Unterhaltung

Durch die Nacht mit Meuffels Honig im Kopf? Nee, Brokkoli

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Dem letzten Stündlein entgegenschlurfen? Nachtschicht für von Meuffels.

(Foto: BR/die film gmbh /Hendrik Heiden)

Der "Polizeiruf 110" mit Matthias Brandt - ein ziemlich sicheres Abo auf ungewöhnliche und spannende Sonntagabend-Unterhaltung. Sein neuester Fall macht da keine Ausnahme. "Nachtdienst" verdient sich einen Platz im obersten Regal.

Wir schreiben den 13. Fall des genialischen Grüblers aus München und der geht, man kann es nicht anders sagen, ans Eingemachte. Eigentlich will Hanns von Meuffels ganz entspannt dem Feierabend entgegenschmauchen, als ihn vor dem Polizeirevier eine Frau, latent verwirrt und im Bademantel, anspricht und etwas von einem Mord erzählt: "Da war alles voller Blut, und der Mann war tot". Dass Elisabeth Strauß (Elisabeth Schwarz) demenzkrank ist, erschließt sich dem Kommissar erst langsam, da jedoch ist er bereits Teil dieser Geschichte.

Ein gewisser Herr Urban soll es sein, der dort gewaltsam ums Leben gekommen sei - und in der Tat: Es gibt diesen Toten, die Wunde an seiner Schläfe könnte von der Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand stammen, doch weder Tscharlie (Florian Karlheim) noch seine beiden nächtlichen Mitstreiter, die Pflegerin Marija (Marina Galic), die ihren verschüchterten Sohn mit auf Schicht nimmt und Stationschef Sebastian Kroll (Philipp Moog) haben etwas von einem möglichen Totschlag mitbekommen. Von Meuffels aber hat angebissen, will diesem Fall hier auf die Spur kommen, auch weil jene Blutspuren, die er schließlich entdeckt, kurze Zeit später wie von Zauberhand weggewischt worden sind.

Dass jenes Altenheim, in dem Kommissar Hans von Meuffels (Matthias Brandt) einen "Nachtdienst" wider Willen ableistet, kein ganz gewöhnliches ist, zeigt sich spätestens beim Blick auf die Zimmertüren der Patienten: Hier gibt es keine Nummern, stattdessen zieren Obst- oder Gemüsesorten den Eingang. Champignons. Weintrauben. Bananen. Auch Krankenpfleger Tscharlie greift zum besseren Verständnis ins Regal mit den Grünzeug-Metaphern: "Der Frontallappen bei den Leuten hier? Nur noch Brokkoli." So kann man es natürlich auch sagen. Der Job ist unfassbar hart, die Nächte lang und das somnambule Treiben der Demenz-Kranken in diesem alten Gemäuer ist zum Teil nur mit Flachmann in der Kitteltasche oder großzügigem Griff in den Pillen-Dispenser zu ertragen.

Zwischen Tempo und Stoptanz

Regisseur Rainer Kaufmann inszeniert diesen ungewöhnlichen Fall wie ein überlanges Jazzstück, das flirrend und verwirrend zwischen Tempo und Stoptanz changiert, das in die Irre leitet und dann wieder auf den Weg zurück - der dann aber auch nur ein weiteres Mal gegen die Wand führt. Klaustrophobisch verengen sich die Räume, die nur zwei Aggregatzustände zu kennen scheinen: neongrell erleuchtet oder schummrig diffus. So diffus wie die Menschen, die hier in Bademantel und Fellmütze, Abendkleid oder angenagter Strickjacke dem letzten Stündchen entgegenschlurfen und nur mühsam von den sie umgebenden Familienfotos in einer Art Rest-Realität gehalten werden.

Mittendrin Hanns von Meuffels, der sich dem Fluss der Dinge hingibt, mal selbst zum Taktgeber wird, dann wieder versucht, den Worten der Bewohner zu folgen, in denen sich irgendwo ein Rest von Klarsicht verbergen könnte. Dabei schultert Matthias Brandt diesen Parforce-Ritt in Slow Motion unglaublich selbstverständlich und voll genialischem Understatement, elegant in seinen Marotten, dabei anpassungsfähig wie ein Chamäleon und dennoch so eigenbrötlerisch wie kein zweiter. Sein Kommissar hat die Traurigkeit eines Maigret, den zerknitterten Charme von Columbo und den freidrehenden Analysemodus eines Dr. House.

Eine "Polizeiruf 110"-Folge, die man so schnell nicht vergisst.

Quelle: ntv.de

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