Leben

Leben mit der Angst Kester Schlenz ist "bekloppt"

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Der Journalist und Buchautor Kester Schlenz leidet an einer Angststörung.

(Foto: imago/Future Image)

Bin ich schon krank? Oder werde ich es? Diese Gedanken bestimmen über Jahre das Leben von Kester Schlenz. Öffentlich ist er erfolgreicher Autor und Journalist, innerlich vollkommen am Ende. Beinahe zerbricht er daran, bis er sich eingesteht: Ich bin psychisch krank.

Noch heute erinnert sich Kester Schlenz deutlich an den Tag, an dem er verstand, dass er Hilfe brauchte. Er war gerade beim Arzt gewesen, weil er - wieder einmal - fürchtete, schwer krank zu sein. Und wieder einmal hatte der Arzt ihm bescheinigt, körperlich gesund zu sein. Nun saß Schlenz an der Bushaltestelle, gequält von seinem Gedankenkarussell, dass der Mediziner etwas übersehen haben könnte. Schlenz geht zurück und bekommt zu hören, was er unbewusst längst weiß: Hier geht es nicht um etwas Organisches, er muss zum Therapeuten, denn er hat ein psychisches Problem.

Dieser Tag liegt inzwischen mehr als 20 Jahre zurück. "Ich saß da wie ein Häufchen Elend und habe mich entschuldigt", erzählt Schlenz ntv.de. "In diesem Moment habe ich gewusst, ich muss das machen. Und ich war auch befreit, weil ich wusste, so kann es nicht weitergehen." Der Buchautor und Journalist hatte eine Zwangsstörung entwickelt. "Ich hatte übersteigerte und krankhafte Angst, zu erkranken oder schon krank zu sein. Das hat mein Leben immer mehr bestimmt."

Schlenz ist das, was man landläufig einen Hypochonder nennt. Anders als in schrulligen Woody-Allen-Filmen ist daran nichts vergnüglich. Die Krankheit hatte sich über Jahre entwickelt. "1986 war der erste große Einbruch nach dem Atomunglück von Tschernobyl", erzählt Schlenz. "Da habe ich mir wahnsinnig viele Sorgen gemacht, so wie viele andere auch. Aber als die Sorgen bei allen anderen abklangen, war ich immer noch total panisch, was man überhaupt essen kann." Über viele Jahre hinweg fragt er sich immer wieder, was mit ihm los ist. Schlenz lebt zunehmend zwei Leben. "In dem öffentlichen Leben habe ich funktioniert, war Ressortleiter, Vater, Ehemann, Freund, all diese Rollen habe ich ausgefüllt. Und zu Hause bin ich zusammengeklappt, habe kaum geschlafen. Das war wahnsinnig anstrengend."

Therapeutischer Marathon

Er versucht es zunächst mit einer Gesprächstherapie, spürt seiner Vergangenheit nach, dem Verhältnis zu den Eltern, sucht Antworten. Woher kommt die Angst, ist sie vielleicht gelernt? Doch es geht ihm nicht wirklich besser. Es folgt eine Verhaltenstherapie. "Da ging es um das konkrete Verändern des Denkens und Fühlens, um diese Mechanismen zu durchbrechen", erzählt Schlenz. Auch das hilft, reicht in seinem Fall aber nicht aus. Die Störung ist einfach zu massiv. "Ich war wirklich am Boden, ich dachte, das hört nie auf und es wurde immer schlimmer, das war furchtbar." Schließlich zieht seine Therapeutin die Reißleine und schlägt die Behandlung in einer psychosomatischen Klinik vor, das bedeutet zwei bis drei Monate stationärer Aufenthalt. "Sie hat gesagt, sie müssen raus aus diesem Hamsterrad zwischen Krankheit, Job und zu Hause, das geht so nicht weiter, sie gehen vor die Hunde."

Schlenz sieht auch das ein, aber es ist hart. Er spricht mit seiner Chefin, macht die Erkrankung öffentlich. An einem schönen Sommertag fährt ihn ein Freund in die Klinik. "Bis zu diesem Zeitpunkt war das der Tiefpunkt meines Lebens. Ich habe mich angemeldet und wurde in mein Zimmer gebracht. Dann saß ich da und habe eine halbe Stunde geheult, weil ich dachte, das war es jetzt. Du bist jetzt in der Klapse, deinen Job macht jemand anders vertretungsweise, mal sehen, wie lange sie das zulassen. Zu Hause sitzen deine Frau und deine Kinder, du verlierst alles."

