Unterhaltung

Cascada scheitern glorreich Der ESC bringt nur Tränen

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Großer Jubel brach bei Emmelie de Forest und ihrer Band aus Dänemark aus.

(Foto: AP)

Glückwunsch! Norwegen hat den Eurovision Song Contest gewonnen! Ach nein, sorry, falsch. Bitte vergessen Sie das ganz schnell wieder. Wir meinen natürlich Dänemark. Mit "Only Teardrops" legt Emmelie de Forest in Malmö einen so absehbaren Durchmarsch hin, wie es ihn selten zuvor beim ESC gegeben hat. Für Deutschland indes ist es ein rabenschwarzer Abend.

Schade, dass Finnland nicht gewonnen hat. Die Überschrift "Wir sind lesbisch" hatten wir nämlich schon in der Schublade und hätten sie nur allzu gerne ausgepackt. Doch der Kuss, den die finnische Sängerin Krista Siegfrids am Ende ihres Vortrags "Marry Me" mit ihrer Background-Sängerin austauschte, zog am Ende ebenso wenig wie die Vorträge von 24 weiteren Ländern im Finale des Eurovision Song Contests im schwedischen Malmö. "We Are One" lautete zwar das Motto der Veranstaltung, doch am Ende kann dann eben doch nur einer "The One And Only" sein. Und diesmal ist das Dänemark.

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Viel Zustimmung beim Publikum, aber nicht bei den Fernsehzuschauern: Natalie Horler, Sängerin von Cascada.

(Foto: dpa)

Es ist ein Sieg mit Ansage. Emmelie de Forest aus Kopenhagen und ihr Song "Only Teardrops" wurden im Vorfeld schon lange als absolute Topfavoriten des Wettbewerbs gehandelt. So gesehen, fällt ihr Vorsprung von knapp 50 Punkten vor dem Zweitplatzierten Farid Mammadov aus Aserbaidschan schon fast überraschend knapp aus - die Dänin gewann mit 281 Zählern, Mammadov kam auf 234. Zum Vergleich: Die Schwedin Loreen deklassierte die Konkurrenz im Vorjahr in Baku mit mehr als 100 Punkten Differenz.

Dennoch bestätigt Dänemarks Sieg einen Trend, der sich beim Song Contest in jüngster Zeit mehr und mehr abzeichnet. Der Trend zu dem einen herausragenden Song und/oder Interpreten, der wirklich länderübergreifend ins Mark trifft. Bei Loreen war das so, auch bei Lena und mit etwas Abstrichen auch beim Duo Ell und Nikki, das 2011 in Düsseldorf den Song Contest gewann und ihn damit ins aserbaidschanische Baku holte. Immerhin das scheint die Wiedereinführung von Jurys beim ESC gebracht zu haben. Gegen die nach wie vor allgegenwärtige Kumpanei und Punkteverschiebung zwischen bestimmten Staaten hat nur ein Song eine Chance. Aber wenigstens einer.

Das Aufregende an der Eurovision

Wer das - Favoriten hin oder her - im Endeffekt sein könnte, scheint bis zur tatsächlichen Entscheidung aber ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Emmelie de Forest kam nach ihrem umjubelten Sieg in der Arena von Malmö reichlich introvertiert zu ihrer Gewinner-Pressekonferez - ganz anders als etwa Lena, die die Sektkorken damals in Oslo nur so knallen ließ. Dass es dafür in der Dänin umso mehr innerlich rumorte, wurde spätestens dann offenbar, als sie bei der Antwort auf eine Frage nach Worten rang und schließlich lachend einen Blackout gestand. Nein, sie habe natürlich nicht gewusst, dass sie gewinnen würde, beantwortet sie eine weitere Frage nach ihrer Siegesgewissheit vor dem Finale. "Aber das ist ja das Aufregende an der Eurovision. Man weiß nie, was passiert", hat sie das Prinzip der Show mit ihren gerade mal 20 Jahren schon bestens begriffen.

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Na, hoppla: Bonnie Tyler umringt von deutschen Fähnchen.

(Foto: AP)

Deswegen braucht sich auch niemand grämen, Deutschland und Cascada in den vergangenen Tagen Chancen auf einen der vorderen Plätze beim schwedischen ESC eingeräumt zu haben. Vieles deutete darauf hin, dass "Glorious" allen Unkenrufen zum Trotz das internationale Publikum mitreißen könnte. Selbst noch im Finale. Kein Auftritt - abgesehen von dem des heimischen Vertreters Robin Stjernberg und denen der skandinavischen Nachbarn - wurde in der Arena von Malmö derart umjubelt wie der von der für Deutschland singenden Natalie Horler. Zu Recht. Profi, wie sie ist, machte die Sängerin mächtig Stimmung während ihres Beitrags. Und stach allein schon damit im oftmals allzu biederen Umfeld der weitgehend unbedarften Konkurrenz heraus.

Möglicherweise übertrug sich dies nicht auf die Fernsehschirme. Und vielleicht wurde Cascada auch gerade ihre bereits vorhandene Popularität zum Verhängnis. Scheinbar schon etablierte Künstler haben es beim ESC in der Regel nicht unbedingt leichter als die No-Names. Davon kann auch Großbritannien ein Lied singen. Nach der Totalpleite mit Engelbert Humperdinck, der im vergangenen Jahr für das Vereinigte Königreich auf dem vorletzten Platz landete, sollte es in diesem Jahr Bonnie Tyler für die Briten richten. Doch auch das ging schief. Mit 23 Zählern landete die Pop-Oma mit der Reibeisen-Stimme und ihrem Lied "Believe In Me" lediglich auf dem 19. Rang - zwei Plätze vor Deutschland, das insgesamt gerade mal 18 Punkte von der Konkurrenz erhielt.

"18 Punkte für Angela Merkel"

In Staaten wie Schweden, Frankreich, den Niederlanden oder eben auch Großbritannien feierten Cascada mit ihrem Dance-Sound große Charts-Erfolge - beim Song Contest erhielten sie dafür aus diesen Ländern jedoch keinen einzigen Punkt. Dass dafür etwa Israel, das Deutschland beim ESC traditionell eigentlich ignoriert, ganze 5 Punkte an "Glorious" vergab, ist da nur ein schwacher Trost.

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Lena Meyer-Landrut verkündete die deutsche Punkteverteilung.

(Foto: dpa)

Blickt man auf das hintere Drittel des Abstimmungsergebnisses, bietet sich einem ein nur allzu altbekanntes Bild. Nicht nur Deutschland und Großbritannien, auch Frankreich und Spanien dümpeln mit ein paar Pünktchen auf einem der letzten Plätze herum. Von den großen, "Big 5" genannten Eurovisions-Staaten machte nur der Teilzeit-Aussteiger Italien, der nach langer Auszeit erst 2011 wieder zum Song Contest zurückkehrte, einen Ausreißer. Marco Mengoni schaffte es mit seinem Schmachtfetzen "L'Essenziale" bis auf den siebten Rang.

Im Ergebnis von Malmö spiegelt sich ohne Zweifel so manches leidige Eurovisions-Muster wider. Um das zu erkennen, muss man noch nicht einmal so weit gehen wie ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der das deutsche Abschneiden unmittelbar nach der Entscheidung in einen politischen Kontext rückte. "Ich will nicht sagen '18 Punkte für Angela Merkel'. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne", erklärte er mit Blick auf die Rolle der Bundesregierung in der Euro-Krise. All das wird Cascada vermutlich nicht vor der Häme im eigenen Land bewahren. Denn letztlich fehlte "Glorious" nach dem umstrittenen Vorentscheid auch in der Heimat die nötige Rückendeckung. Angesichts dessen, wie sich Natalie Horler in Schweden präsentierte, ist das jammerschade.

Es war nicht alles schlecht

Und auch Lena, die die deutsche Punktevergabe in der Show verkünden durfte, wird sich in den kommenden Tagen wohl einigen Spott gefallen lassen müssen. Als es daran ging, die Zehn-Punkte-Wertung nach Malmö zu übermitteln, verwechselte sie prompt Dänemark mit Norwegen - und machte damit eine rabenschwarze Nacht für Deutschland perfekt.

Doch um nicht derart negativ zu enden, wollen wir noch festhalten, dass in Malmö am Ende auch nicht alles schlecht war. Das Wetter zum Beispiel. Empfing uns zur Ankunft noch ein fieser Nieselregen, lachte zum Finaltag kräftig die Sonne. Je näher es auf den Showdown zuging, umso mehr schien die Schweden die anfänglich vermisste Song-Contest-Euphorie zu packen. In der Innenstadt des beschaulich-schönen Städtchens machte sich am Samstag dann doch endlich Volksfeststimmung breit - mit Bühnen, Straßenmusik und zahlreichen bunt gekleideten ESC-Fans an allen Ecken und Enden. Und ja, am Bahnhof erwartete die Besucher nun auch ein Info-Stand, damit sie nicht länger "Lost in Malmö" waren.

Die ESC-Show selbst bestach vor allem durch ihren hervorragenden Humor und die großartige Moderatorin Petra Mede, die in Schweden als Komikerin bekannt ist und auch solo perfekt durch das Programm führte. Was vom Song Contest 2013 bleibt, ist nicht nur das schlechte deutsche Abschneiden, sondern auch eine Siegerin, die sich mit ein wenig Glück wie Lena und Loreen eine etwas längere Zeit im Rampenlicht sonnen darf. Und eine ganze Latte an Songs, die wir morgen mitsamt ihren Interpreten schon längst wieder vergessen haben werden. Im Prinzip also wie jedes Jahr. Aber genau deswegen lieben und hassen wir die Eurovision ja zugleich.

Quelle: n-tv.de