Leben

Aus der Schmoll-Ecke Willkommen in Berlins "Todeszonen"!

IMG_20190416_1357543.jpg

Neben einer der "Begegnungszonen" verläuft die U-Bahn-Strecke oberirdisch.

In der Hauptstadt hat sich die Politik das Konzept der "Begegnungszonen" ausgedacht. Sie sind hässlich, wirken völlig deplatziert und funktionieren nicht, wie unser Kolumnist in einem Selbsttest erkundet. Er verbringt dort eine Stunde in trostloser Einsamkeit.

Wie Sie vielleicht wissen, ist Berlin eine ganz tolle Stadt. Und sie wird immer toller, um nicht zu sagen: ein wahres Tollhaus. Auch dank ganz toller Politiker, die, um die Welt vor Abgasen zu retten, überall Tempo-30-Zonen für böse Autofahrer und Tempo-1-Zonen für gute Fußgänger einrichten, damit die langsam laufen und nicht vor körperlicher Anstrengung furzen, was gar nicht gut für das Klima ist, wie wir von den Flatulenzen der vielen Millionen Rindviecher rund um den Erdball wissen. Lang-, Behut- und Achtsamkeit sind voll angesagt im tollen Berlin. Nur nichts überstürzen! Alles gaaanz langsaaaam. 

IMG_20190416_1413010.jpg

Auch Fahrräder können innerhalb der Zonen abgestellt werden.

Deshalb wird der neue Flughafen auch erst 2035 eröffnet. Aber: Er hat bis dahin eine hervorragende CO2-Bilanz. Ein Flughafen auf dem nichts startet und landet und der Jahrzehnte ohne Klimaanlage vor sich hindämmert, ist ganz toll klimaneutral und passt deshalb ganz doll zu einer tollen Stadt wie Berlin. Er wird nach Greta Thunberg benannt, die bis dahin zwei 1,5 Meter lange Zöpfe hat. In ihrer Eröffnungsrede wird die Schwedin sagen: "Schulschwänzer der Welt, schaut auf diese tolle Stadt." Das ärgert die Gutmenschenhasser, die den Klimawandel noch immer für eine Erfindung halten, obwohl Hannover inzwischen an der Nordsee liegt. 

Natürlich ist das alles Unsinn, von mir höchstpersönlich ersonnen, um Sie, geschätzte Leser, zu unterhalten und zu erheitern. Denn erstens sind die Zöpfe von Greta Thunberg 2035 erst 1,2 Meter lang und zweitens ist der Flughafen dann noch immer nicht eröffnet. Was nicht heißen soll, dass in Berlin nichts zu Ende gebaut wird. Wenn diese tolle Stadt und ihre tollen Politiker es wollen, geht es voran.

Ein tolles Beispiel sind die "Aufenthaltsmodule" – ja, die heißen wirklich so – in "Begegnungszonen", die neuerdings am Fahrbahnrand selbst in belebtesten Straßen errichtet werden und gar nicht toll aussehen, sondern sehr hässlich. Man kann eben nicht alles haben im Leben. Entweder schnell und hässlich oder prima und 2035. Wobei auch die "Begegnungszonen" nicht pünktlich fertig wurden: "Bedingt durch die derzeit schwierige Lage auf dem Markt, war es dem Bezirk nicht möglich, termingerecht fachkundige und leistungsfähige Baufirmen zu finden", hieß es ganz offiziell zu Verzögerungen in der Kreuzberger Bergmannstraße. Vollstes Verständnis. Die Unternehmen fummeln schließlich momentan am Flughafen und den anderen 850.000 Baustellen in Berlin herum. Oder sie hatten keinen Bock, die Stadt zu verschandeln. Auch okay.

Einsamkeit in der "Begegnungszone"

Sinn und Zweck der "Begegnungszonen" werden auf Berlin.de ganz toll, ganz volksnah erklärt, sodass es auch Dummlacks wie ich verstehen: "Mit einer geplanten Dunkel-Ampel vor dem Gesundheitszentrum und der Einrichtung zusätzlicher, mit taktilen Elementen ausgestatteten Querungsmöglichkeiten soll vor allem die Barrierefreiheit im Straßenraum verbessert werden." Das nenne ich mal echtes Taktil-Gefühl! Hat das ein Ex-Bundeswehroffizier geschrieben? Oder ein Berater von McKinsey?

IMG_20190418_1845107.jpg

Die "Begegnungszone" zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz.

Wie auch immer: Ich wollte nicht nur meckern, sondern mir selbst ein Bild machen, weshalb ich in den Prenzlauer Berg gefahren bin, um mich in ein "Parklet", dem ersten Meilenstein zur "Begegnungszone", zu setzen und zu schauen, wem ich da so begegne. Selbstversuche sind ja gerade sehr populär unter Journalisten. Ich wollte schon immer mal einen machen. Und da ich keine Lust habe, ein Jahr nicht zu lügen oder zwei Jahre nur Fleisch zu essen, habe ich mich eben auf die lange Bank gesetzt.