In ihm streiten der Patient und der Journalist, der eine fühlt sich erbärmlich und ersehnt Hilfe, der andere schaut interessiert auf die Mitpatienten und ihre Geschichten. "Ich habe dann schnell gelernt, dass ich einer von vielen Kranken bin. Egal, ob das jetzt Professorinnen, Fliesenleger oder Arbeitslose sind. Wir sind alle gleich krank und gleich bedürftig", sagt Schlenz rückblickend. Zum Klinikalltag gehören Gestalt-, Gesprächs- und Gruppentherapie. Schlenz tritt zum Sporttreiben an, malt, liest gezwungenermaßen Krankheitslexika. Er unterstützt andere und lässt sich helfen, er lernt, seine Ängste auszuhalten. "Zusammen mit einem anderen, der auch wahnsinnige Angst vor Keimen hatte, habe ich ein Drogencafé besucht." An einem Ort, den sie sonst nur im Ebola-Schutzanzug besucht hätten, trinken die beiden unter therapeutischer Begleitung und wahnsinniger Anstrengung Kaffee und essen Kuchen.

Viel Unwissen, viel Angst

Irgendwann ist Schlenz bereit, die Klinik zu verlassen. Er setzt die Therapie fort, wird stabiler, verändert sich beruflich. Inzwischen hat er über seine Erkrankung ein Buch geschrieben: "Ich bin bekloppt ... und ich bin nicht der Einzige". Lange hat er das Thema vor sich hergeschoben. "Ich dachte viele Jahre, das ginge gar nicht, mich dem zu stellen und darüber zu schreiben, weil es so persönlich ist. Ich habe die Zeit gebraucht, weil es ein harter Einschnitt in meinem Leben und eine schwere Zeit war. Es musste erstmal sacken." Ein bisschen fürchtet er sich auch vor der Wiederbegegnung mit der Krankheit. Doch sein Therapeut rät ihm zu.

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"Mein Hauptziel ist, mit dem Buch ein Tabu zu brechen, auch weil ich selbst davon betroffen war", betont Schlenz. Aus seiner Sicht fällt es Männern noch immer schwer, über psychische Probleme zu sprechen, weil das mit Schwäche gleichgesetzt wird. "Das war bei mir nicht viel anders."

Schlenz nennt sein Buch einen Ratgeber von einem Betroffenen für andere Betroffene und deren Angehörige. "Ich wollte kein distanziertes und akademisches Ratgeberbuch schreiben, sondern es sollte auch was zu lachen geben, wenn es denn geht. Denn es ist natürlich zum Teil irre witzig, was ich mit mir und anderen erlebt habe. Das Denken verirrt sich ja bei psychischen Erkrankungen in eine andere Ebene. Das ist ja im wahrsten Sinne des Wortes das Verrückte an dieser Krankheit."

"Wir sind alle sterblich"

Die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt weltweit ständig zu. In Deutschland sind der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde zufolge etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das sind 17,8 Millionen Menschen. Angststörungen gehören dabei zu den häufigsten Erkrankungen (15,4 Prozent).

Auch Schlenz hatte davon vor seiner eigenen Diagnose keine Vorstellung. "Ich hatte mal gehört, dass es Leute mit Depressionen gibt, die sind sehr traurig. Ich dachte, vielleicht habe ich das." Inzwischen ist ihm klar, jeder kennt einen oder ist selbst betroffen. "Ich fand es richtig, zu erkennen und das auch von Therapeuten zu hören, dass das einfach ein Massenphänomen ist." Genauso wichtig ist ihm, zu erkennen, dass es einen Punkt gibt, an dem man sich nicht mehr selber helfen kann und sich Hilfe suchen muss. "Ich habe viele Jahre versucht, das auszuhalten, weil ich mich nicht getraut habe, zu einem Therapeuten zu gehen. Ich wollte auch die Stigmatisierung nicht, krank zu sein." Aber das sei einfach Unsinn. Man könne ja auch nichts dafür, wenn man sich den Arm bricht oder ein Magengeschwür hat.

Bis heute vergeht kein Tag, "an dem sie mich nicht anzuspringen versucht", sagt Schlenz über die Krankheit. "Aber als ich ganz unten war, habe ich so etwas wie Akzeptanz entwickelt, dass ich krank werden und auch sterben kann." Nur eben jetzt noch nicht. Schlenz ist inzwischen 63, die schlimmsten Jahre seiner Krankheit fielen in die Vorschulzeit seiner Söhne. Die sind heute erwachsen und auch seine Frau hat ihn über all die Jahre unterstützt. Dafür ist Schlenz unendlich dankbar. Er ernährt sich gesund, treibt Sport und geht zu Vorsorgeuntersuchungen. Aber er geht nicht wegen jedem Ziepen zum Arzt. "Ich war lange damit beschäftigt, zu überleben, jetzt habe ich etwas mehr Gelassenheit. Klar, wir sind alle sterblich, irgendwann ist es auch bei mir so weit."

Quelle: ntv.de