Unterhaltung

Ein Biest namens Carsimoto Marteria und Casper machen Ernst

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Marteria und Casper können sich noch genau daran erinnern, wie sie sich Anfang der 2000er kennenlernten.

Was als Aprilscherz eines Online-HipHop-Magazins begann und später zum Treppenwitz der Szene wurde, ist nun doch noch wahr geworden: Marteria und Casper, zwei der erfolgreichsten deutschen Rapper der letzten Jahre, haben ein gemeinsames Album aufgenommen. "1982", benannt nach ihrem Geburtsjahr, erzählt die Geschichte der beiden. Im Interview verraten sie, was sie trotz ihrer unterschiedlichen Sozialisation (Casper verbrachte die ersten elf Jahre seines Lebens in Amerika, Marteria, der auch unter dem Pseudonym Marsimoto bekannt ist, wuchs in Rostock auf) gemeinsam haben, warum das Leben als Musiker manchmal einsam ist und was sie voneinander gelernt haben.

n-tv.de: Schon 2009 geisterte der Aprilscherz durch die HipHop-Presse, ihr würdet ein gemeinsames Album aufnehmen, nun habt ihr es wirklich getan. Warum?

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Casper: Das mit dem Aprilscherz war damals die Idee von einem gemeinsamen Freund, aber schon vorher gab es Fans, die meinten, dass es krass wäre, wenn wir mal was zusammen machen würden. Irgendwie ist das als Treppenwitz immer hängen geblieben und wir haben dieses Biest auch gefüttert - zum Beispiel, indem wir uns betrunken irgendwann den "Carsimoto"-Titel "Chemische Drogen" ausgedacht haben. Na ja, und jetzt hat es sich einfach richtig angefühlt. Ich finde es schwierig, wenn man so eine gemeinsame Platte zu spät macht und das nur noch eine Cash-Nummer ist. Jetzt gerade sind wir noch in unserer Prime.

Ihr gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten deutschen Rappern. Wie fühlt es sich nun an, das Mikrofon, die Aufmerksamkeit und damit ja auch die Verantwortung und den Druck zu teilen?

Marteria: Irgendwie fühlt es sich gerade ein bisschen wie Luft holen an. Luft holen, Revue passieren lassen und gemeinschaftlich etwas machen, das wir beide noch nicht kennen. Sich Sachen teilen, eine Gruppe sein. Wir tragen beide immer viel Verantwortung. Klar, haben wir Leute, die uns helfen, aber am Ende ist unser Gesicht in der Kamera. Jetzt sind es wenigstens zwei Gesichter.

Casper: Meine letzte Platte "Lang lebe der Tod" war ja ein krasser Kampf mit mir, der Welt, der politischen Lage. Alles war dunkel und schwarz. Bei dieser Platte fühlte sich alles viel einfacher an. Das letzte Mal, dass ich so befreit, entspannt und mit so viel Spaß, Freude und Fluss Musik gemacht habe, war 2005 in Bielefeld mit meinen Jungs, als wir noch Rap-Songs in unseren WG-Zimmern gemacht haben.

Woher habt ihr die Ideen für "1982" genommen?

Marteria: Am Anfang haben wir einfach zusammen abgehangen, um uns kennenzulernen.

Casper: Wir sind zu mir gefahren und haben eine Boombox gekauft, die nicht funktioniert hat.

Marteria: Für 85 Euro…

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Privat sind beide voller Adrenalin. Nur nicht auf der Bühne - kurz vor der Show herrscht Lampenfieber.

Casper: Jeder von uns hatte vorher ein paar Beats rausgesucht, aber zwischendurch, wenn wir mal zwei Stunden Leerlauf hatten, haben wir uns einfach unterhalten. Über unsere Kindheit zum Beispiel - wie es für mich war, in Amerika aufzuwachsen, und für Marten in Ostdeutschland. Dinge, über die man eben spricht, wenn man jemanden richtig kennenlernt.

Apropos: Könnt ihr euch noch an eure allererste Begegnung erinnern?

Marteria: Das war Anfang der 2000er in Hannover in der Faust. Ich war damals beim Bund und habe einen Freund in Hildesheim besucht, der Beatmaker war. Zum Feiern sind wir nach Hannover gefahren und da traf ich dann Casper.

Casper: Ich war recht eng mit einer Gruppe aus Hildesheim verbandelt, die hieß "Kabelage". Die waren total dicke mit Spax aus Hannover. Bei einer dieser Jam-Sessions sind wir uns dann begegnet. Ich habe dir damals noch meine Demo-CD in die Hand gedrückt.

Marteria: Ich hatte nicht mal ein Demo! (lacht)

Wart ihr euch auf Anhieb sympathisch?

Marteria: Auf jeden Fall. Wir haben die Musik des anderen immer respektiert. Und irgendwie haben wir immer eine Verbundenheit gespürt. Ganz viel ist bei uns ähnlich gelaufen: Der Durchbruch kam bei uns beiden ungefähr zur gleichen Zeit. Und wir haben beide lange gekämpft, bis wir Erfolg hatten. Wir haben eigentlich jeden Rapper an uns vorbei gehen sehen - auch wenn er Stein auf Bein gereimt hat und der totale Volltrottel war, spielte der vor 600 Leuten und bei uns waren 40 …

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Casper: Man kannte die Sorgen, Ängste und Probleme des anderen, ohne dass man groß drüber reden musste.

Marteria: Es gibt keinen anderen Menschen, weder aus meiner Familie noch von meinen besten Freunden, der mein Leben so gut nachvollziehen kann.

Was habt ihr noch gemeinsam?

Marteria: Wir sind im selben Jahr geboren, wir haben beide in Las Vegas geheiratet.

Casper: Es geht jetzt nicht darum zu sagen: wir lieben beide die Farbe Blau. Wir sind schon ziemlich unterschiedliche Menschen. Aber wir haben, obwohl wir unterschiedliche Sozialisationen hatten, sehr viel gleich erlebt. Wir sind zum Beispiel auch beide immer auf das HipHop-Festival Splash gefahren.

Seid ihr auch beide voller "Adrenalin", wie es der gleichnamige Song auf eurem Album suggeriert?

Marteria: Ich bin schon eher der Typ Abenteurer, mich will keiner versichern …

Casper: Bei mir ist das live ganz krass. Ich habe super Lampenfieber vor jeder Show und das nervt mich selber utopisch. Ich kenne Bands, bei denen eine Minute vor der Show jeder in einem anderen Gespräch steht. Der eine raucht eine, der andere erzählt noch einen Witz. Bei uns gibt es das nicht, ich bin immer total angespannt.

Marteria: Das ist bei mir aber auch so. Zwei Stunden vorher nichts mehr essen, Songs durchgehen, auf Toilette gehen. Noch mal alle Lieder durchgehen, dann zusammenstehen und aufgeregt sein. Ich glaube, das ist auch gut so. Ich habe mir neuerdings angewöhnt, kurz bevor der Vorhang fällt, einmal tief einzuatmen und zu denken: "Wie geil". Wie geil, dass wir vor so vielen Menschen spielen können.

Casper: Wir spielen immer eine Runde Uno, wenn das Intro läuft. Das holt mich total runter.

Kriegt man so schnell eine Runde Uno durch?

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"Es gibt so eine Verinstagramisierung und Verklärung unseres Jobs", findet Casper. Aber nicht immer sei alles nur Fun.

Casper: Neulich beim Deichbrand war es superknapp. Aber das muss sein. Meine andere Adrenalin-Quelle: Ich bin dank Marten jetzt Achterbahnfahrer. Ich hatte mein Leben lang panische Angst davor, aber seit wir in Las Vegas zusammen gefahren sind, ist keine Achterbahn mehr sicher vor mir.

Marteria: Das war schlimm! Ich liebe das ja - für mich ist es das Schönste der Welt, mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug zu springen. Klar, hat man davor Schiss, aber es ist ein Mega-Gefühl, diese Angst zu überwinden. Ich hatte allerdings noch nie so viel Angst wie mit Casper und seinem Manager in der Achterbahn. Die beiden haben mich mit ihrer Panik dermaßen angesteckt, dass ich selber Bauchschmerzen bekommen habe. Aber: Hat sich ja gelohnt, dafür dass jetzt jede Achterbahn mitgenommen wird. (lacht)

Zurück zu eurer Platte: In Songs wie "Champion Sound" feiert ihr euch schamlos selbst. Muss das auch mal sein?

Casper: Ich finde schon. Ich werde komischerweise immer als dieser Typ wahrgenommen, der eine krasse Wahrhaftigkeit und Nachdenklichkeit ausstrahlt.

Marteria: Du bist doch in Wirklichkeit total lustig.

Casper: Das wissen aber ganz viele nicht. Dabei liebe ich es, einfach mal drauf los zu rappen. Diese Lockerheit steckt in dem Song.

Marteria: Es ist auch einfach geil, zwischendurch sowas zu machen. Zwischen Chief Keef und Lil John. Man muss auch mal den Mut haben, Quatsch zu machen. Diese Freiheit haben wir uns bei diesem Album genommen.

Casper: Wir haben superviel instinktiv gemacht, das Album hat aber trotzdem einen roten Faden.

Es erzählt eure Geschichte.

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Casper: Genau. In "1982 (Als ob's gestern war)" erzählen wir von unseren Werdegängen. Dann folgt mit "Champion Sound" kurz das Abgefeiere. "Omega" spielt ganz klar im Dorf damals. "Supernova" handelt von einem Abend, von dem man nicht möchte, dass er endet - so wie Heiligabend, wenn man nach Hause kommt, in den alten Club geht und alle sind da. Mit "Adrenalin" haben wir den Live-Moment eingefangen und "Willkommen in der Vorstadt" bildet einerseits die Vorstandenge ab, ist andererseits aber auch politisch.

