Leben

"Glaube nicht an Botschaften" Tammam Azzams Collagen aus dem Exil

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Tammam Azzams Lieblingsbild "Goya" aus der Serie "Syrian Museum" von 2013.

(Foto: Tammam Azzam)

Tammam Azzam lebt seit zehn Jahren im Exil. Seine Fotomontagen sind virale Hits, die jeder kennt. Weltweit werden seine Collagen und Bilder mit Erfolg verkauft. ntv.de hat den syrischen Künstler in Berlin getroffen.

Es gibt Bilder, die im Kopf bleiben. Bilder, die jeder kennt. "Der Kuss" von Gustav Klimt ist so eine Ikone. Ein Paar, eng umschlungen, auf üppig goldenem Grund. Verheißungsvoll. Was, wenn so ein Bild in neuem Kontext erscheint? "Der Kuss" plötzlich auf vom Krieg zerstörten Mauern prangt, sich riesig auf Ruinen und Trümmern erhebt? Diese und andere Fotos von bekannten Werken kombiniert vom syrischen Künstler Tammam Azzam gingen viral und um die Welt.

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Tammam Azzam arbeitet zu Hause - er sucht in Berlin ein Atelier. Während der Pandemie konnte er ein leerstehendes Studio nutzen.

(Foto: Julian Regensburger)

Inzwischen ist es zehn Jahre her, dass der heute 42-Jährige seine Heimat verlassen hat. Mit Frau und Tochter lebt er seither im Exil, wie viele andere syrische Künstler:innen in einer weltweiten Diaspora. Nach acht Umzügen von Dubai über Delmenhorst und schließlich 2018 nach Berlin scheint er jetzt heimisch zu werden. Auch, weil seine 14-jährige Tochter hier aufs Gymnasium geht und ihr Abitur machen will. Tammam Azzam selbst kann hier in Sicherheit arbeiten. Seine Kunst wird zudem von der Berliner Galerie Kornfeld vertreten.

Der Hit im weltweiten Netz von 2013 war aus der Not heraus geboren. Tammam Azzam hatte in Dubai weder ein Atelier noch Arbeitsmaterialien, so begann er digital zu experimentieren. Für seine Serie "Syrian Museum" mischte er klassische, berühmte Meisterwerke der westlichen Kunstgeschichte mit der syrischen Gegenwart. Montierte Bildausschnitte von Klimt, Matisse, Warhol, Goya oder Munch in und auf die gespenstischen Gebäudegerippe Aleppos. Kraftvolle Bilder, mit denen er nicht nur den Blick auf Tod und Tragödie lenkte, sondern auch den Dialog mit Freiheit und Kreativität herstellte. In Berlin ist für Mitte Juni eine Licht-Projektion eben dieser Kunstwerke auf Gebäuden im Regierungsviertel geplant. So wird einmal mehr auf das Leiden in Syrien aufmerksam gemacht.

"Die Welt schaut zu"

Der Konflikt dort, die sinnlose Gewalt und Verwüstung, dauern an. Das Erbe einer 11.000 Jahre alten Geschichte voller Architektur, Handel, Philosophie und Religion wird systematisch zersetzt. Vergiftet eine Landschaft, die auch als Wiege der Zivilisation gilt. Dass Bashar al-Assad nach 21 Jahren Ende Mai wieder zum Präsidenten gewählt wurde, überrascht Tammam Azzam nicht. "Wie die Wahl ausgeht, war klar, das ist nichts Neues. Inzwischen haben zwölf Millionen Syrer ihre Heimat verlassen. Die Welt schaut zu, jeder kennt die Wahrheit", sagt er ntv.de ernüchtert kurz nach der Wahl. "Mehr möchte ich dazu nicht sagen." Seine Eltern leben immer noch in Syrien, die Schwester mit Familie in London. Der Vater ist ein bekannter Autor und veröffentlicht wöchentlich eine Kolumne im Online-Magazin "The New Arab". "Da kann jeder nachlesen, wie die Situation vor Ort ist", fügt Azzam leise hinzu.

Seit über 20 Jahren macht Azzam vor allem eindringliche, wunderbare Papiercollagen und malt Acrylgemälde, die ebenfalls wie zusammengesetzte Fragmente wirken. Abstrakt, dynamisch und durchaus auch überraschend farbig sind die Bilder. Das können Landschaften, Stadtansichten und vereinzelt sogar Porträts von Personen sein. Wer in den neuen Werken Apokalypse und Finsternis erwartet, wird enttäuscht. Es geht dem Künstler um Räume und Gebäude. Er mag die Idee, dass Mauern ein Zuhause sein und schützen können. "Das ist dein sicherer Platz, egal, wie er aussieht. Das sind die Orte, an die sich Menschen zurückziehen und alles, was passiert ist, hinter sich lassen." Die Hintergrundfarben in seinen Bildern entstehen aus diesen Geschichten, so strukturiere er seine Kunstwerke, erzählt der Künstler.

"Was siehst du?"

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Bilder ohne Namen - Ansicht der aktuellen Ausstellung in der Galerie Kornfeld.

