Leben

In Vino Verena "Wir hauen in den Westen ab!"

TB_Kind am Trabant.jpg

Schon Kindern war klar: Wer die DDR verließ, verschwand in eine neue Freiheit.

Die Wendezeit: DDR-Bürger fliehen über Ungarn, gehen auf die Straße - die Welt ist im Umbruch. Unsere Kolumnistin über einen herzzerreißenden Moment in ihrem Kinderzimmer, der alles veränderte.

"Die haun' alle in' Westen ab!", flüsterte meine Schulfreundin Cindy. Es war nicht an jenem historischen 9. November vor 30 Jahren, sondern einige Monate zuvor. Man kennt sie, die Geschichten der Leute, die den Kanal voll hatten von der DDR, alles auf eine Karte setzten und sich mit Hoffnung im Herzen auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machten.

Dies ist meine.

Cindy und ich saßen gerade in meinem Kinderzimmer und kaupelten "Bravo"-Poster, als sie mir anvertraute, mit ihrer Familie "schon kommende Nacht rüberzumachen", und zwar "über Ungarn". Ihr Vater hätte alles geplant, jeder dürfe nur einen Rucksack mitnehmen. Mich traf der Schlag. Meine beste Freundin haut aus der DDR ab. Und ich bleibe zurück! Ich war sofort todtraurig, während sie mir mit dieser Schote von ihrer Mutter kam, von wegen, so tragisch wäre das doch nicht, "man sei schließlich nicht aus der Welt und könne sich doch schreiben". Natürlich ist sie mit ihrer Flucht aus der Welt, dachte ich, während mein Kinder-Gemüt in sich zusammensackte, sie könnte genauso gut tot sein!

Ich fragte Cindy, ob sie nicht traurig sei, wenn wir jetzt keine Freundinnen mehr sein könnten, und attestierte ihr - in der Hoffnung, sie würde ihren Vater umstimmen - im Westen gäbe es auf keinen Fall beste Freundinnen. Das sei ein echtes Manko des Kapitalismus, beste Freundinnen gäbe es nur in der DDR - und da auch nur im Spreewald! Aber Cindy zuckte nur mit den Schultern und man sah ihr richtig die Vorfreude auf das an, was sie im Westen erwarten würde.

Cindy und die blöde Bundesrepublik

In meiner Verzweiflung wünschte ich ihr eingeschnappt ein "schönes Leben", woraufhin sie nur sagte: "Ja, cool!" Da fing ich an zu heulen. Es war aber nicht so, dass ich erst nur ein bisschen flennte, nein, ich flennte sofort richtig drauf los. Mein Kinderherz fühlte sich in diesem Augenblick von der ganzen Welt verlassen.

Ich betete, irgendwas möge doch bitte schiefgehen und ihre Flucht verhindern. Sie könnten eine Autopanne haben oder im Lotto gewinnen. Ich wollte nicht egoistisch sein, aber zu beten erschien mir als einzig sinnvoll. Doch tief in mir drin wusste ich, dass ich Cindy an die für mich in diesem Moment blöde Bundesrepublik verloren hatte.

Ich brachte sie noch zur Tür. Sie zog sich ihren Anorak an und wir sagten tschüss, als würden wir uns am nächsten Morgen auf dem Weg zur Schule wiedertreffen. Mir kamen wieder die Tränen und ich lief ins Schlafzimmer, wo ich am Fenster hinter der Gardine stehenblieb und Cindy in ihrem blauen Anorak dabei zusah, wie sie immer kleiner wurde und schließlich hinter der Straßenecke verschwand.

"Alle hauen ab! Nur wir nicht!"

Einen Augenblick blieb ich noch am Fenster stehen und versuchte, mich zu beruhigen, aber dann mischte sich eine enorme Wut in meine Trauer und ich stürmte aus dem Schlafzimmer in den Flur, wo ich meine Mutter, die gerade mit einem Tablett aus der Küche kam, fast über den Haufen rannte.

"Los!", brüllte ich, "wir müssen sofort zusammenpacken!"

Sie starrte mich entgeistert an und auch mein Bruder kam wegen meines Gekreisches aus seinem Zimmer gerannt.

"Was is'n da für'n Rabatz?", rief Vater aus dem Wohnzimmer.

imago83315629h.jpg

Der Mauerfall am 9. November 1989 änderte alles.

(Foto: imago/Peter Homann)

An meiner Mutter vorbei flitzte ich zu meinem Vater und erzählte ihm, Cindy würde "rübermachen", wir müssten auch die Gunst der Stunde nutzen. Ich machte ein Riesentheater, ich war der Ansicht, meine Eltern nur richtig alarmieren zu müssen. Denn dass sie für die Situation sensibilisiert waren, stand außer Frage! Ich dachte, was ihnen bis dato nur fehlte, war ein ordentlicher Arschtritt, und den wollte ich ihnen unbedingt verpassen.

