Leben

Teamarbeit und Trennscheiben Wie Barkow Leibinger Architektur neu denken

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Barkow Leibinger, Summer House II.

(Foto: Roman März)

Gefaltete Fassaden und klare Linien, Leichtigkeit, Eleganz und absolute Präzision sind ihre Markenzeichen. Dennoch: Jedes ihrer Gebäude ist neu und anders gedacht. Vom verspiegelten Büroturm in Seoul über eine Kantine mit einer bienenwabenartigen Dachkonstruktion aus Holz im schwäbischen Ditzingen bis zu einem Wohngebäude aus Ziegelsteinen in einem Berliner Hinterhof ist alles dabei. Die Architekten Frank Barkow und Regine Leibinger arbeiten seit fast 30 Jahren in Berlin und verwirklichen ihre Ideen in der ganzen Welt. Mit der Ausstellung "Revolutions of Choice" im Berliner Haus am Waldsee kann jetzt jeder ihre Arbeitsweise erleben und erfahren. Über Modelle im Museum, Teamarbeit, Trennscheiben und ihre Visionen für die Zukunft haben die Architekten mit n-tv.de gesprochen.

n-tv.de: Vielfalt ist offensichtlich Ihr Credo - private Wohnhäuser, Bürogebäude wie der Berliner Tour Total, Fabriken, Kantinen, aber auch Bühnenbilder sowie die Teilnahme an Biennalen weltweit. Jetzt bespielen Sie ein Museum mit anscheinend unendlichen Ideen. Was kommt als Nächstes?

Regine Leibinger: Wir machen so weiter, oder?

Frank Barkow: Ja. Ab Herbst bauen wir ein 175 Meter hohes Hochhaus in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. In Zeiten wie diesen ist es ideal, direkt vor der eigenen Haustür zu bauen und nicht mehr ständig durch die Welt zu fliegen. Den Wettbewerb für das Projekt haben wir schon vor über sechs Jahren gewonnen, das ist eigentlich wahnsinnig lange her.

Leibinger: Stimmt, in der Architektur braucht man manchmal wirklich einen langen Atem.

Ihren Denkprozessen kann man in der Schau im Haus am Waldsee nachgehen. Was ist der Reiz für Sie als Architekten, an einer Ausstellung teilzunehmen?

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"Wo stehen wir gerade?" fragt sich das Architekten-Paar immer wieder.

(Foto: Corinne Rose & Elke Selzle, Berlin)

Barkow: Ich finde allein schon den Dialog zwischen dem alten Haus und unseren Arbeiten interessant.

Leibinger: Im Grunde zwingt so ein Projekt zu einer Art Vollbremsung - aber einer, die sehr guttut. Wir haben uns essenzielle Fragen gestellt: Was haben wir bisher gemacht, wo stehen wir gerade, wohin möchten wir uns in Zukunft noch entwickeln? Das war eine Entdeckungsreise. Im Alltag bleibt für Selbstreflexion oft zu wenig Zeit.

Diese Ausstellung ist auch für uns einmalig, sie besitzt eine faszinierende Direktheit. Wir haben keine Exponate produziert, sondern zeigen unsere Arbeitsmittel. Die Architekturmodelle stehen sonst in unserem Büro, in der Werkstatt, sind irgendwo gelagert. Und jetzt sind sie im Museum zu sehen.

Mit dem kleinen Umweg über eine Fabrikhalle in Neukölln, die Sie extra angemietet haben, um den Überblick über Ihre Arbeiten zu behalten. Materialien sind Ihnen wichtig, besonders für Fassaden. Gibt es ein Material, an dem Sie gescheitert sind?

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Materialien sind wichtig - Lagerhalle in Berlin-Neukölln.

(Foto: Nils Koenning, Berlin)

Barkow: Nein, bisher nicht. Grundsätzlich ist es wichtig, auch mal nicht weiterzukommen. Ohne Misserfolg kann keine ideale Lösung entstehen. Aber zum Glück gab es noch keine wirkliche Katastrophe.

Das Serpentine Summer House, das Sie 2016 für die Kensington Gardens in London entworfen haben, steht aktuell und für jedermann zugänglich als Nachbau im Garten des Hauses am Waldsee.

Leibinger: Ja, er basiert auf der originalen Unterkonstruktion, aber für die Ausstellung in Berlin haben wir sie mit Aluminium ummantelt.

Barkow: Der Londoner Pavillon war mit Sperrholz verkleidet. Das Material hat dem Regen im englischen Sommer leider nicht so gut standgehalten.

Leibiger: Er war aber auch nur für drei Monate gedacht. Die Weiterentwicklung im Garten vom Haus am Waldsee soll ein paar Jahre dort stehen.

Barkow: Dort spiegelt er sehr schön seine Umgebung und verändert seine Farbe je nach Lichteinstrahlung.

Sie haben an unzähligen Wettbewerben teilgenommen - ist das nicht frustrierend, immer und immer wieder an Projekten zu arbeiten, die nicht realisiert werden?

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Der "Tour Total" im Berliner Stadtteil Moabit.

