Unterhaltung

Pop in Uniform Baku raubt den Atem

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Wo man auch geht, steht und sitzt: Der ESC ist in Baku allgegenwärtig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Oslo oder Düsseldorf mögen sich für den European Song Contest mächtig ins Zeug gelegt haben - gegen das, was in Baku aufgefahren wird, waren das allenfalls Sandkastenspiele. Die aserbaidschanische Hauptstadt bietet eine spektakuläre Kulisse für das Schlagerspektakel. Und doch merkt der Besucher rasch, dass er im Zwiespalt gelandet ist.

Als Stefan Raab seinerzeit den Eurovision Song Contest (ESC) zur nationalen Aufgabe erklärte, war das Kinderkacke. Da ging es schließlich nur um so etwas Profanes wie mit Lena endlich mal wieder eine vernünftige Kandidatin zu finden, am besten das Ding in Oslo zu wuppen und so den ewigen Nicole-Makel zu tilgen. Was es jedoch wirklich heißt, das internationale Bardentreffen zu einer Arie von nationaler Tragweite aufzublasen, kann man derzeit in Aserbaidschan beobachten. Und zwar, noch bevor man aus dem Flugzeug gestiegen ist.

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Bakus letzter Schrei: Das Eurovisions-Taxi, ein Import aus China. Die älteren Taxis wurden kurzerhand verboten.

(Foto: n-tv.de)

Über die kleinen Monitore in der Maschine der Azerbaijan Airlines flimmern bereits Bilder, die Lust auf den ESC machen sollen. Auch die Titelseiten der zwei Bord-Zeitschriften in der Tasche des Vordersitzes kennen natürlich nur ein Thema. Ja, sogar die Stewardess wünscht einem in ihrer finalen Durchsage - nach dem obligatorischen "Danke, dass Sie mit uns geflogen sind" - viel Spaß beim Song Contest. Dabei sitzen in dem großen Airbus gerade einmal rund zwei Dutzend Passagiere. Und - das ist offensichtlich - kaum einer von ihnen ist speziell wegen des ESC angereist.

Im Flughafen von Baku geht es weiter. Der Song Contest ist allgegenwärtig. Auf Plakaten, Stellwänden und in Form zahlreicher "Volunteers" in unübersehbaren grellroten T-Shirts. Die jungen Helfer sind abgestellt, den überforderten Ausländern den Weg durch das Dickicht der Einreise in ihr Land zu weisen. Auch mir steht rasch ein Junge zur Seite, von der er nicht mehr weichen wird, bis er mich aus dem Flughafen heraus eskortiert und in den Eurovisions-Bus neben den Eurovisions-Taxen gesetzt hat - außerordentlich freundlich, hilfsbereit und besorgt. Darüber, dass meine Reisetasche nach der langen Formalitäten-Prozedur immer noch unbehelligt ihre einsamen Runden auf dem Gepäckband dreht, scheint er sich fast mehr zu freuen als ich.

"Welcome to Azerbaijan"

Ansonsten versprüht die Einreise nach Aserbaidschan reichlich post-sozialistischen Charme. Fünf mehr oder weniger uniformierte Menschen sind mit der Sorge beschäftigt, dass auch alles ordentlich abgeht. Nachdem die erste Grenzbeamtin den Pass studiert hat, beaufsichtigt eine zweite Person das Ausfüllen des Visa-Antrags. Der Dritte kassiert den Antrag mitsamt der dafür fälligen 60 Euro wieder ein, ehe ein vierter Beamter per Hand die Daten des Formulars auf einen kleineren Waschzettel überträgt, den er dann in meinen Pass klebt. Schließlich muss ein knapp zwei Meter entfernt stehender Beamter in der schnittigsten Uniform von allen noch einmal einen letzten Blick auf das Dokument werfen, ehe er zackig verkündet: "Welcome to Azerbaijan, Mister Pröbst."

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Die Skyline von Baku ist atemberaubend.