In "Denk an dich" hingegen bekommt man das Gefühl, dass euer Leben manchmal auch sehr einsam sein kann.

Casper: Klar, es gibt so eine Verinstagramisierung und Verklärung unseres Jobs. Natürlich ist das der beste Job der Welt. Der, den ich mir immer erträumt habe. Aber egal, ob ich mir früher eine Tourdoku von Guns N' Roses angeguckt habe oder heute jemand eine von uns guckt: Darin sieht man halt nur den Fun. Genauso, wie man auf Instagram nur den Fun sieht. Ich poste ja nicht, wie ich am Schreibtisch sitze und mich an drei Zeilen abkrampfe, oder wie ich meine Steuererklärung machen muss.

Oder wie du abends alleine im Hotelzimmer sitzt.

Casper: Wie ich vier oder fünf Wochen unterwegs bin und meine Frau nicht sehen kann. Oder wie sich im Freundeskreis plötzlich seltsame Gefüge und Neid entwickeln. Ich hatte das vor ein paar Tagen erst mit einem Freund, der meinte: "Du hast leicht reden mit deinem Superstar-Leben". Dafür sieht er jeden Abend seine Frau und hat um 18 Uhr Feierabend. Feierabend gibt es bei mir seit zwölf Jahren nicht mehr. Klar ist das Jammern auf hohem Niveau - aber es ist eben manchmal auch schwer.

In "Absturz" geht es schließlich darum, sich genau danach zu sehnen: einem Absturz. Wann überkommt euch dieses Gefühl?

Marteria: Meine Strophe ist sehr autobiografisch. Seit meinem Nierenversagen trinke ich ja nicht mehr, weil mir meine Gesundheit einfach wichtiger ist. Aber manchmal sehne ich mich danach, mich einfach mal dem Bösen hinzugeben. Einfach auf alles zu scheißen, am nächsten Späti eine 1-Liter-Flasche Jägermeister oder Jackie zu kaufen, mich damit zu bekippen, mir eine Pille zu ballern und nach Barcelona zu fliegen. Theoretisch sofort möglich. (lacht) Ich weiß natürlich, das geht nicht, aber sehnen darf man sich danach.

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Casper: In meiner Strophe geht es darum, dass ich manchmal das Gefühl habe, vor ein paar Jahren war alles unbeschwerter. Wie geil es war, als wir alle pleite waren, durch die kleinen Clubs getingelt sind und in Wernigerode den geilsten Disco-Abend unseres Lebens hatten … Danach sehne ich mich manchmal.

Während ihr all diese Dinge, eure Leben und Werdegänge so ausführlich Revue passieren lassen habt, was habt ihr dabei über euch gelernt?

Casper: Ich habe gelernt und für mich mitgenommen, nicht mehr so viel zu hadern. Marten ist so ein krasser Instinkt-Mensch, der nicht groß nachdenkt. Wenn er Bock auf etwas hat, dann macht er es auch. Egal, wie weit, wie schwer oder wie teuer. Ich habe immer sofort im Hinterkopf, warum das eigentlich nicht gehen kann. Das ist eine Art, die ich in meiner Familie immer ganz schlimm fand, aber inzwischen selbst übernommen habe. Das will ich ändern.

Marteria: Das Ding ist ja, dass ein Mensch, der anders ist, viel bereichernder und interessanter ist als einer, der genauso ist. Wir haben, wie gesagt, eine Menge Gemeinsamkeiten, aber trotzdem sind wir sehr unterschiedlich. Dadurch lernt man Akzeptanz. Rücksicht nehmen. Ich bin Mecklenburger. Natürlich bin ich stur! Also das ist das Wichtigste, das ich im Hinblick auf die Zukunft gelernt habe: Akzeptanz.

Casper, du sagtest eingangs, dass ihr euch noch auf dem Höhepunkt eures Erfolges befindet. Glaubt ihr, dass er endlich ist?

Casper: Ich glaube, dass eine richtig gute Karriere nicht nur bergauf geht. Kiss haben in den Siebzigern vor leeren Hallen gespielt. Die Ärzte waren zwischendurch so zerstritten, dass die sich aufgelöst haben. Udo Lindenberg hat zehn Jahre lang von seinen Platten keine 2.000 Stück verkauft. Es geht halt bergauf und bergab. Und ganz ehrlich: Für mich ist das der bessere Film. Ich will lieber "The Wrestler" sehen, weil das eine Geschichte von Hinfallen und Aufstehen ist. Das ist spannender, als wenn jemand immer nur gewinnt und dann aufhört.

Marteria: Wir haben halt am Anfang nie gewonnen, dann irgendwann lief’s - mal sehen, wann der Absturz kommt. Aber das ist halt so in der Musik. Musik bewegt sich, Musik entwickelt sich. Alles andere wäre langweilig und traurig.

Mit Marteria und Casper sprach Nadine Wenzlick.

Quelle: n-tv.de

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