Leben

Mehrsprachige Kinder Schulen messen mit zweierlei Maß

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Gute Bildung wird noch immer größtenteils vererbt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn Schüler Prestigesprachen wie Französisch oder Spanisch sprechen, schätzen Lehrer das sehr. Bei Kindern mit Migrationshintergrund gilt Mehrsprachigkeit hingegen nicht als Plus. Daran ist auch die Lehrerausbildung nicht ganz unschuldig, wie Melisa Erkurt in ihrem Buch "Generation haram" beschreibt.

"Ich wurde ausgebildet, um Annas und Pauls zu unterrichten, nicht Alis und Hülyas" - so beschreibt die österreichische Autorin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt kurz und prägnant ihre Erfahrung mit dem Schulsystem. Erkurt weiß, wovon sie spricht: Die heute 29-Jährige floh 1991 mit ihrer Mutter vor den Jugoslawienkriegen nach Österreich und erlebte Diskriminierung in der Schule am eigenen Leib. Eine ihrer Lehrerinnen korrigierte beispielsweise die bosnische Schreibweise von Erkurts Vornamen und fügte ihm ein zweites "s" hinzu. Ihre Mitschüler empfanden es als merkwürdig, dass sie trotz ihrer migrantischen Wurzeln bessere Deutschnoten erzielte als sie, die sie in Österreich aufgewachsen waren. Und die Eltern ihrer Schulkameraden fragten sie aus: "Warum trägst du kein Kopftuch?" oder "Trinken deine Eltern Alkohol?"

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Autorin Melisa Erkurt ist selbst ausgebildete Lehrerin.

(Foto: Vedran Pilipovic)

Erkurt erinnert sich an diese schwierige Ausgangssituation zurück: "In der Schule konnte ich nicht einfach Kind sein, denn ich wurde in Schubladen gesteckt, aufgrund meiner Herkunft, aber auch aufgrund meiner Religion. Dazu kam, dass wir neu in Österreich waren, und so musste ich auch viel erwachsener sein als andere Kinder, zum Beispiel für meine Eltern Amtsschreiben übersetzen. Ich glaube, ich war auch deswegen gut in der Schule, weil ich keine Probleme machen wollte. Ich wusste, dass wir auch so schon genug Sorgen haben. Auf diese besondere Lage wurde aber in der Schule nicht eingegangen oder gar Rücksicht genommen." Ihrer Erfahrung hat Erkurt nun mit "Generation haram - Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben" ein ganzes Buch gewidmet.

Arabisch und Bosnisch sind keine "Prestigesprachen"

Die Autorin studierte Deutsch auf Lehramt und jobbte bei einem Migranten-Magazin, das eine Projektwoche an einer Schule mit hohem Migrantenanteil organisierte. Dort beobachtete Erkurt, dass die Mechanismen, die sie aus ihrer Kindheit kannte, noch immer vorherrschten. Sie beschloss, nicht nur zu unterrichten, sondern über ihre Erfahrung als Lehrerin zu schreiben. Daraus entstand zunächst eine Kolumne und nun ihr viel diskutiertes Buch, in dem sie mit dem Schulsystem hart ins Gericht geht.

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Insbesondere bei Mehrsprachigkeit wird laut Erkurt immer noch mit zweierlei Maß gemessen. "Dafür, dass Kinder neben Deutsch auch Englisch, Französisch oder Spanisch sprechen, sind Eltern bereit, unfassbar viel Geld auszugeben", sagt sie. Auch im Studium sollte es nach Ansicht vieler Eltern ins Ausland gehen. "Diese Kinder gelten dann als polyglott oder bilingual, da ist Sprache auch ein Statussymbol. Kinder, die von Haus mehrsprachig sind, aber eben als zweite Sprache Türkisch, Bosnisch oder Arabisch sprechen, genießen dieses Ansehen nicht, denn das sind keine Prestigesprachen", beschreibt Erkurt das Problem.

Sie habe sich geschämt, mit ihren Eltern Bosnisch zu sprechen. Dass heute ernsthaft eine Deutschpflicht auf dem Pausenhof diskutiert werde, findet sie beschämend. Denn diese stigmatisiere Kinder, die ohnehin schon oft schwierigere Startbedingungen hätten, so Erkurt.

Chancengleichheit kommt nur langsam

Was Erkurt für Österreich beschreibt, lässt sich auch in Deutschland beobachten. Nach dem Erscheinen der ersten Pisa-Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) im Jahr 2001 kam der "Pisa-Schock": Deutschland schloss nicht nur unterdurchschnittlich ab, der Bildungserfolg war auch überdurchschnittlich stark von der sozialen Herkunft der Schüler bestimmt.

Die Zustände, die Erkurt beschreibt, lassen sich auch in Deutschland immer noch beobachten. So zeigt der neueste Pisa-Test aus dem Jahr 2019, dass die privilegiertesten 25 Prozent der Schüler beim Lesen einen Leistungsvorsprung von 113 Punkten gegenüber den am stärksten benachteiligten 25 Prozent haben - im OECD-Durchschnitt liegt dieser Abstand bei nur 89 Punkten. Bei einer Sonderauswertung aus dem Jahr 2015 stellten die Pisa-Experten außerdem fest, dass in Deutschland nur knapp 15 Prozent der Schüler mit Eltern ohne Abitur ein Hochschulstudium abschließen - im Durchschnitt der OECD-Länder waren es immerhin 21 Prozent.

Erkurt sieht die Wurzel des Problems schon in der Ausbildung der Lehrer, denn diese würden oft überhaupt nicht dafür ausgebildet, Kinder aus anderen sozialen Schichten als der, aus der sie selber stammen, zu unterrichten. "Der Großteil der Lehramtsstudenten kommt aus einem bürgerlichen Elternhaus und hat weder die Lebenserfahrung noch die Fähigkeiten, um nachzuempfinden, was Kinder aus sozial schwachen Familien brauchen", so Erkurt. Zusätzliche Förderangebote, wie es sie an Schulen in sogenannten "guten Vierteln" gibt, seien genau das, was sozial schwache Schüler bräuchten, aber nicht bekommen. Zudem sei es zwingend notwendig, dass sich die Schülerschaft mehr durchmische. "So, wie es gegenwärtig ist, dass eben unter Mittelschichteltern inoffiziell jeder genau weiß, welche Schule als gut gilt und dann auch alles dafür tut, sein Kind dahin zu schicken, wird gute Bildung weiterhin größtenteils vererbt und ein Zwei-Klassen-System zementiert."

Quelle: ntv.de