(Foto: picture alliance / dpa)

Keine Frage: Die staatlichen Stellen dieses Landes haben ein sehr genaues Auge darauf, was hier passiert - auch und gerade während des Song Contests. Das war schon klar, als die Redaktion sich im Vorfeld der Reise um ein Hotelzimmer kümmerte. Auf die simple Reservierung im Internet folgten diverse weniger simple Korrespondenzen mit dem aserbaidschanischen Tourismus-Verband. Offenbar kann man hier nicht einfach so irgendwo absteigen, ohne dass dies auch von höherer Stelle registriert wird.

Klar, Aserbaidschan ist zwar Mitglied der immer größer werdenden Patchwork-Familie der Eurovision, doch geografisch gehört die einstige Sowjetrepublik nicht zu Europa geschweige denn politisch zur EU. Und so sehen sich auch Aserbaidschaner auf Reisen ins westliche Ausland mit ähnlichen Regularien konfrontiert. "Die Visa-Gebühren, die für aserbaidschanische Staatsangehörige zum Beispiel in Deutschland fällig werden, betragen 60 Euro. Die gleiche Summe erheben wir von deutschen Staatsangehörigen, die nach Aserbaidschan einreisen", heißt es fast schon rechtfertigend in den Besucherinformationen einer der beiden Flugzeug-Postillen.

Der gelebte Zwiespalt

Doch es sind nicht nur die Grenz-Erfahrungen am Flughafen, die einen an gewisse Freiheitsnormen gewöhnten Westeuropäer irritieren. Aserbaidschan steckt im Zwiespalt. Im Zwiespalt zwischen Boom und Abriss. Im Zwiespalt zwischen kosmopolitischer Weite und nationalistischer Enge. Im Zwiespalt zwischen islamischer Prägung und westlichen Einflüssen. Im Zwiespalt zwischen Ordnung und Willkür, zwischen Sicherheit und Überwachung, zwischen Freundlichkeit und Bevormundung. Kurzum: Im Zwiespalt zwischen einem nach Europa strebenden Land und einem autoritär geführten Regime. Über allem prangt in diesen Tagen der ESC und sorgt damit für seinen ganz eigenen Zwiespalt - zwischen der musikalischen Hupfdohlen-Gala, die er eigentlich ist, und dem politischen Fanal, zu dem der Austragungsort ihn macht.

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Ein optisches Highlight der Stadt sind die "Flame Towers".

(Foto: picture alliance / dpa)

Glaubt man der aserbaidschanischen Opposition, so wurde den Taxifahrern befohlen, ausländische Besucher des ESC nur durch frisch renovierte Straßenzüge in Baku zu kutschieren. Ob das stimmt, ist schwer nachzuprüfen. Jedenfalls offenbart sich schon bei der Fahrt mit dem Bus vom Flughafen ins Stadtzentrum der unfassbare Aufschwung, der hier - Öl und Gas sei Dank - vonstattengeht. Ein Prunkbau reiht sich an den anderen, ein Rohbau an den nächsten, dicht gedrängt steht Kran an Kran.

Im Zentrum angekommen, offenbart sich der Blick auf eine Stadt, die weltstädtisches Flair versprüht. Die Skyline ist atemberaubend. Schillernde Hochhaus-Fassaden überstrahlen den Prachtboulevard, der sich endlos lang am Ufer des Kaspischen Meeres entlang windet. Auf dem "Flag Square" bewegt sich eine gigantische aserbaidschanische Flagge schon beinahe surreal anmutend sanft im Wind. Eine Wasserfontäne im Meer sprüht dutzende Meter hoch in die Luft. Luxusjachten liegen an den Stegen. Und auf den von tausenden LED-Lichtern eingehüllten "Flame Towers" erstrahlt am Abend die Figur eines aserbaidschanischen Fahnenträgers - im Wechsel mit der Leuchtschrift "Eurovision". Als wäre es ein Sinnbild.

