Leben
Nicht nur am Bahnhof versteht man manchmal nur noch Bahnhof.
Nicht nur am Bahnhof versteht man manchmal nur noch Bahnhof.(Foto: imago/Jürgen Ritter)
Samstag, 10. November 2018

"Der Denglische Patient": Lost in Trainstation

Eine Kolumne von Peter Littger

Denglisches Kauderwelsch ist allgegenwärtig. Im Westen wie im Osten. Auf Geschäften, Produkten und vor allem an Flughäfen und Bahnhöfen, den größten Übungsflächen unseres zweisprachigen Ehrgeizes.

Englisch im Alltag hat mich schon als Kind komplett verwirrt. Ich stellte mir damals Fragen wie: Was hat der Hamburger mit den Hamburgern zu tun? Oder: Warum ist Apollinaris eine Queen?

Als ich irgendwann schon ein bisschen Englisch beherrschte, wurde es nicht besser. Nur die Fragen änderten sich. An eine kann ich mich noch gut erinnern: "Hut oder Hütte?" Ich wollte wissen, was die amerikanische Schnellrestaurantkette "Pizza Hut" bedeutet. Das Logo scheint einen roten Hut darzustellen, während "hut" auf Englisch doch eine Hütte ist - oder nicht? Wenn ich die Frage heute anderen Menschen stelle, zeigt sich auch heute noch, dass sie alles andere ist als ein alter Hut. Es ist für mich ein Klassiker deutsch-englischer Sprachverwirrungen. Schauen Sie selbst!

Datenschutz

Wer in unserer Öffentlichkeit die Augen aufmacht, kann noch viel mehr Kauderwelsch finden. Denken Sie nur die "Back Factory", die weder Rücken noch Ärsche backt. Überhaupt: Die Bäcker! Sie backen sich immer wieder ihr ganz eigenes Denglisch. In Sachsen macht ein Bäcker seine Hörnchen zu "Squirrels". Und in Hamburg suchte ein anderer neulich eine "Snackkraft". Eine Plaudertasche vielleicht? Oder jemanden, der/die bloß Apfeltaschen verkauft?

Es fällt mir nicht leicht, zu sagen, welche Branche oder Berufsgruppe am sprachkreativsten ist. Auf den ersten Blick fallen immer wieder die Friseure auf. Mit Namen wie "Hairlich" oder "Haireinspaziert" bringen sie zum Lachen: Haar Haar!

Ist das Absicht?

Auf den zweiten Blick müssen wir dann alle gemeinsam feststellen, dass der deutsch-englische Sprachmix überall anzutreffen ist. Wirklich überall! Auf allen möglichen Produkten ("Pinats"). Auf Geschäften ("Phonetastisch") und ganzen Geschäftsideen ("Food ist unser Business"). Auf Kneipen ("WM Life bei uns"). Auf Veranstaltungen ("Klassik airleben"). Auf Fußballvereinen ("VfL-Fanshöppchen"). Auf Speisekarten, und das mal in die eine Richtung ("Emperor's Nonsens mit Apple Mush") und mal in die andere ("gerupfte Sau").

Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof: English made in Germany - das Bilderbuch
EUR 12,00
Datenschutz

Was davon Absicht ist und was Nachsicht, kann man nur raten. Deshalb nenne ich das öffentliche Kauderwelsch auch ein Verwirrspiel der Extraklasse. Keine Frage: Die Berliner Stadtreinigung, die ich auch gerne als "Berliner Stadtreimer" bezeichne, weiß was sie tut, wenn sie auf ihre Mülleimer "Star Dreck" schreibt. Auch gehe ich davon, dass sich die Marketing-Verantwortlichen der deutschen Supermarktkette mit dem englischen Namen "Penny" etwas dabei gedacht haben, ihr Klopapier "Happy End" zu nennen. Sie haben das Kauderwelsch sogar vierlagig im Regal: "Happy End Soft".

Ziemlich unüberlegt war hingegen das Schild "Personnel Input", das die Universität Greifswald am Personaleingang angebracht hatte. Daneben hätte ich ein anderes Schild gehängt: "Der Übersetzer muss draußen bleiben." Zweifel dürfen auch aufkommen, wenn deutsche Fotografen "Baby Shootings" oder gleich ganze "Familien Shootings" anbieten. Auf jeden Fall dürfte schwierig werden, englischsprachige Kunden für diese Massenerschießungen zu gewinnen.

Bilderserie

Genau genommen gibt es ja immer zwei Gründe dafür, im deutschsprachigen Raum Englischen zu texten: Erstens, weil man Menschen informieren will, die kein Deutsch sprechen. Dafür lohnt es sich, noch einmal gegenzulesen. Wenn zum Beispiel nur die Geschäftszeiten kommuniziert werden sollen, aber versehentlich vom Konkurs die Rede ist ("Closing down 19.00"). Oder wenn auf der Mitarbeiterinnentoilette nicht "staff only", sondern "stuff only" steht - als wäre es die Kammer fürs Putzzeug. Eine außergewöhnliche Arschbombe in die Google-Translate-Falle landeten die Berliner Bäder, als sie die Warnung "Don't spring from the margin" an ihre Schwimmbecken hängten. Dabei kann es auf Englisch so leicht sein: "No diving!"

Zwischen Spiel und Krampf

Den zweiten Grund für das Kauderwelsch sehe ich darin, dass vielen die deutsche Sprache einfach nicht mehr ausreicht, um sich, ihre Produkte und Dienstleistungen anzupreisen. Daraus ist einerseits ein spielerischer Umgang damit entstanden und andererseits ein krampfhaftes Bedürfnis, die englische Sprache zu bemühen. Dabei kann es sogar zu interessanten Varianten kommen: Eine Kneipe in Freiburg heißt "Come inn", während sich - die mal wieder - ein paar Friseure "Kamm in" nennen. Besonders nerven mich Wohnungsbaugesellschaften, die "Fairmietungen" versprechen.

Die einen mögen es für eine Seuche halten, für mich ist es ein sicheres Zeichen, dass wir längst in einer zweisprachigen Gesellschaft leben. Wahrscheinlich ist es nicht mehr und nicht weniger als eine natürliche Sprachentwicklung. Oder hochgestochen formuliert: ein sprachkultureller Evolutionsprozess. Und der ist älter, als manche glauben. Die Geschichte der "Leibniz-Kekse" ist dafür ein Beispiel. Hermann Bahlsen führte sie im 19. Jahrhundert als "Cakes" ein, die er aus England kannte. Da die Deutschen das Wort wie "Keks" aussprachen, machte der Duden daraus 1911 ein neues Wort.

Alles in allem komme ich zu dem Schluss, dass das "English made in Germany" eine ganz spezielle Ausdrucksform unserer Kultur geworden ist, die wir überall finden können: Im Westen wie im Osten (und nicht zuletzt auch in der Schweiz und in Österreich!) An Flughäfen und Bahnhöfen, den wohl größten Übungsflächen für unseren zweisprachigen Ehrgeiz. Deshalb zeige und kommentiere ich meine Lieblingsbeispiele in einem Bilderbuch mit dem Titel "Lost in Trainstation - wir versteh'n nur Bahnhof". Auch mein Verlag konnte es nicht lassen: Er nennt es jetzt "Das Gift des Jahres".

Bilderserie

Quelle: n-tv.de