Leben

"Es ist, wie es ist" Mehr Wunder, weniger Wahnsinn

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Wenn man sich nur auf das Schlechte konzentriert, dann bleibt alles so schlecht wie es ist.

(Foto: imago/Westend61)

Ist es möglich, ruhig, entspannt und konstruktiv zu bleiben, wenn außerhalb der eigenen vier Wände ein Virus tobt? Dieser Frage hat sich Ralf Senftleben angenommen, und heraus kam sein Buch "Die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen" - momentan ganz besonders empfehlenswert.

Als Ralf Senftleben die Arbeit an seinem Buch beginnt, geht ihm vor allem die politische Lage in der Welt auf die Nerven. Seltsame, schwierige Zeiten sind es, in denen es gar nicht so leicht ist, ruhig zu bleiben. Dann kommt das Coronavirus, und noch mehr Menschen üben sich in der "Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen". Unter diesem Titel fasst Senftleben schließlich seine Strategien für mehr Stärke und Gelassenheit im Alltag zusammen.

Ist es überhaupt möglich, ruhig, entspannt und konstruktiv zu bleiben, wenn außerhalb der eigenen vier Wände der Wahnsinn tobt? Senftleben ist davon überzeugt. "Das Wichtigste, was wir uns klarmachen müssen, ist, dass die Situation gerade so ist, wie sie ist", sagt er ntv.de. "Ob ich das gut finde oder nicht, ist eher nachgeordnet."

Was geradezu buddhistisch klingt, ist leichter gesagt, als getan. Doch für den Mann hinter der Selbsthilfe-Plattform Zeitzuleben.de ist es einer der Kernpunkte für mehr Lebensglück. Der Grund dafür ist aus seiner Sicht überzeugend: "Wenn ich mich auf das konzentriere, was ich nicht beeinflussen kann, fördert das meine Hilflosigkeit." Wer ständig darauf schaue, ob die Inzidenzzahlen rauf- oder runtergehen, sei davon so eingenommen, dass er nicht mehr wahrnehmen könne, was ihm wirklich helfen würde. "Damit nehme ich mir selbst die Chance, mich darum zu kümmern, wo ich wirklich etwas machen kann."

Um besser bei sich zu bleiben, ist es zunächst gut, zu unterscheiden zwischen dem, was man nicht oder nur teilweise beeinflussen kann, und dem, worüber man selbst entscheidet. Wetter, Weltfrieden, die zänkische Schwiegermutter oder auch das Coronavirus fallen in die erste Kategorie, der Wohnort, die Wandfarbe in der Küche oder Kaufentscheidungen in die zweite. Senftleben empfiehlt, der zweiten Kategorie 90 Prozent seiner Aufmerksamkeit zu widmen, den Unabänderlichkeiten hingegen nur 10 Prozent. Seine Erfahrung ist: "Ohnmacht entsteht, wenn ich mich darauf konzentriere, was ich nicht ändern kann. Je mehr ich mich darauf konzentriere, was ich wirklich tun kann, umso leichter wird es."

Weihnachten bewusst anders?

Untersuchungen zeigen, dass Ängste, Stress, Depressionen und Schlafstörungen in der Corona-Pandemie zugenommen haben. Dem im November veröffentlichten "Deutschland-Barometer Depression" zufolge empfanden 59 Prozent der Bevölkerung den Lockdown im Frühjahr als bedrückend. Das eher dunkle Jahresende wird die Situation für viele nicht besser machen.

Dabei ist selten alles so schlecht, wie es auf den ersten Blick scheint. "Es hilft, die positive Grundhaltung zu behalten, indem ich mich auf das konzentriere, was nicht ganz so schlecht oder sogar gut ist", so Senftleben. Dann könne man selbst dem Corona-Weihnachten mit seinen vielen Einschränkungen vielleicht auch etwas abgewinnen. Viele beschweren sich Jahr für Jahr, dass es Weihnachten immer so stressig ist und dass man so viel zu tun hat. In diesem Jahr könnte man es bewusst anders machen. Und wegen Corona kann einem noch nicht mal jemand böse sein. Der Autor war beispielsweise in anderen Jahren mindestens auf zehn Weihnachtsfeiern eingeladen, obwohl er spätestens nach der dritten die Nase voll hatte. "Dieses Jahr ist keine Weihnachtsfeier, das ist doch gut für mich."

Das mag ruhebedürftigen und introvertierten Menschen leichter fallen, als denen, die gern unter vielen Menschen sind. Doch auch die kommen vielleicht dem Weihnachten, was sie wirklich feiern möchten, ein Stück näher. Einfach, weil sie ein neues Fest entwerfen können. Eines, das ihren Werten und Vorstellungen noch mehr entspricht als die alljährliche Wiederholung des Altbekannten. Auch das ist eine Empfehlung von Senftleben: Sich darüber klar werden, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Manches ist nur bequem oder man hat sich daran gewöhnt, der Verzicht auf anderes wäre jeden Tag hart und kaum erträglich. Sich auf diese Werte zu besinnen, relativiert so manches im Alltag.

Einen Schritt zurücktreten

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"Ich kenne viele Leute, die diese Corona-Zeit als Chance begreifen", sagt Senftleben. "Es ist für sie eine gute Gelegenheit, sich zu fragen, was sie eigentlich an ihrem Leben ändern müssten." Das sei gar nicht so leicht, weil es immer darum gehe, persönliche Muster, Gewohnheiten und Routinen zu durchbrechen. "Wenn ich heute einen Gedanken denke, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass ich den gleichen Gedanken morgen auch wieder habe. Und wenn das ein doofer Gedanke ist, habe ich den eben jeden Tag."

Also gilt es, regelmäßig im Alltag einen Schritt zurückzutreten, um die Dinge nicht immer wieder so ablaufen zu lassen, wie sie normalerweise gewohnheitsmäßig ablaufen. Von dieser Beobachterposition aus wird oft überraschend schnell deutlich, an welchen Stellen man sich selbst das Leben schwer macht. "Wenn ich diesen Erkenntnismoment hatte, kann ich versuchen, in diese Lücke reinzugrätschen."

Er verstehe vollkommen, dass diese Veränderungen auch Angst machen können. "Das erfordert Mut, da muss ich über meinen eigenen Schatten springen, ich muss Arbeit investieren." Aber zehn Jahre mit Bauchschmerzen zur Arbeit zu gehen und sich darüber zu beklagen, sich aber keinen anderen Job suchen, ist für ihn keine Alternative. "Wenn ich mich aber nur auf das Schlechte konzentriere, dann bleibt alles so schlecht wie es ist."

Manchmal helfe es auch, sich vor Augen zu führen, "dass wir trotz aller Einschränkungen immer noch genug Essen im Kühlschrank haben. Die Krankenversorgung funktioniert, wir leben immer noch in einem reichen Land ohne Krieg. Dann kommt es mir komisch vor zu jammern, dass ich gerade nicht ins Kino kann". Senftleben konzentriert sich deshalb darauf, dass es wieder besser wird. "Wir werden einen Modus finden, wie wir wieder zur Normalität zurückkehren können. Davon bin ich überzeugt." So lange arbeitet er in einem Wohnwagen, der sein Homeoffice ist, trifft seine Mitarbeitenden in Videokonferenzen und isst mit seiner Familie selbstgemachtes Popcorn auf der Couch. Er pflegt "die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen".