Leben

"Der Denglische Patient" Poppen für Anfänger

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"To pop" - was heißt das eigentlich?

(Foto: imago/Photocase)

Es ist das eine, wie wir Englisch in der Schule gelernt haben. Und das andere, wie es wirklich im Alltag gesprochen wird. Da sind zum Beispiel die unheimlich kurzen Verben: "put", "pop" und "nip" oder "tip". Viel mehr braucht man gar nicht mehr!

Kennen Sie das? Sie sprechen gelegentlich Englisch und das auch ganz passabel. Und Sie wollen mal eben schnell was sagen, ganz praktisch, durchaus lässig - und auf einmal rutschen Ihnen Sätze raus wie diese:

  • "I jump quickly into the shop."
  • "I beat myself quickly on the ear."
  • "I throw a quick look into the book."

Als Denglischer Patient kenne ich solche Momente. Und ich hoffe dann stets, dass Englisch-geschulte Menschen meinen Unsinn freundlich überhören. Schließlich ist es Teil ihrer Sozialisierung,zwischenmenschliche Konflikte um jeden Preis zu vermeiden! (Reicht ja, wenn wir uns auf zwischenstaatlicher Ebene über den Brexit zoffen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.)

Unangenehm wird es erst, wenn wir um eine Bestätigung regelrecht betteln, was wir im Deutschen ja gerne mit "oder", "gell" oder - very English - einem schnell dahingefragten "ok" tun:

"I beat myself on the ear. Ok?"

Die programmierte Rückfrage kann dann so klingen: "Peter, why are you going to beat yourself - and why on the ear, of all things?" Spätestens an diesem Punkt sollte einem klar sein, dass ein bisschen Englischunterricht vonnöten ist. Ok, verstanden: "I beat myself on the ear" geht nicht. Aber wie geht es denn?

Generell gilt: Wie bei uns gibt es im Englischen eine Menge Redewendungen, die man entweder kennen muss oder einfach gar nicht erst in den Mund nimmt. Und weil ich gerade davon schreibe: "in den Mund nehmen" kann man nicht mit "put into the mouth" übersetzen. Vielmehr gilt für jede fremde Sprache die Regel: You simply don't make up your own idioms! Wer sich jetzt einen Schnellkurs für die schon genannten drei Ausdrücke wünscht, here you go:

  • "I’ll nip into the shop" oder "I’m going to/gonna nip into the shop" für "ich spring mal schnell ins Geschäft".(Ist ein kleiner Laden gemeint, in Berlin zum Beispiel "der Späti", in Köln "das Büdchen", dann kann man vom "corner shop" sprechen:) "I nip into the corner shop, ok?" Ok!
  • "I‘m taking/I‘ll take a nap" oder "… hit the pillow" oder ein bisschen altmodischer: "… hit the hay". Stellen Sie sich bitte vor, ein Engländer würde es umgekehrt machen: "Ich haue das Kissen" oder gar "das Heu" …
  • "I‘m flicking/I’ll flick through the book" für: "Ich werfe einen schnellen Blick ins Buch."
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"Please pop your bag under the seat!"

(Foto: imago/Frank Sorge)

Ein anderes schönes Beispiel fiel mir neulich im Flugzeug von Manchester nach Frankfurt auf, weil es die Stewardess die ganze Zeit in einer Weise wiederholte, die ich aus England sonst nur von der Tasse Tee kenne, die einem unentwegt als "cuppa" angeboten wird. Die Flugbegleiterin sagte unentwegt: "Pop it here", "pop it there". Gemeint waren die Taschen, Jacken und Rechner der Passagiere. Man kann das freche "pop" in allen möglichen Lebenslagen verwenden - allerdings nicht in der, an die Sie jetzt vielleicht denken. Fünf Beispiele:

  • "Please pop your bag under the seat": "Legen Sie die Tasche rasch unter Ihren Sitz."
  • "Pop in/round!": "Schau rasch vorbei!"
  • "I’m popping a/the pill": "Ich werfe eine Tablette ein."
  • "I’ll pop off": "Ich mache mich aus dem Staub."
  • "Something‘s popped up": "Etwas Unerwartetes ist aufgetreten."

Was bei all diesen Ausdrücken auffällt: Sie sind kurz und knackig. An anderer Stelle (hier und in meinem Buch "The Devil lies in the Detail") habe ich bereits die "magischen Wortzwerge" beschrieben und sie mit der Wortgewalt von Tyrion Lannister verglichen, dem Zwerg aus "Game of Thrones". Es ist wirklich faszinierend, welche Kraft gerade die unscheinbaren (und äußerst Scrabble-tauglichen) englischen Begriffe haben: "clout", "gist", "sex". In dieser Kolumne geht es mir um die kurzen Verben. Eines kennen wir und haben es auch in unsere Alltagssprache übernommen: "tip" - das Trinkgeld. Es existiert auch als Verb: "to tip the waiter". Vielleicht erklärt dieser knappe Ausdruck, warum man um das Trinkgeldgeben in der englischsprachigen Welt oft weniger Aufhebens macht als bei uns.

Was nun die Verben betrifft, so kennen wir bereits viele kurze und sehr kurze Beispiele: "put" mit drei Buchstaben oder "go" mit nur zwei! Trotz vieler Ähnlichkeiten durch den gemeinsamen germanischen Ursprung liegt hier ein großer Unterschied unserer Sprachen: Deutsche Verben sind meistens länger, schon alleine durch ihre Infinitiv-Endung "en":

Deutsch: "beginn-en"; Englisch: "begin"
Deutsch: "end-en"; Englisch; "end".

Entsprechend ist etwa auch das "Rennen" angemessen flink: "run". Das Sterben: "die", das Schreien: "cry". Und selbst das für unsere Verhältnisse superkurze "tun" tut es noch etwas kürzer: "do"! Hinzu kommt, dass auch viele englische Verben mit vier oder fünf Buchstaben leicht von den Lippen gehen und eine gewisse Geschwindigkeit mit sich bringen: "Please swipe your card here". Oder: "Grab a coffee!"

Fest steht: die englische Alltagssprache ist gespickt von Wörtchen, die wir in der Schule nicht unbedingt gelernt haben: "dub", "sub", "dip" … Und ständig kommen neue hinzu, was die Sache noch interessanter aber auch ein bisschen komplizierter macht. So mischt sich seit einiger Zeit der Internetjargon hartnäckig unter die Alltagssprache. Ein Verb ist Ihnen vielleicht auch aufgefallen. Es wurde uns neulich mit den großen ge-hackten und ge-leakten Datenbergen geliefert. In der Welt der "Gamer" bedeutet es gleichermaßen zu siegen und besiegt zu werden. Und in der Welt der "Hacker" ist es das Verarschen und Verarschtwerden:

"pwn"

Das alles bedeutet übrigens nicht, dass es nicht auch üblich ist, die längeren Wörter zu verwenden. Tatsächlich ermöglichen sie einen rhetorischen Kniff: Denn wenn wir zwischen all die kurzen Verben mal ein schrecklich langes Wort stellen, entsteht ein herrlicher Effekt: "Please pop your extravagant bag here!" Auf diese Weise entsteht nämlich wahre Wortgewalt - sogar an einen langweiligen Tag auf einem langweiligen Flug zwischen Manchester und Frankfurt.

Quelle: n-tv.de

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