Barkow: Diese Arbeit ist tatsächlich sehr mühsam. Wir entwickeln in einigen Wochen eine Entwurfsidee, müssen die Statik und die Haustechnik ausarbeiten sowie Aussagen über die Projektkosten treffen - fast so, als würde morgen mit dem Bau begonnen. Dann gewinnt jemand anderes und alles landet im Müll. Wettbewerbe haben für uns auch einen wichtigen Forschungsaspekt. Wir nutzen sie für uns selbst, probieren Ideen aus, die dann in einem anderen Projekt oder Maßstab wieder aufgenommen werden können.

Der Ideenpool wird von 80 Mitarbeitern befeuert, Sie haben sogar eine eigene Werkstatt im Haus. Wie wichtig ist Teamarbeit?

Leibinger: Sie ist das A und O. Ideen werden bei uns im Team weiterentwickelt. Unsere Modellbauwerkstatt, in der drei Leute arbeiten, ist eines der Herzstücke unseres Büros.

Barkow: Ich habe kein Vertrauen in digitale Entwürfe und Visualisierungen. Das physische Modell zeigt einfach genauer, wie ein Gebäude am Ende aussieht.

Wie unterschiedlich sind die Ansätze in Ihren Arbeitsweisen?

Leibinger: Ich kenne niemanden, der so viele Ideen hat wie Frank. Er sprudelt vor Ideen. Aber am Ende bilden wir immer eine Symbiose. Ich habe einen guten Blick dafür, wenn etwas noch nicht stimmt, wenn es noch besser werden kann. So entwickelt sich alles im gemeinsamen Dialog. In unserer Zusammenarbeit ist auch viel Spannung drin, aber daraus entstehen immer die besten Ergebnisse.

Barkow: Ich habe vor dem Studium in Harvard als Zimmermann gearbeitet, das war eine gute Zeit. Sie hat meine Sichtweise auf Architektur und insbesondere die Verarbeitung von Materialien geprägt.

Wie wird aus einer Idee oder Inspiration Architektur?

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Biennale Marrakesch, 2012

(Foto: Johannes Foerster)

Leibinger: Das ist ein Prozess. In der Ausstellung sieht man anhand der Modelle die vielen Schritte, durch die wir im besten Fall zu einem Ergebnis kommen. Das sind lauter kleine Denkstudien. Für die Biennale in Marrakesch haben wir uns 2012 mit dem traditionellen marokkanischen Weben beschäftigt. Schließlich haben wir als temporäre Installation einen Platz mit Fäden über einer Unterkonstruktion aus Holz überspannt und dadurch dreidimensionale Volumen generiert. Dieses Motiv fand dann 2015 als gekrümmte Dachfläche für einen Gartenpavillon der American Academy in Berlin eine weitere Umsetzung, diesmal als klassische Architektur.

Barkow: Es ist dann ein anderer Maßstab, ein anderer Ort, ein anderer Zweck. Aber es ist immer die Weiterentwicklung einer Idee, die zur Architektur führt.

Trennscheiben erobern derzeit die Welt, was verändert sich durch die Corona-Pandemie in der Architektur?

Barkow (lacht): Ich mag Plexiglas, das ist ein super Material.

Leibinger: Wie sich der öffentliche Raum unter den neuen Bedingungen verändert, wird sich erst zeigen müssen. Restaurants mit weit auseinandergestellten Tischen sind aus meiner Sicht total ungemütlich. Die Atmosphäre fehlt, so vernünftig es auch ist. Für eines meiner Lieblingsprojekte, das Foyer der Berliner Schaubühne, was so wunderbar offen ist, haben wir tatsächlich auch gerade einen Spuckschutz entworfen. Wir müssen alle lernen, mit den neuen Hygienemaßnahmen umzugehen.

Barkow: Darüber nachzudenken, wie es mit Bürogebäuden langfristig weitergeht, finde ich spannend. Wir haben alle erlebt, dass Arbeiten im Homeoffice möglich ist, auch wenn kreative Berufe nie ganz ohne persönlichen Austausch funktionieren werden. In New York werden derzeit vermehrt Häuser außerhalb der Stadt gekauft, weil man nicht mehr zwingend in Downtown arbeiten muss. Die Stadtflucht wird ein immer wichtigerer Aspekt.

Inwieweit muss Architektur denn die Natur berücksichtigen?

Barkow: Architektur muss die Landschaft einbeziehen, überhaupt das Umfeld, das ist unabdingbar. Und je mehr natürliche Materialien genutzt werden, desto besser, desto nachhaltiger!

Also grün denken: Ökologie vor Ökonomie?

Barkow: Mittlerweile ist das ein Muss. Du musst nachhaltig bauen. Wir bauen immer mehr mit Holz, einem der ältesten Baustoffe überhaupt, der aber vor allem ein nachwachsender Rohstoff ist.

Was tun Architekten in 30 Jahren?

Barkow: Ich glaube, es wird vieles anders. Wie schnell es gehen kann, zeigt uns derzeit die Pandemie. Aber es ist unsere Aufgabe, mit den neuen Herausforderungen umzugehen und immer wieder neue Lösungsansätze zu entwickeln.

Leibinger: Wohnungsbau ist und bleibt ein Riesenthema. Als Architekten müssen wir versuchen, sozial verträgliche, nachhaltige und gleichzeitig günstige Lebensräume zu entwickeln.

Mit Regine Leibinger und Frank Barkow sprach Juliane Rohr

Die Ausstellung "Revolutions of Choice" ist bis zum 4. Oktober im Haus am Waldsee zu sehen. Der Skulpturenpark ist frei zugänglich.

Quelle: ntv.de