Ich schwöre, dass ich mir einen der Schön-Wetter-Tage in dieser Woche rausgesucht habe, um das Ergebnis nicht zu verzerren. Ich fuhr mit offenem Schiebedach in meinem geliebten A3 - ein Diesel, versteht sich - in den Prenzlauer Berg, suchte eines der "Parklets", wurde vor der Schönhauser Allee 58a fündig und hockte mich für exakt eine Stunde auf die einladende da zwölf Meter lange Holzbank. Bei meiner Ankunft sagte ich zu zwei ungefähr 17-jährigen Mädchen im Sinne der Begegnungszone: "Hallo". Was diese ignorierten.

Ignoranz und ratternde U-Bahnen

Wir saßen also 20 Minuten in einigem Sicherheitsabstand stumm nebeneinander, bevor die Mädels verschwanden, ohne "Tschüss" oder so was in der Art zu sagen. Meinetwegen. Die übrigen 40 Minuten saß ich in trostloser, stummer Einsamkeit auf der Bank. Hinter mir ratterten Autos und U-Bahnen, die Trasse verläuft dort oberirdisch. Ein elender Lärm. Mein sehnsuchtsvoller Blick durchbrach die Glasscheibe einer anderen Begegnungszone direkt vor der Bank: einem Friseur. Eine junge Frau gestikulierte wild mit den Händen, während die Friseurin ihr die Haare schön machte. Das sah nach lebendiger Unterhaltung aus, während ich in der Todeszone ausharrte und mich mit anderen Dingen beschäftigte.

Zum Beispiel dem Stift, mit dem ich Notizen für meinen Erfahrungsbericht machte, mit der Aufschrift "Hotel an der Kapelle". Wann war ich in einem Hotel "an der Kapelle"? Habe ich den Kugelschreiber mitgehen lassen? Das täte mir sehr leid. Oh, liebes "Hotel an der Kapelle", ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Ich tue es nie wieder, bitte um Entschuldigung und schicke das Ding gerne mit neuer Mine zurück. Bitte melden, ich weiß nicht mehr, wo du bist.

Immerhin lächelte mich eine Frau eine geschlagene Stunde lang an. Und das – ja, so sind sie, die Politiker – von oben herab. Katarina Barley, die Bundesjustizministerin, die ins EU-Parlament möchte, um in ganz Europa Begegnungszonen einzurichten, hing über mir auf einem Wahlplakat. Sie sah freundlich aus, das muss ich sagen. Auch wenn ich misstrauisch wurde ob ihrer Beharrlichkeit. Schauen Sie bitte woanders hin! Was wollen Sie von mir? Und noch eine Frage: Ist das Foto technisch bearbeitet, um Sie, Frau Ministerin, in das bestmögliche Licht zu rücken, gar um einschlägig bekannte Instinkte von Männern anzuregen? Bei mir funktionierte das nur begrenzt. Und außerdem: So etwas würde die SPD doch nie machen. Schließlich tritt sie gegen Diskriminierungen aller Art ein. Da dürfen Frauen aussehen, wie sie sind und wollen, also auch ganz natürlich und ohne Photoshop-Bearbeitungen.

Immerhin schaute ein einziger realer Mann beim Vorübergehen freundlich zu mir rüber. Jede Wette, er war der Erfinder der "Begegnungszone". Der dachte bestimmt, als er mich da mit Notizbuch und "Hotel an der Kapelle"-Stift sitzen sah: Na bitte, geht doch, es wird von den Bürgern angenommen! Strike!!!

Einfach nur schnell wieder weg

Vergiss es, Alter! Ich war heilfroh, die Stunde in der Todeszone totgeschlagen zu haben. Auf dem Weg zu meinem Auto schaute ich mir noch das "Parklet" zum Fahrradabstellen an. Eine zig Meter lange, bestimmt nicht ganz billige Bucht für ganze acht Fahrräder. Geht’s noch?! Was für eine sinnlose Verschwendung. Dann baut dort lieber ein hübsches Tiny House oder eine Mini-Teeküche für Obdachlose.

IMG_20190416_1340114.jpg

Ein Lichtblick während des Selbstversuchs: das gute Wetter.

Ich fuhr noch rasch nach Kreuzberg, um mir die "Begegnungszone" in der Bergmannstraße anzusehen, eine der schönsten, freundlichsten und lebendigsten Gegenden Berlins. Die Bänke aus Metall und Holz sind hier gelb gestrichen und sehen so deplatziert aus wie ein Känguru in der Arktis. (Sorry, mir ist gerade kein besserer Vergleich eingefallen.) Der Preis der beschissensten "Begegnungszone" gebührt allerdings dem städtebaulichen Offenbarungseid in der Maaßenstraße zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz. Ich kenne keinen einzigen Berliner, der diese Ansammlung metallener Bänke gutheißt, geschweige denn, dort verweilt. Man will hier einfach nur schnell wieder weg.

Am Abend traf ich mich mit einem Freund bei einem tollen Griechen in der Charlottenburger Suarezstraße, der sehr klein ist und nur sehr wenige Plätze hat. Wir kamen bald mit unseren "wildfremden" Tischnachbarn ins Gespräch, redeten über Notre-Dame, Gott und den Rest der Welt. Wie schön, dass die guten alten Begegnungszonen noch immer funktionieren. Und deshalb gehe ich nächste Woche endlich mal wieder zum Friseur!

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema