Leben

Safer Sex mit Dental Dam "Nicht ohne mein Lecktuch"

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Geschlechtskrankheiten machen vor Oralsex nicht halt.

Leck-Wie, Leck-Was, Lecktuch? Nie gehört! Das Tüchlein bietet zusätzlich Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Doch viele glauben, es käme nur in homosexuellen Beziehungen zum Einsatz. Das Dental Dam braucht dringend mehr Aufmerksamkeit!

"Tja, hätte ich das mal vorher gewusst", sagt Florian nach einem Riesenstreit zu seiner Freundin. Die beiden leben in einer offenen Beziehung. Nach einem nächtlichen erotischen Auswärtsspiel hat Florian sich selbst und seine Partnerin mit einem heftigen Herpes angesteckt. "Dabei habe ich nicht einmal mit der anderen Frau geschlafen", versucht er sich noch zu verteidigen, "wir hatten lediglich Oralverkehr". "Mit einem Lecktuch", sagt ihm seine Freundin leider zu spät, "wäre dir das nicht passiert".

Vielleicht sind Sie gerade ähnlich stutzig geworden wie Florian, der noch nie zuvor von einem Lecktuch gehört hat, denn in der Tat sind diese kleinen Tüchlein nicht sonderlich bekannt. In Vorbereitung auf diese Kolumne habe ich extra eine kleine, nicht repräsentative Feldstudie im Freundeskreis betrieben. Frauen hatten zwar schon mal etwas von einem Lecktuch - auch Dental Dam genannt - gehört, dachten aber, dass dessen Gebrauch eher in gleichgeschlechtlichen Beziehungen praktiziert wird sowie in offenen Partnerschaften.

Wir sind aufgeklärt. Niemand schaut einen Mann oder eine Frau, die in ihrem Portemonnaie ein Kondom vorrätig haben, von der Seite an. Aber ein Lecktuch? Wie soll das Ganze überhaupt funktionieren? Schließlich stülpt sich der Mann beim Oralverkehr in den seltensten Fällen erst ein Kondom über. Soll man der Frau jetzt beim Cunnilingus immer erst ein Lecktuch über den Venushügel legen? Die Meinung im Freundeskreis, sowohl von Männern als auch Frauen: "Klingt irgendwie abtörnend! Wer legt denn bitte ein Schäferstündchen ein und sagt vorab: 'Cunnilingus nicht ohne mein Lecktuch!'?"

Ganz einfach: das Do-It-Yourself-Lecktuch

Lecktücher werden eher selten verwendet. Das liegt zum einen daran, dass sie nicht wie Kondome in der Drogerie oder in der Apotheke gekauft werden können, zum anderen an der Skepsis, sie spielerisch in das Liebesspiel mit einzubauen. Dabei schützt das Dental Dam sowohl den passiven als auch den aktiven Part vor sexuell übertragbaren Infektionen wie eben beispielsweise Herpes.

Wie Kondome bestehen Lecktücher ebenfalls aus Latex. Und wie bei den Lümmeltüten gibt es sie auch in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Die Vorstellung aber, vor dem Oralsex erst ein solches Tüchlein auszupacken und über dem weiblichen Geschlechtsorgan zu drapieren, empfinden wohl viele als eher befremdlich. Zusätzliches Manko: der Preis. Er liegt zwischen zwei und fünf Euro - für wohlgemerkt ein Tuch.

Die Aktivistin und Sexpositiv-Aufklärerin Jorinde Wiese hat einen tollen Trick, wie man sich ein Lecktuch ganz leicht selbst basteln kann. Einfach ein Kondom aufrollen und in der Länge einmal entlangschneiden - fertig ist das Do-It-Yourself-Lecktuch. Leider scheint es (noch) die gängige Meinung zu sein, dass Dental Dams ein Nischenprodukt bleiben und sich nicht durchsetzen werden. Dabei sind sie nicht nur eine sichere Bank gegen sexuell übertragbare Infektionen, sondern auch luststeigernd. Es gibt etliche Berichte, wonach der Oralverkehr mit einem Lecktuch als noch erregender empfunden werden soll.

"Lecktücher werden kommen"

Es mag für Erstanwender im wahrsten Sinne des Wortes Geschmackssache sein, ob man ein Dental Dam in das Liebesspiel mit einbringt. Doch in Anbetracht der weltweit steigenden Zahl jener, die sich beim Sex mit einer Geschlechtskrankheit anstecken, bietet das Tüchlein zusätzlichen Schutz. Im gesellschaftlichen Bewusstsein allerdings ist es wohl noch nicht angekommen. Wird sich das Lecktuch also überhaupt durchsetzen? "Und ob", sagt Wiese, "irgendwann wird es so selbstverständlich wie ein Kondom sein. Wenn es um den Schutz vor STIs (sexuell übertragbare Infektionen) geht, ist es genauso wichtig wie ein Kondom. Mit Ausnahme von HIV wird alles oral durch Vaginalsekret übertragen. Lecktücher werden kommen. Es wird nur ein langer Weg."

Dabei stellt sich schon die Frage, wieso die gängigen, bekannten Kondomhersteller nicht auch Lecktücher in ihr Sortiment aufnehmen. Schließlich kommen sie nicht nur für homosexuelle Paare in Betracht. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Aspekt: der Einsatz beim "Rimming". Dass man während des Anilingus zusätzlich mit Darmbakterien in Kontakt kommen kann, sollte neben den sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B, HPV oder HIV nicht unterschätzt werden.

Jorinde Wiese jedenfalls engagiert sich weiter. Unter dem Hashtag #LecktuchInDieLäden gibt es viele Unterstützer und Unterstützerinnen, ebenso wie für die gleichnamige Petition. Denn im Grunde funktioniert Safer Sex neben dem Verwenden von Kondomen ganz einfach: "Benutzt Lecktücher!"

Quelle: ntv.de