Beziehung. "Da ist einfach ganz viel emotional abgespeichert."

Freunde für den Alltag

Anders sieht es bei den Alltagsfreundschaften aus. Sie verbinden Menschen miteinander, die sich normalerweise regelmäßig beim Sport, in der Nachbarschaft, beim Chor oder auf dem Spielplatz treffen. Sie erreichen nicht die emotionale Tiefe einer Herzensfreundschaft. Gespräche unter Alltagsfreunden sind eher Small Talk. Auf die Frage: "Wie geht es Dir?", folgt meist ein unverbindliches "Gut". Doch für das Gefühl, sozial eingebunden zu sein, sind auch diese Freundschaften wichtig. "Wenn plötzlich alle Treffen ausfallen, dann habe ich keinen Anlass, diese Menschen zu sehen. Dann fallen Sie auch emotional hinten runter und das ist schade", schätzt Krüger ein.

Das bestätigt auch eine französische Studie des "Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung". Sie kam zu dem Schluss, dass viele der insgesamt 16.000 bei einer Online-Umfrage Befragten, den Fokus ihrer Alltagsfreundschaften auf Menschen in ihrem Haus, ihrer Straße oder ihrer unmittelbaren Nachbarschaft verlagert hatten. Dabei entstanden durchaus auch neue Kontakte, die vielleicht das Potenzial für eine Freundschaft haben.

Vor allem Singles haben es jedoch schwer, wenn das soziale Leben so eingeschränkt ist wie jetzt durch das Coronavirus. In deren Leben spielt der Freundeskreis oft eine große Rolle. Beispielsweise um gemeinsam zu essen oder bei der Freizeitgestaltung. Diese Menschen sind nun sehr auf sich zurückgeworfen und haben das Gefühl, ihre Freundschaften nicht so pflegen zu können, wie sie es normalerweise tun. Die Folge: Einsamkeitsgefühle nehmen zu.

Durch dick und dünn

Die diffuse Bedrohung, die damit verbunden ist, hat ihre Ursache in der Evolutionsgeschichte des Menschen. Nach Ansicht des Evolutionspsychologen Robin Dunbar liegen die Wurzeln der Freundschaft im sozialen Leben nichtmenschlicher Primaten. Die stabile Gruppe, die auf den sozialen Bindungen ihrer Mitglieder beruht, bot ihnen Schutz vor Raubtieren und Rivalen. Das erklärt, warum viele Menschen ihre engsten Freunde so wichtig nehmen, als hänge ihr Leben davon ab. Der BBC sagte Dunbar, Freundschaften könnten sich schon innerhalb von drei Monaten verschlechtern, wenn man nicht in sie investiert. Dies betreffe aber vor allem die weniger wichtigen freundschaftlichen Beziehungen, also eher die Alltagsfreundschaften.

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Diese Auffassung teilt auch Krüger, der im Gegenzug bei den Herzensfreundschaften sogar eine stärkende Wirkung für die Freunde sieht. Bevor man diese tiefe Freundschaft empfinde, gehe man durch verschiedene Phasen. "Dabei gleichen wir ab, hat der andere einen ähnlichen Humor, ähnliche Werte, ähnliche Vorstellungen von Nähe?" Dann teile man eher harmlose Lebensgeschichten und schaue, ob man verstanden wird. "Irgendwann gibt es Konflikte oder Krisen, jemand wird krank. Dann merkt man, ob es immer noch passt."

Er selbst hat die Pflege seiner Freundschaften auf Videotelefonate oder Whatsapp-Nachrichten verlagert. Wichtig sei vor allem, nicht das Interesse aneinander zu verlieren. Deshalb habe er seine Freunde gefragt: "Welche Lebensziele hast Du? Wie kannst Du die Coronazeit dafür nutzen? Wie kann ich Dich dabei unterstützen?" Das Thema Corona als solches meidet er, "weil ich den Eindruck habe, es ist wie eine Weltanschauung oder Religion. Da werden Debatten schnell irrational." Er halte sich eher an die Basiswerte einer Freundschaft. Allerdings beobachte er auch hier den Unterschied zwischen Alltags- und Herzensfreundschaft. "Bei den Herzensfreunden sind wir anspruchsvoller, bei den Alltagsfreunden toleranter."

Maximal drei Herzensfreunde

Zum evolutionären Erbe der Freundschaft gehört auch die körperliche Berührung. Die in vielen Freundschaften selbstverständlichen Umarmungen vermisst auch Krüger durchaus. "Wir haben uns in den letzten 20 Jahren in Deutschland endlich daran gewöhnt, dass man sich umarmt. Das bringt uns ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Sicherheit." Das ist wichtig. "Wenn ich meinen Freund umarme, können wir auch eine Zeit beieinander sitzen und schweigen, weil eine tiefe Vertrautheit da ist. Deshalb ist es schade, wenn es nicht geht, aber wir können uns viel Anerkennung geben, die unter die Haut geht und uns berührt."

Unnormal sei auch das Gefühl der ständigen Selbstkontrolle, ob man den gebotenen Abstand einhält. "Wir verhalten uns fast wie im Mittelalter, als Menschen immer darauf eingestellt waren, einem Feind zu begegnen", erläutert Krüger. "Deshalb wurde Abstand gehalten, um notfalls das Schwert ziehen zu können." Doch in einer Freundschaft, in der Offenheit und Vertrauen herrschen, fühlt sich das einfach nicht richtig an.

Schwierig dürfte es gerade auch für neue Freundschaften werden. Vergleichbar sind diese gerade virtuell entstehenden Verbindungen vielleicht am ehesten mit den Brieffreundschaften vergangener Tage. Auch da konnte man eine gewisse Intensität erreichen. Für eine tiefe Freundschaft ist es aber wichtig, den anderen wirklich kennenzulernen. "Die persönliche Begegnung ist ganz entscheidend dafür, überhaupt eine Freundschaft aufzubauen. Dafür muss ich den anderen sehen, ihm in die Augen schauen, ihn riechen", so Krüger. Insofern muss manche Corona-Freundschaft vielleicht noch den Praxistest bestehen, wenn Freunde sich wieder begegnen können.

So lange sollte man sich an die Herzensfreunde halten, von denen man der Forschung zufolge maximal drei hat. Das sind die Menschen, die man im Notfall ohne lange zu überlegen nachts um halb drei anrufen würde. Oder denen man erzählen würde, wenn man fremdgegangen ist oder im Lotto gewonnen hat. Diese Freundschaften lassen sich selbst in einer Pandemie aufrechterhalten, wenn der andere Hunderte Kilometer weit weg oder über Monate nur per Skype oder Zoom zu erreichen ist. "Herzensfreundschaften sind Urgesteine des Lebens. Die bleiben bestehen."

Quelle: ntv.de