Leben

Weibliche Lust Warum immer mehr Frauen Pornos schauen

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Immer mehr Frauen gucken Pornos.

(Foto: imago images/Rolf Kremming)

Dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen Pornos schauen, ist hinlänglich bekannt. Der Unterschied ist: Sie reden weniger drüber. Aber schauen Frauen eher Pornos, die den weiblichen Blick zeigen oder kommt es darauf gar nicht an?

"Ganz ehrlich", sagt Marion (39) energisch, "mir geht das Bohei um das Thema male gaze vs. female gaze auf die Nerven". Die beiden, ursprünglich aus der Filmtheorie stammenden Begriffe beschreiben den männlichen bzw. weiblichen Blick auf etwas, wie zum Beispiel den sexuellen Akt. Es ist keine neue Erkenntnis und hinlänglich bekannt, dass die Frau in der männlichen Perspektive von Pornofilmen oft herabgewürdigt und ihrer eigenen Lust beraubt wird. Die sexuelle Macht liegt meist ausschließlich beim Mann, die Frau ist nur Mittel zum Zweck und hat sich gefälligst der männlichen Sexualität unterzuordnen.

Auch wegen dieser sexuellen Ungleichheit stiegen in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen in die Pornofilm-Industrie ein. Hinter der Kamera, nicht davor. Eine der bekanntesten Regisseurinnen für Pornos, in denen die Frau nicht zum Vergnügen des Mannes - um es mal salopp im Pornosprech auszudrücken - durchgerammelt wird, ist Erika Lust. Bei der schwedischen Filmproduzentin steht die Frau im Mittelpunkt, ihre Lust, ihre Sexualität und vor allem - ihre Würde.

Sexuelle Aufklärung aus dem Internet

Auch wenn es immer mehr Frauen gibt, die ihre sexuelle Lust offen ausleben, ist die Pornoindustrie nach wie vor eine Männerdomäne. In vielen (male gaze) Pornos werden die Darstellerinnen erniedrigt und dienen ausschließlich der egoistischen Lust des männlichen Betrachters. Dennoch schauen immer öfter auch Frauen Pornos. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Millennium-Generation mit dem Pornokonsum erwachsen geworden ist. Nie zuvor war der Zugang zu Sexfilmen leichter als heute. Die 22-jährige Lena sagt, nicht ihre Eltern hätten sie aufgeklärt, auch nicht die Schule oder - die Jugendzeitschrift "Bravo", wie noch bei den Kids aus den Achtzigern und Neunzigern - sondern ausschließlich Pornos aus dem Internet.

Ihre sexuellen Fantasien, so erzählt sie frei von der Leber, beziehen sich größtenteils auf das, was sie in Sexfilmen gesehen hat. Das klingt in erster Linie nicht nur traurig, sondern nahezu abgeklärt, emotionslos, steril. Also kein Herzklopfen vor dem ersten intensiven Zungenkuss? Kein Kribbeln, wenn der erste Freund fast scheu mit der Hand unter das T-Shirt wandert? "Doch, doch", argumentiert Lena, "aber ich mag's auch, wenn er mich hart rannimmt". Wie Lena sagt auch Marion, sie genieße es durchaus, wenn - während sie mit ihrem Partner Sex hat - ein Porno laufe: "kein Hardcore-Film, was Klassisches, von mir aus auch voller Klischees".

Marion und Lena sind nur zwei von vielen Frauen, die gerne Pornos schauen. Beide sagen, sie mögen vor allem das Rohe, die explizite Darstellung der Szenen, die sich nach ein bisschen Geplänkel der Protagonisten auf den reinen sexuellen Akt beschränken. Marion sagt: "Wenn ich geil bin, will ich keinen Liebesfilm sehen, in dem ein Literaturprofessor seiner Studentin Gedichte von Goethe rezitiert."

Pornos sind für alle da

Im Jahre 2018 führte eine der bekanntesten Pornowebseiten eine Studie durch. Demnach waren 24 Prozent der Konsumenten ihres Internetangebotes Frauen, im Jahr zuvor lag die Zahl noch bei 21 Prozent. Obschon sich einer weiteren Studie zufolge nahezu jede dritte Frau mindestens einmal wöchentlich mit pornografischen Inhalten befasst, hält sich das Klischee, Pornos würden vorwiegend, wenn nicht gar ausschließlich von Männern konsumiert, hartnäckig.

Aber anders als bei Männern ist es vielen Frauen unangenehm zu sagen, dass sie Pornos konsumieren. Die Tabuisierung des weiblichen Pornokonsums hat auch etwas mit der Angst vor Slutshaming zu tun. Eine Frau, die ihre Lust schamlos zum Ausdruck bringt, erhält in unserer ach so toleranten Gesellschaft noch immer den Stempel, eine Schlampe zu sein. Nahezu grotesk mutet es in diesem Zusammenhang an, Frauen, die Pornokonsum verneinen oder ablehnen, als "frigide" oder "verklemmt" zu titulieren.

Lena gibt offen zu, mindestens dreimal in der Woche an ihrem Rechner zu sitzen und sich einen Porno anzuschauen. Meistens "ganz normale Pornos", sagt sie. Auf die Frage, was "normale Pornos" für sie seien, antwortet sie: "keine, in denen Frauen pausenlos penetriert und beackert werden." Am meisten errege sie an Pornos die Lust des Mannes, der es nicht mehr aushält und sich nach der Frau verzehrt. Es sei animalischer Sex, verbunden damit, in den Gesichtern der Frauen zwar oft nur gespielte Lust zu erkennen, aber niemals Scham.

Selbstbewusste Frauen, die ihre Lust ausleben

Die 39 Jahre alte Marion sagt, sie würde gerne mehr Pornos sehen wollen, die die weibliche Perspektive einnehmen, aber die finde sie oft einfach gar nicht: "Ich will nicht erst ewig suchen oder ein Abo abschließen. Um ehrlich zu sein, interessiert es mich weniger, ob das, was ich sehe, jetzt überaus feministisch ist. Es gibt ja verschiedene Pornos, ich schaue sowieso eher die soften." Sie reize für ihre Befriedigung nur der reine Akt. "Vorspulen. Zwei Menschen, die miteinander Sex haben. Das Begehren des Mannes, die Frau, die sich ihm hingibt, fertig. Wenn ich einen romantischen Filmabend will, gehe ich ins Kino."

Es ist hinlänglich bekannt, dass Pornos vor allem für junge Menschen eine große Gefahr für die eigene Sexualität sein können. Und vielleicht ist der Durchbruch von Pornos aus weiblicher Perspektive nicht ganz so groß wie erhofft. Aber immer mehr Frauen bekennen sich zu ihrer Lust und ihrer Sexualität, der nach wie vor ein Licht-aus-Decke-drüber-Image anhaftet. Obschon die männliche Dominanz in vielen Pornos vordergründig ist, heißt das noch lange nicht, dass Frauen, die sich diese Filme zur Befriedigung anschauen, unterwürfig sind. Im Gegenteil.

Die Welt der Pornos besteht nicht nur aus Hardcorefilmen. Hinter der Aussage: 'Ich habe verruchte Sexphantasien, ich schaue Pornos", steht im Falle von Marion und Lena vor allem eines: zwei selbstbewusste Frauen, die ihre Lust ausleben.

Quelle: ntv.de