Leben

"Es ist nicht alles schlecht" Corona ohne Knacks

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Es gibt sie sicher, diese Corona-Momente.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Von "Wie unverschämt Sie sind" über "Danke, dass Sie Ihre Stimme nutzen" bis zu "Es gibt doch auch gute Neuigkeiten!" bekommt man als Autorin Lesermails. Danke sehr, denn so lernt man seine Leser*innen kennen. Darunter auch eine Familie, die wegen Corona auf gar keinen Fall einen Knacks hat.

Vor Kurzem schrieb ich einen Artikel darüber, was der Lockdown und diese ganze Corona-Krise vor allem unseren Kindern antun. Ich war der Meinung, dass es ganz schön unfair zugeht, in vielerlei Hinsicht. Dass wir zu wenig über die Menschen berichten, deren Leben jetzt eigentlich so richtig losgehen sollte, die in den Startlöchern stehen. Die Pläne hatten und deren Pläne jetzt auf "später, irgendwann" verschoben werden. Die Rede war von den jungen Menschen zwischen 15 und 22. Ich sehe das noch immer so: Noch immer dürfen sie nicht das tun, was vor ihnen Generationen getan haben: Die haben sich nämlich ausgelebt! Sie haben Dinge ausprobiert, versucht, sie sind gescheitert oder erfolgreich gewesen, sie kamen voran oder haben sich neu orientiert. Jetzt also: warten. Immer weiter warten. Auf unbestimmte Zeit.

Ich habe eine Menge Post zu diesem Text bekommen - nette Worte, zustimmende Gedanken, aber auch Mails in dieser Art: "Wie unverschämt Ihr Artikel doch ist!" Dazu muss ich sagen, dass ich diese "Post" per Instagram-Message bekommen habe, von jemandem, der sich mit zwei Buchstaben und einer Zahl abkürzt, ohne Foto. Man kann sich vorstellen, wie sehr man auf diese unpersönlichen Mitteilungen abfährt als Autorin, die sich ja mit vollem Namen präsentiert. Aber Schwamm drüber, das ist nur eine Marginalie. Viel interessanter ist doch, dass BuchstabeBuchstabeZahl schreibt, dass ich ganz offensichtlich keine Ahnung davon hätte, was Lehrer momentan so leisten. Stimmt! Wie auch! Ist ja nix zu sehen! Nix zu hören! In vielen Fällen. Ich übertreibe natürlich, meine auf jeden Fall keine Lehrer*innen, die mir bekannt sind und weiß, dass es natürlich Lehrer*innen gibt, die sich ein bis zwei Beine für ihre Schüler, die dazugehörigen Eltern und ihre Arbeit ausreißen! Aber man hört ja doch eine Menge so um sich herum.

Und natürlich ist die Politik Schuld daran, dass die Digitalisierung nicht vorangeschritten ist, dass man aus dem ersten Lockdown nichts gelernt hat und dass keiner so einen richtigen Plan hat, so etwas wie einen Rahmenplan, an dem man sich dann Jahrzehnte lang hangeln kann. Also, die Bildungspolitik hat versagt, stimmt, und die Digi-Ministerin sollte schneller für Tablets sorgen. Alles richtig, aber da werden einzelnen Minister*innen eben auch oft viele Steine in den Weg gelegt. Aber dennoch darf man natürlich hier und da mehr erwarten. Lehrer sind Vorbilder, sie geben die Richtung an. Und so sehr habe ich über die Lehrer auch gar nicht gemeckert in meinem Artikel, BuchstabeBuchstabeZahl ist sehr wahrscheinlich selbst Lehrer*in und fühlte sich einfach nur ertappt.

Das Bildungsdefizit verschulden die Lehrer*innen natürlich nicht ganz allein, da sind auch Eltern mit dran Schuld und andere, manchmal sogar der Schüler selbst. Anyway, BuchstabeBuchstabeZahl hat gefragt in seiner - oder ihrer - Mail, was denn jetzt mit Fortbildungen für Lehrer oder Schüler sei. Fortbildungen für Schüler? Häh, gehen die nicht erstmal einfach zu Schule und sollten dort (fort)gebildet werden? Also, im Idealfall?

Egal, einen weiteren Tipp habe ich auch noch ungefragt bekommen von BuchstabeBuchstabeZahl: Ich solle mich umfassender informieren, bevor ich polemisiere. Gut, dann jetzt wegen der Ausgewogenheit keine Lobhudeleien, die mir auch zu meinem Artikel geschickt wurden, sondern ein Gegenentwurf zu dieser ganzen Corona-Kacke.

Denn die Mail einer jungen Mutter erreichte mich. Von U., die mir ihren ganzen Namen geschrieben, ihre Telefonnummer und ihre Mailadresse hinterlassen hat. Das nenne ich offen und korrekt. Sie wollte mich wissen lassen, dass es auch anders geht in diesen schweren Zeiten. Und das freut mich, denn so kann ich auf diesem News-Kanal hier, der zu 98 Prozent tagein tagaus bad news verbreitet - einfach, weil das leider die Realität ist - nun auch endlich mal etwas Schönes vermelden. U. schrieb also, Corona sei gar nicht so schlimm. Jedenfalls nicht für ihre Familie. "Wir vermissen in dem ganzen Lockdown leider auch die andere Seite, bzw. auch folgende positive Nachrichten", schrieb sie. "Es gibt durchaus Familien mit Kindern, die NICHT unter den Maßnahmen LEIDEN ODER GAR EINEN KNACKS BEKOMMEN! Und in unserem Bekanntenkreis ist das genauso." Da kann man erstmal nur sagen: Herzlichen Glückwunsch!

Und weiter: "Wir sind eine 4-köpfige junge Familie. Mein Mann kann im Homeoffice arbeiten, ich bin momentan nicht berufstätig als ***lehrerin und kümmere mich um das Homeschooling einer Zweitklässlerin, die Betreuung des zweiten Vorschulkindes UND um den Haushalt ... Es ist durchaus keine Katastrophe! Wir schaffen es auch zusammen raus zu kommen, spazieren, zum Spielplatz, UND frisch zu kochen; - ... Und es gibt sogar Tage, an dem wir es wirklich genießen auch mal den Alltag zu entschleunigen! Mit einem sinnvollen Plan ist es machbar, man muss eben Prioritäten setzen!" Auch das ist schön. Wirklich! Wenn das so doch für alle funktionieren würde, dann wäre Corona wirklich nicht die Krise, als die sie bezeichnet wird, sondern nur ein blödes Virus, das ein paar Leute dahinrafft.

Aber ich fürchte eben doch, dass die Realität anders aussieht und dass U. - und auch ich - ganz bestimmt in einer Bubble leben. Auf einer Insel der Glückseligen. Mit dem Unterschied, dass ich meine, zu erkennen, dass es "da draußen" eben noch anders zugeht als in meinem und anderen, kleinen, schönen Biotopen! Ich kann auch Homeoffice machen, aber ich habe keine Lust auf Lehrerin spielen. Nicht in der 9. Klasse. Und mal abgesehen davon, dass ich keine Luxuslust habe - ich kann es auch nicht. Und was, wenn ich jetzt einen Job hätte, der nicht im Homeoffice machbar ist? Ärztin? Oder Busfahrerin? Wer passt da auf meine Kinder auf und homeschoolt und bekocht und erzieht sie?

U. schreibt außerdem: "Alle Kinder, die wir kennen, haben Spielpartner! Eben nicht viele verschiedene, aber wenigstens einen guten Freund, mit dem sie sich gelegentlich treffen ... Es muss ja auch nicht jeden Tag sein! Das wird immer so negativ dargestellt, aber in der Realität sieht es anders aus! Von Isolation keine Rede!" Auch hier wieder: Gratulation! Ich meine das nicht ironisch, ich gratuliere als neidfreier Mensch wirklich zu so viel Glück, aber auch das ist nicht über den Tellerrand geblickt. Natürlich ist das am Kollwitzplatz alles ganz lustig, in Schwabing oder Blankenese, aber wie sieht es in einer Hochhaussiedlung aus, wo man seinen Nachbarn nicht einmal kennt? In einer Notunterkunft? In einem Frauenhaus? In einer Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete? Im Altersheim? Als Single? Als Arbeitsloser? Als chronisch Kranker? Oder auf dem Land, wo man seine Freunde nur treffen kann, wenn man ein Auto hat oder chauffiert wird? Doof, wenn Papa damit gerade die Pizza vom Covid-bedingt geschlossenen Gasthof ausfahren muss.

U. schreibt weiter: "70-80 der Kinder sind bei uns im Ort in der Notbetreuung ... ALSO UNTER GLEICHALTRIGEN UND haben die Möglichkeit mit Lehrern/Betreuern ihre Hausaufgaben zu erledigen ... Ach ja, und ein warmes Mittagessen bekommen sie doch auch dort." Liebe U. - merken Sie was? Das war doch gar nicht der Plan mit der Notbetreuung, dass da quasi ALLE Kinder hingebracht werden. Was ist denn daran dann "Not"? Das ist "alles wie immer" ... nur auf dem Rücken der Erzieher eben.

Weiter gehts: "Das Homeschooling und Video-Chatten funktioniert auch super! Nicht nur bei uns. Warum wird das alles immer so negativ dargestellt?" Jetzt muss ich mir aber doch echt mal die Haare raufen und - fast gerne - auf BuchstabeBuchstabe Zahl verweisen: Nicht alle Kinder haben ein Notebook, Tablet, elektronisches Endgerät! Und selbst wenn, dann wissen einige noch lange nicht, wie man damit Hausaufgaben macht. Und das WLAN in Deutschland läuft auch nicht immer und überall tipptopp.

Ich gratuliere also wirklich zu diesem beschriebenen Bullerbü-Idyll, und wünsche der Leserin und ihrer Familie, dass alles immer so bleibt für sie! Dass sie sich nie scheiden lassen muss, dass sie nie in finanzielle Not gerät, jetzt, wo sie ihren Beruf ja aufgegeben hat, um die Kinder zu betreuen, dass die Kinder keine Lernschwierigkeiten haben, dass ihr Mann immer Homeoffice machen kann und sie auf ihren Job einfach weiterhin verzichten kann, um das Idyll zu Hause in Schwung zu halten. Außerdem wünsche ich immer eine gute Idee, was es - frisch! - zum Mittagessen geben wird und dass alle gesund bleiben.

Und dann wünsche ich aber generell noch eines: ein kleines bisschen mehr Gefühl für die Realität. Denn die Leserin schrieb mir: "Wir müssen doch jetzt zusammen halten und gemeinsam da durch, es ist ja nicht für immer! Die Kinder verstehen das auch SEHR GUT!" Da kann ich nur beten und sagen: Ihr Wort in Gottes Ohr! Denn mehr fällt mir dazu nicht mehr ein, als Gott anzuflehen.

Quelle: ntv.de