Leben

In Ruhe denken und fühlen In der Stille wird es laut

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In der Natur finden viele Menschen ihren Ort der Stille.

(Foto: imago images/Action Pictures)

Viele schätzen die letzten Tage des Jahres für ihre Ruhe und Gelassenheit. Die darin liegende Stille trifft auf ein Urbedürfnis des Menschen, das nur noch selten erfüllt wird. Dabei ist die Sehnsucht danach oft ebenso übermächtig wie der Reichtum darin.

Zu Weihnachten singen wir "Stille Nacht, heilige Nacht", wir stehen ergriffen vor einem still ruhenden See und wenn die Kinder abends endlich still sind, machen wir drei Kreuze. Das Bedürfnis nach Stille gehört zum evolutionären Erbe der Menschen und stammt aus Zeiten, als die Welt ohne jedes technische Geräusch war. An der Grundinformation, dass mit Geräuschen Gefahr verbunden ist, hat sich bis heute nichts geändert. Doch Stille ist längst viel mehr als die Abwesenheit von Lärm, das spürt man nicht nur jetzt in dieser angeblich stillsten Zeit des Jahres.

"Ich liebe diese Art von Stille, die mir Zurückgezogenheit gewährt", sagt der Astronaut und Physiker Ulrich Walter. Er gehört zu den 26 Menschen, die die Autorin Manu Theobald gefragt hat, was Stille für sie ist. In der Stille des Weltalls verstand er, wie groß die Selbstüberschätzung des Menschen wirklich ist. "Tatsächlich spielen wir in diesem kosmischen Entwurf nicht die geringste Rolle."

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Den Buchtitel "Stille ist" setzt jeder der Befragten auf seine Weise fort, bei Walter ist es Zurückgezogenheit, die Höhlenforscherin Hazel Barton entscheidet sich für Zugehörigkeit, für den Neurowissenschaftler Wolf Singer ist Stille Übergang. Es sei ihr darum gegangen, für die verschiedenen Gesichter und Perspektiven von Stille sozusagen Stellvertreter zu finden, erzählt Theobald ntv.de.

Innehalten als Herausforderung

"Tatsächlich ist es, wenn man still wird, ganz schön laut", so die Autorin. Ohne Stille wird das Menschsein schwierig, aber wenn es wirklich still ist, ist das gar nicht so leicht auszuhalten. Doch Theobald sieht in der Stille vor allem unendliche Möglichkeiten. "In der Stille können wir uns ein Stück Würde zurückerobern, statt immer nur zu machen, gerecht zu werden oder Terminkalender abzuarbeiten."

Sabera Machat lebt seit über 20 Jahren in der Wüste Sinai und hat dort häufig Besucher. Sie beobachtet immer wieder, dass Menschen einige Tage brauchen, bis ihr "innerer Kommentator" in der Weite und Ruhe der Wüste leiser wird. Für viele Gäste sei das ein so einschneidendes Erlebnis, "dass sie verändert nach Hause kommen", sagt sie. Für Machat ist Stille Einklang, in dem alles stimmig ist.

In den letzten Tagen des Jahres scheint das Bedürfnis nach Stille noch größer zu sein. Um zu bilanzieren, was das Jahr gut oder herausfordernd gemacht hat, ist innere Ruhe unerlässlich. "Wir wünschen uns diese stille Zeit, haben eine große Sehnsucht danach, praktisch findet aber genau das Gegenteil statt", meint Theobald. Denn oft seien die letzten Tage im Dezember die hektischste Zeit des Jahres. "Da müssen Jahresabschlüsse gemacht werden, es werden Geschenke gesucht, die Vorbereitungen aufs Fest laufen." In dieser Beschleunigung sei es besonders wichtig, Momente des Innehaltens in den Alltag einzubauen.

Es gibt ein großes Angebot, um still zu werden. Kirchen öffnen, damit Passanten einen Moment der Stille erleben können, Universitäten richten Räume der Stille ein. Es gibt Schweigeseminare, Meditationskurse und Achtsamkeitstrainings, die das Stillebedürfnis stillen sollen. "Vielleicht ist das wirklich eine Chance des Lockdowns, dass Menschen überhaupt merken, was sie denken und fühlen, was sie sonst vielleicht übergehen durch Tun oder Konsumieren", glaubt Theobald. Sie selbst nennt Stille für ihr Leben "essenziell". Wenn sie ins Lauschen und in die Stille komme, könne sie sich vergegenwärtigen, was sie gerade denkt oder fühlt. "Dann kommen erst Verbindungen zum Vorschein, die ich vorher nicht sehen oder verknüpfen konnte."

Menschen brauchen Stille

Für Yasuhisa Toyota ist Stille eine Null. "Denn die Qualität eines Tones ist nur so schön, wie die Stille, die ihn umgibt", sagt der Akustikingenieur für Konzertsäle. Ohne Stille sind alle Töne irgendwann zu viel, was vielleicht erklärt, dass selbst die Musik im Fahrstuhl unerträglich wird. Deshalb verweist der Dirigent Peter Gülke auf die kollektive Stille, die sich vor dem ersten Ton eines Konzertes einstellt. "Musik kommt von der Stille her, setzt sie voraus, steigt aus ihr auf, nicht nur bei Bruckners Sinfonie-Anfängen, und entlässt uns in sie hinein, nicht nur am Ende von Tschaikowskys 'Pathétique' oder Mahlers 'Lied von der Erde'."

Bestimmte Momente brauchen Stille, das Gebären, das Sterben oder auch die Arbeit an einer Beziehung. "Das Innehalten ist auch da wieder präsent, weil die Sprache versagt, wenn die Momente zu groß sind und wir kein passendes Vokabular haben", meint Theobald. Die meiste Kommunikation finde ohnehin nonverbal statt. Deshalb ist Stille für die Paartherapeutin Hedy Schleifer auch ein unsichtbarer Verbinder. Sie lehrt Paare "die reichhaltige, tiefe Stille des Zusammenseins", in der das meiste über Blicke, Berührungen und Gesten gesagt wird.

Menschen brauchen Stille, sonst werden sie krank. Doch wer wirklich still wird, macht vermutlich eine Grenzerfahrung. Ohne Ablenkung wird man zurückgeworfen auf sich selbst, hört seinen Atem und seinen Herzschlag, folgt den eigenen Gedanken. Manu Theobald empfiehlt es trotzdem oder gerade deshalb: "Stille verschafft mir eine unabhängige Größe von dem, wie mich die Außenwelt betrachtet, wie die Anforderungen im Job oder von der Familie sind. Es ist wie in der Wildnis oder in der Natur, wo sich sofort eine Ordnung herstellt und sich nicht mehr alles um einen selbst dreht. Alles bekommt eine Selbstverständlichkeit, das ist eine großartige Erfahrung."

Quelle: ntv.de

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