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Erinnerung, Identität und Schuld Literaturnobelpreis für Patrick Modiano

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Der 69-Jährige war unter den diesjährigen Favoriten.

(Foto: AP)

Der Literaturnobelpreis 2014 geht an den Franzosen Patrick Modiano. Der 69-Jährige beherrsche meisterhaft die Kunst der Erinnerung, begründet das Nobelkomitee seine Entscheidung.

Der diesjährige Literatur-Nobelpreis geht an den französischen Schriftsteller Patrick Modiano. Das gab der Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, in Stockholm bekannt. Der 1945 in dem Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geborene Modiano gilt als einer der bedeutendsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Er erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den großen Romanpreis der Academie francaise und den Prix Goncourt. Auf Deutsch erschien zuletzt 2013 von ihm der Kurzroman "Der Horizont" im Hanser-Verlag.

Modianos Romane wie "Die kleine Bijou" und "Eine Jugend" hat der Österreicher Peter Handke ins Deutsche übersetzt. Bekannte Werke sind auch "Der Horizont" und "Place d'Étoile". Modianos aktueller deutscher Verleger zeigte sich wenig überrascht. In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heißer Kandidat gewesen, sagte Hanser-Verleger Jo Lendle auf der Frankfurter Buchmesse. Er kündigte an, dass der neue Roman des Autors, "Gräser der Nacht", vorgezogen werde und bereits sehr bald auf den Markt komme. Modianos Lektorin bei Hanser, Tatjana Michaelis, beschrieb den Schriftsteller als jemanden, der seine literarischen Themen konsequent verfolgt.

"Es geht immer um Erinnerung und Vergangenheit. Es geht darum, was die Zeit mit den Menschen macht und ob man Verlorenes wiedergewinnen kann", sagte Michaelis auf der Frankfurter Buchmesse. Modianos Bücher seien stets in Paris angesiedelt, oft zur Zeit der deutschen Okkupation. Auch "Gräser der Nacht" spielt wieder in der französischen Hauptstadt - aus Sicht der Hanser-Lektorin eine spannende Liebesgeschichte aus den 1960er Jahren vor dem Hintergrund des schwierigen Verhältnisses zwischen Frankreich und Marokko. Anders als in Frankreich sei die Fangemeinde Modianos in Deutschland lange sehr klein gewesen. In den vergangenen Jahren sei sie jedoch gewachsen, sagte Michaelis. Die Auflagen erreichten jetzt bei Hanser fünfstellige Zahlen. Modiano lebe völlig zurückgezogen und mache den Literaturbetrieb nicht mit, bestätigte Michaelis. "Ich denke, wir sollten das respektieren."

Schock für menschenscheuen Autor

Nach Einschätzung seiner schwedischen Verlegerin Elisabeth Grate dürfte die Auszeichnung dem menschenscheuen Franzosen einen Schreck einjagen. "Ich glaube, das ist ein Schock für ihn." Modiano, der der 111. Literaturnobelpreisträger überhaupt ist, sei "ein Marcel Proust unserer Zeit", sagte Peter Englund, Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie. Er schreibe "sehr elegante Bücher, aber sie sind nicht schwierig zu lesen".

Englund erläuterte die Entscheidung für Modianos Arbeit: "Ein großes Werk. Er hat insgesamt um die 30 Bücher geschrieben, hauptsächlich Romane, aber auch Kinderbücher, Drehbücher." Es seien kleine Bücher, "die immer Variationen desselben Themas sind, die Erinnerung an Verlust". Das Werk des Schriftstellers thematisiere Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld, erklärte die Schwedische Akademie. Modiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe. Zunächst habe die Akademie den Preisträger noch nicht informieren können - "aber wir hoffen, ihn bald zu erreichen".

Kenia geht leer aus

Mit Modianos Auszeichnung geht der Preis zum 15. Mal nach Frankreich. Kurz vor der Verkündung des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers hatte der Kenianer Ngugi wa Thiong'o die Wettlisten im Internet angeführt. In der Gunst der Zocker lag der 76-jährige Schriftsteller vor dem langjährigen Favoriten Haruki Murakami aus Japan und der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch.

2013 wurde die Kanadierin Alice Munro mit dem Preis geehrt. 210 Autoren wurden der Schwedischen Akademie in diesem Jahr für den Nobelpreis vorgeschlagen. Darunter waren 36 neue Namen.

Bis Mittwoch hatten Jurys in Stockholm schon die Preisträger in den Naturwissenschaften bekannt gemacht. Unter den Preisträgern für Chemie war am Mittwoch der Deutsche Stefan Hell gewesen. Gemeinsam mit zwei US-Amerikanern wurde er für die Entwicklung der superauflösenden Fluoreszenzmikroskopie geehrt. Erst am Freitag lüftet das norwegische Nobel-Komitee in Oslo das Geheimnis um den Friedensnobelpreisträger 2014. Die Preise sind mit je 8 Millionen Kronen (rund 880.000 Euro) dotiert.

Quelle: n-tv.de, sba/dpa

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