(Foto: Galerie Kornfeld, Berlin)

Über die Jahrzehnte hat sich seine Kunst gewandelt, so wie er: "Ich bin ruhiger geworden. Das, was ich im digitalen Raum gemacht habe, ist immer noch da, aber für mich ist es vorbei. Ich kann nicht mehr so empfinden wie damals und habe jeden Tag etwas Neues im Kopf." Die Pixel am Computer hat er wieder gegen Pinsel, Papierschnipsel und Leinwand getauscht. An puzzleartigen Collagen hat er schon damals in Damaskus gearbeitet. Dort hat er Kunst studiert, musste aber dann als Grafikdesigner arbeiten, da er von seiner Kunst allein die Familie nicht ernähren konnte. Das ist heute anders: Azzam ist international gefragt, in vielen Sammlungen und Museen zu finden.

Sieht er sich als politischer Künstler oder gar Störfaktor? "Ich glaube nicht an Botschaften in der Kunst. Ich schaffe Kunstwerke. Aber jeder sieht etwas anderes, wenn er ein Bild anschaut. Man interpretiert gerne dies und das. Ganz ehrlich? Picasso hat auch Kunst gemacht, ohne eine spezielle Botschaft im Kopf zu haben." Klingt zu simpel? Nein, Azzam möchte einfach sein Publikum anregen, darüber nachzudenken, was es beim Betrachten des Werkes sieht, fühlt oder denkt. Durch die bruchstückhaften Muster, das neu geordnete Chaos in seinen Bildern schwingen Themen wie Krieg, Zerstörung, Migration und Aufbau mit.

Unendlich große Hoffnung

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Ohne Atelier und Arbeitsmaterialien entstanden seine Fotomontagen wie "Klimt", die weltweit ein Hit wurden.

(Foto: Tammam Azzam)

Tamman Azzam räumt ein, dass ihn nicht mehr die gleichen Emotionen wie noch vor zehn Jahren antreiben. Natürlich hat er immer noch feine Antennen für Politik und Umbrüche. "Als der arabische Frühling ausbrach, war die Hoffnung so unendlich groß, ich kann es kaum in Worte fassen. Wir hofften nach 50 Jahren auf das Ende des Regimes, aber im selben Jahr fielen bei uns die ersten Bomben. Was konnten wir gegen die Monster tun? Nichts." Die Galerie Ayyam, die ihn bis heute vertritt, zog nach Dubai um und Azzam ging mit seiner kleinen Familie mit.

Ganz unkompliziert reiste er aus. Im Gegensatz zu heute. Da ist es ziemlich kompliziert an den Grenzen dieser Welt mit seinem syrischen Pass und erfordert Monate vor einer Reise jede Menge Papierkram. "Dabei ist das nur ein Stück Papier. Eigentlich Fake, denn der Ausweis sagt nichts über mich als Person aus." Sechs Monate bevor er Damaskus verließ, hatte er seinen in Syrien obligatorischen Armeedienst beendet, er hatte auch die Befürchtung, wieder eingezogen zu werden. "Außerdem war die Situation plötzlich noch fragiler und die Zukunft mehr als ungewiss, also gingen wir."

Die Familie packte ihre Koffer. Der Koffer, ein Gegenstand, den er für die Biennale in Vancouver 2015 als Säulenskulptur mit Kleidung, Pflanzen, Stahl und Beton neu kombinierte. "Koffer haben so viele unterschiedliche Bedeutungen. Es heißt für viele, zu reisen und neue Erfahrungen zu sammeln. Ein Emigrant packt jedoch seinen Koffer in dem Wissen, dass er nie in seine Heimat zurückkehren wird." Was treibt ihn nach zehn Jahren leben im Exil an? "Das Leben", der Künstler lächelt sanft, wie so oft, wenn er spricht. "Ich weiß, dass ich nicht zurückkann. Dazu habe ich nicht den Mut und das Leben in Syrien wird täglich schlechter."

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Die Kunst gibt ihm Energie, aber nimmt sie ihm auch. Wenn der zündende Energieschub fehlt, bereitet er Papierfetzen für die Collagen vor. Bis zu 50.000 davon sind in einem Bild verarbeitet. "Ich baue täglich an meinen Kunstwerken. Am Anfang sehe ich die Struktur, aber ich kenne das Ende nicht. Plötzlich füllt das Bild sich und sagt mir, wann es fertig ist. Der Weg dahin dauert unterschiedlich lange und kostet mich Energie." Er arbeitet zu Hause, sucht gerade einen Atelierraum. Bevor Azzam anfängt, an seiner Kunst zu arbeiten, liest er intensiv und saugt alles in Sachen Kunstgeschichte auf. "Sei es europäische, griechische oder arabische. Das ist mein tiefes Interesse. Es geht darum, etwas zu wissen, das kann einem keiner mehr nehmen." Beeinflusst dieses Wissen auch seine Arbeit? "Ja, aber ich kann nicht sagen, wie. Am Ende sind es ein Wort oder nur eine Linie, die unbewusst einfließen." Das alles steckt in seinem Werk "Bilder ohne Namen", wie er die Serie der vielschichtigen Collagen und hintergründigen Malerei nun schon seit 20 Jahren nennt. Mit dem Titel verführt er zur Suche nach den Geschichten in seinen Arbeiten.

Die Ausstellung "Tammam Azzam - Bilder ohne Namen" ist noch bis zum 19. Juni in der Galerie Kornfeld in Berlin zu sehen.

Quelle: ntv.de

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