Schein und Sein

Wie viel Geld sie in den Song Contest gesteckt hat, darüber schweigt sich die Führung Aserbaidschans unter Präsident Ilcham Alijew aus. Experten gehen jedoch von rund einer halben Milliarde Euro für die Veranstaltung und ihre Organisation sowie den Bau von Straßen, Promenaden und der wirklich phänomenalen "Crystal Hall" aus, in der der Lieder-Wettstreit ausgetragen wird. Geld, das aus Sicht der Opposition für dringende Sanierungsmaßnahmen in anderen Landesteilen fehlt. Wo es geblieben ist, kann man in Baku an allen Ecken und Enden sehen. Vor dem ESC gibt es kein Entrinnen. Allerorten macht er auf sich aufmerksam - mit Leuchtreklamen, haushohen Stellwänden, symbolisch geformten Lichterketten, digital animierten Skulpturen, ja sogar mit Hecken, die zum Schriftzug "Eurovision" zurechtgestutzt wurden.

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Allein die "Crystal Hall" soll 100 Millionen Euro gekostet haben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Städte wie Oslo oder Düsseldorf mögen sich für eine angemessene Würdigung des Ereignisses in den vergangenen Jahren mächtig ins Zeug gelegt haben - gegen das, was in Baku aufgefahren wird, waren das allenfalls Sandkastenspiele. Eingefleischten ESC-Fans, die die weite Reise auf sich genommen haben, würde vor Staunen nur noch der Mund offen stehen, die für den Song Contest verantwortliche "European Broadcasting Union" (EBU) würde nur noch jubilieren ob dieses genialen Marketing-Coups. Würde - wäre da nicht das beklemmende Gefühl, dass der Glamour des Song Contests ein nur allzu willkommenes Mittel ist, Missstände zu übertünchen und das Land anders darzustellen, als es wirklich ist.

In der Nähe des "Euro Club", in dem ESC-Nimmersatte auch abseits der großen Wettbewerbs-Shows bis in die frühen Morgenstunden abfeiern können, befindet sich ein weiteres Sinnbild. Hier klafft eine große Baugrube. Kein schöner Anblick. Um Abhilfe zu schaffen, hat man sie einfach umzäunt. Mit haushohen Stellwänden, auf denen, na klar, der Song Contest beworben wird. Anders als etwa bei der "Crystal Hall", für deren Errichtung mal eben reihenweise Häuser abgerissen und Bewohner vielfach unfreiwillig umgesiedelt wurden, konnte man hier mit dem durch den ESC vorgegebenen Modernisierungstakt offenbar nicht Schritt halten.

Entlang der Westernstadt

Wenn man indes Schritt haltend vom Hotel aus den Weg zur "Crystall Hall" antritt, dann muss man dies entlang einer achtspurigen Straße tun. Die Uferpromenade, die zur Halle führt, ist großräumig abgesperrt. Alle Zugänge sind mit Gittern verstellt und werden zumeist von gleich mehreren Sicherheitsbeamten bewacht, selbst noch hunderte Meter von der Halle entfernt. Die Situation ist skurril. Blickt man von der Straße in Richtung Meer hinab, liegt die wunderschöne und von schicken Parkanlagen gesäumte Promenade wie eine verlassene Westernstadt vor einem. Nur ein paar Sherriffs streunen auf dem Areal herum. Sie tragen aserbaidschanische Uniformen.

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Das andere Baku: Bei Protesten kam es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Festnahmen - weit weg von der Crystal Hall.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hat man schließlich auf der Straße den Zugangspunkt erreicht, an dem man - nach Vorzeigen des deutschen Passes - endlich in Richtung Halle vorgelassen wird, passiert man einen Check Point nach dem anderen. Beinahe alle zehn Meter trifft man auf Sicherheitsbeamte, die einem freundlich, aber bestimmt sagen, wo man langzugehen hat. Manche sind Polizisten, manche "Security", einige tragen auch Militäruniformen.

Es ist klar: Eine Störung der ESC-Veranstaltungen will man hier unter allen Umständen und mit allen Mitteln verhindern. Geht es um die Sicherheit? Dass manche in der Region den Song Contest sehr kritisch sehen, ist spätestens klar, seit der Iran wegen dessen Austragung in Aserbaidschan seinen Botschafter aus dem Land abgezogen hat. Und wer möchte schon, zumal wenn man mittendrin ist, dass Fundamentalisten die Veranstaltung als Angriffsziel nutzen? Gleichwohl unterbinden die rigiden Maßnahmen natürlich auch jedwede Möglichkeit des Protests. Eine vergleichbare Abwägung zwischen Sicherheitsinteressen und Liberalität wäre in westeuropäischen Demokratien wohl allenfalls bei einem G8- oder Nato-Gipfel denkbar. Aber beim Song Contest?

Der ESC als VIP-Event

So wird, wer eine ESC-Show besucht, in kilometerweitem Umkreis sicher keinen Demonstranten zu Gesicht bekommen. Doch nicht nur das: Auch die Aserbaidschaner, die sich vielleicht kein Ticket leisten konnten oder wollten und nur den Flair der Veranstaltung gerne mal vor Ort eingeatmet hätten, müssen ganz weit draußen bleiben.

Während man in den Austragungsstädten zuvor den ESC wie ein Volksfest feierte, gerät er in Baku zum VIP-Event. Ein Event unter staatlicher Kontrolle und Aufsicht, der nach außen hin hochglänzend wirkt, nach innen aber das Misstrauen gegen die eigene Bevölkerung verdeutlicht. Doch die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Von einem Besucheransturm ausländischer Gäste auf Baku ist bislang nichts zu spüren. Auf der Straße jenseits der Absperrgitter warten dutzende, um nicht zu sagen hunderte der eigens vor dem Contest angeschafften und mit Eurovisions-Logo verzierten London-Taxis auf Kundschaft. Vergebens. Es ist ein ziemlich trauriger Anblick für eine an sich doch so fröhliche Veranstaltung.

Mitleid mit dem FC Bayern

Auf dem Rückweg zum Hotel versuche ich, mich an einem der Sicherheitsbeamten auf dem Promenadenweg vorbeizumogeln. Schwupps, da steht schon wieder ein "Volunteer" im roten T-Shirt neben mir. "Wo wollen Sie hin?", fragt er freundlich in passablem Englisch. "Nur ins Hotel", antworte ich. "Aber nicht hier lang", erklärt der Junge, hält Rücksprache mit einem Uniformierten und entschließt sich dann, mich den knapp zehn Minuten langen Fußweg zurück zur Straße zu geleiten. Besser ist das, bevor der Besucher sich wieder irgendwo hin "verläuft".

Der Junge heißt Orhan. Und als er hört, dass ich aus Deutschland komme, ist er ganz aufgeregt. Er habe einmal im Urlaub ganz viele Deutsche getroffen, vielleicht wolle er auch in Deutschland studieren und überhaupt sei das mit Chelsea und dem FC Bayern ja total ungerecht gewesen. Während die aserbaidschanische Führung gerade insbesondere Deutschland aufgrund der angeblich ungerechtfertigten Kritik an ihrem Land auf dem Kieker hat, ist von einer Abneigung der Menschen nichts zu spüren. Im Gegenteil. Es braucht wie überall in Baku auch hier nicht viel, um den Lack abplatzen zu sehen.

Rund zwei Kilometer Luftlinie von der "Crystal Hall" entfernt, am anderen Ende der Promenade, tut sich ein letztes Sinnbild auf. Hier befindet sich das "Eurovillage" - eine Freiluft-Arena, die anlässlich des ESC errichtet wurde. "Party Rock is in the House Tonight", erschallt der Hit von LMFAO quer über den Uferweg, auf dem sich von Jung bis Alt alles tummelt. Und während manch einer, der auch die Zeit als Sowjetrepublik schon miterlebt hat, eher konsterniert auf dieses Treiben reagiert, steht vielen der jüngeren Generation die Freude darüber ins Gesicht geschrieben. Eines Tages werden sie die Geschicke des Landes lenken. Vielleicht werden sie sich an den Song Contest und das freiheitliche Lebensgefühl, das sie an diesem Platz verspürt haben, erinnern.

Quelle: n-tv.de

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