Binnen Sekunden redete ich mich um Kopf und Kragen, ich erzählte, Erich Honecker habe vor, die Mauer noch 3000 Jahre stehenzulassen und dass wir jetzt so schnell wie möglich nach Ungarn müssten, nächste Woche könnte es schon zu spät sein! "Und wenn die uns nicht rüberlassen, fahren wir knallharte Geschütze auf!" Den Satz mit den knallharten Geschützen hatte ich zuvor im Fernsehen gehört, von Leuten, die über einen Botschaftszaun geklettert waren.

"Womit denn?", fragte Vater. Ich sah ihm an, dass er mich nicht ganz für voll nahm.

Er grinste und zeigte auf den Plastik-Colt, den mein kleiner Bruder im Holster stecken hatte.

"Ha, ha, sehr witzig", keifte ich. Meine Mutter stellte das Tablett ab und kam auf mich zu. Anhand ihrer Gestik sah ich schon, dass sie annahm, sie müsse mich ein wenig tätscheln, um mich zur Räson zu bringen. Aber ich blieb eisern. "Alle hauen über Ungarn ab! Nur wir nicht! Und wenn wir das nicht machen, garantiere ich euch, sind wir die Einzigen, die hiergeblieben sind!" Um meinem Aufruf Nachdruck zu verleihen, griff ich zu einem drastischen, sich oft bewährten Mittel - Erpressung: "Wenn ihr nicht mitkommt, mache ich ohne euch rüber, ALLEINE!"

"Wir müssen Cindy hinterher!"

"Jetzt beruhige dich erstmal!" Vater machte eine einladende Handbewegung.

Aber ich wollte mich nicht beruhigen. Ich wollte Cindy hinterher! Ich verstand nicht, wie meine Eltern sich all diese Berichte in den Nachrichten anschauen konnten, ohne auch nur den geringsten Aufbruchsgedanken zu verspüren. Alles, was mein katholischer Vater gepredigt hatte, erschien mir auf einmal lächerlich. Wie konnte er sich über die Stasi aufregen, wenn er freiwillig in dem Land blieb, das ihn bewachte? War er denn nicht neugierig, wie es auf der anderen Seite Deutschlands war? Mich packte die Panik. Was, wenn Cindy nur die Erste aus meiner Klasse war, die rübermachte? Was, wenn ihrem Beispiel noch viele andere folgten? Ja, was dann? Würde ich dann alleine im Matheunterricht sitzen? Von wem sollte ich dann bloß abschreiben?

Mir wurde hundeelend bei diesem Zukunftsszenario. Und dann sagte meine Mutter das Blödeste überhaupt: Selbst wenn wir jetzt rüberwollten, würde das nicht gehen, denn Vater hätte nächste Woche einen Termin bei Dr. Brausewetter und Termine bei Dr. Brausewetter wären äußerst rar.

"Pah!" Ich platzte fast. Auch Vater wurde jetzt laut. Er erklärte, das sei alles erst der Anfang. Herr im Himmel, der hatte vielleicht Vorstellungen! Aber er sagte, wenn er eines wisse, dann, "dass mit der DDR bald Sense" sei. Ich glaubte ihm natürlich kein Wort und verfluchte ihn, genauso wie Jesus, die Kirche und diese ganze gottverdammte DDR, wo ich am nächsten Tag zur Schule gehen musste, während meine beste Freundin auf dem Weg in die Freiheit war - dieses große Wort, das in meiner Welt eine so kleine Rolle spielte.

Der Begriff Freiheit

Als Kind hatte ich mich nie eingesperrt gefühlt und verknüpfte mit dem Wort Freiheit eher Worte wie Freibad oder unterrichtsfrei oder Freikörperkultur. Sogar die Münchner Freiheit war mir ein Begriff. Aber Freiheit als Pendant zum Eingesperrtsein? Nun war die Freiheit zum Greifen nah, man musste nur über "die grüne Grenze" gelangen.

Ich dachte darüber nach, wie meine Eltern einst erzählt hatten, wie sie sich kennenlernten. Meine Mutter, zu jenem Zeitpunkt 17 Jahre alt, sei meinem Vater in einem Café über den Weg gelaufen. Das Café hieß "Café Süd" und Vater hatte gescherzt, in der DDR gäbe es etliche Cafés, die nach Honeckers Himmelsrichtungen benannt seien: Café Süd, Café Nord und Café Ost. "Und Café West?", hatte ich gefragt, worauf er laut lachend sagte: "Hamwa nich, wir ham nur Norden, Süden, Osten und Osten".

Wenige Wochen nachdem Cindy "rübergemacht" war, fanden die ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig statt und meine Traurigkeit wich einem kollektiven Freudentaumel, ein Gefühl, von dem ich nicht ahnte, dass es das überhaupt gibt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema