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Schöner leiden Warum Fontane die Frauen so gut versteht

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Die jüngste Effi Briest der Filmgeschichte: Julia Jentsch zeigte 2009 eine rebellische Effi.

(Foto: imago/Prod.DB)

Für drastische Liebesszenen ist Theodor Fontane nicht bekannt, doch seine düsteren Frauenschicksale treffen die Leser bis heute ins Herz. Zum 200. Geburtstag des Dichters schildert die Fontane-Kennerin Christine von Brühl, woher der große Seelenmagier sein intimes Wissen nahm.

n-tv.de: Deutschlands Beitrag zum Eheroman der Weltliteratur stammt aus der Feder von Theodor Fontane. Effi Briest steht auf einer Stufe mit Flauberts Emma Bovary und Tolstois Anna Karenina. Müssen es tragische Frauenschicksale sein?

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"Fontane ist kein Anhänger der Frauenbewegung, aber er konnte in Frauen hineinsehen": Christine von Brühl.

(Foto: Thomas Kierok)

Christine von Brühl: Bei Fontane geht es in der Tat häufig schlecht für die Frauen aus. Gleichzeitig hatte er damit schriftstellerisch Erfolg. Effi Briest kehrt nach unglücklicher Ehe ins Elternhaus zurück und stirbt. Das ist ein klarer Hinweis, dass eine geschiedene Frau am besten verschwindet.

Sie haben Fontanes Neigung zur leidenden Frau sogar in den Titel Ihres Buches genommen: "Meine Frauen haben alle einen Knacks weg", schreibt Fontane in einem Brief. "Darum sind sie mir lieb." Können Frauen schöner leiden?

Wenn ich dieses Zitat in meinen Lesungen bringe, dann müssen die Zuhörerinnen meist lächeln. Aber so richtig lustig finden Frauen das natürlich nicht. Die Ungerechtigkeiten, die Fontanes Heldinnen erleiden, treffen noch heute jede Frau ins Herz. Aber für mich liegt genau an dieser Stelle das Wunderbare an Fontane: Er konnte in Frauen hineinschauen zu einer Zeit, als niemand in Frauen hineinschauen konnte.

Finden Sie das wirklich so erstaunlich, dass ein Mann sich für Frauen interessiert?

Fontane lebte zu einer Zeit, in der Männer nie bei der Geburt ihrer Kinder dabei waren. Fontane schon. Das hat mich fasziniert. Ich wollte wissen, wie das Verhältnis zwischen Fontane und seiner Mutter war. Wie stand er zu seinen Schwestern? Seiner Frau? Seiner Tochter Martha?

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War Fontane ein Art früher Feminist?

Auf keinen Fall war Fontane ein Vertreter der Frauenbewegung. Er sah das Frauenwahlrecht sogar mit Skepsis, mindestens Gleichgültigkeit. Es gab Männer, die das Anliegen verstehen konnten, aber keine, die mitkämpften.

Die Romane von Flaubert und Tolstoi haben auch deshalb Furore gemacht, weil die Heldinnen jenseits einer bedrückenden Ehe ihrer Lust nachgingen. Auch bei Fontane spielt der Ehebruch eine wichtige Rolle, aber er geschieht zwischen zwei Kapiteln. Ist Fontane mit seinem vornehmen Verschweigen des Sexuellen eher ein Vertreter des verklemmten 19. Jahrhunderts?

Es gibt bei ihm gar keine Beschreibung der Liebesbegegnung. Geschweige denn, dass der Liebesakt geschildert würde. Da hält sich Fontane tatsächlich vornehm zurück. Man kriegt oft gar nicht mit, dass eine Annährung stattgefunden hat.

Aber fehlt da nicht etwas Wesentliches?

Für ältere Leser ist das doch gerade angenehm. Dass in dieser aufgeheizten, übererotisierten Zeit, in der wir leben, so ein Mann über Frauenthemen schreibt, ohne zu sagen: von welcher Seite kam wer und wie und wann und wie lange. Für Fontane-Leser ab 40 ist seine Art der Schilderung des Sexuellen sogar viel realistischer. Insofern würde ich sagen, Fontane ist nicht "modern", aber auch nicht das Gegenteil. Er hat seine ganz eigene Art. Und die bereitet seinen Lesern bis heute sehr viel Vergnügen. Fontane ist heute fast populärer als zu seinen Lebzeiten.

Eine erstaunliche Karriere, oder?

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Leidende Primadonna: Hanna Schygulla in Rainer Werner Fassbinders "Effi Briest" von 1974.

(Foto: imago/Prod.DB)

Absolut. Welcher zeitgenössische Autor kann sich schon damit schmücken, dass ein Roman von ihm fünf Mal verfilmt worden ist. Und zwar in Ost wie West. Und immer von Primadonnen der Zeit: Hannah Schygulla als Effi in der berühmten Fassbinder-Verfilmung, Angelika Domröse in der DDR-Inszenierung.

Fontane hat seine Romane als Mehrteiler gedacht und geschrieben, auch weil was es ihm mehr Geld brachte. Wäre er heute ein Netflix-Autor?

Womöglich, ja. Fontane hatte keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Lohnschreiben. Und seine Stoffe hat er danach ausgesucht, ob sie gut ankommen. Auch mit Vorabdruck und Folgen hat er gearbeitet. Er wäre wahrscheinlich ein erfolgreicher Serienschreiber geworden.

Fontanes Ehefrau befreien Sie sehr gründlich von dem Verdacht, eine griesgrämige Krämerseele zu sein. Eine, die nur darauf schaut, ob der Mann die Haushaltskasse füllt, während ihr seine Kunst völlig wurscht ist.

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Ruth Leuwerik als Effi Briest in der Fontane-Verfilmung von 1955.

(Foto: imago images / United Archives)

Fontane hat eine gute Ehe geführt. Zum Glück gibt es einen drei Bände dicken Ehebriefwechsel, der einen wachen und klugen Austausch zeigt. Umso interessanter, dass nirgendwo in seinen Romanen eine positiv besetzte Ehefrau auftaucht. Das gibt natürlich zu denken.

Wie wichtig war ihm seine Tochter?

Sie war ganz entscheidend. Martha hat ihn inspiriert, hat ihm beigebracht, die Frauen von A bis Z zu verstehen. An seiner Tochter konnte Fontane genau sehen, wie hoffnungslos der Lebensweg einer Frau im 19. Jahrhundert war.

Warum hoffnungslos?

Martha war blendend ausgebildet, sie sprach fließend Englisch, konnte Französisch, tanzen, Klavierspielen, sie hatte die besten Schulausbildung. Sie ist Lehrerin und Erzieherin geworden, das Beste, was Frauen damals beruflich erreichen konnten. Nun standen ihr zwei Wege offen: Glücklich in ihrem Beruf sein oder heiraten. Beides war Martha verwehrt. Und das war der Anfang vom Ende. Fontane hat das hautnah miterlebt.

Was genau fehlte Martha?

Sie litt an Melancholie, Unpässlichkeiten, kam wieder auf die Beine, kränkelte, war wohl auch zeitweise Alkoholikerin, fühlte sich unausgefüllt. Sie steckte mit all ihrem Können in einer Sackgasse und nahm sich im vorgerückten Alter mutmaßlich das Leben.

Interpretinnen lesen aus dem Lebensweg von Fontanes Lieblingstochter die Symptome von emotionalem und sexuellem Missbrauch.

Marthas Schicksal muss bedenklich stimmen. Und so gibt es in der Forschung den Inzest-Verdacht und die Frage: Wie eng war eigentlich das Verhältnis zwischen Fontane und seiner Tochter? Jede zweite Frauenfigur in Fontanes Werk geht zurück auf eine Begegnung mit Martha. In dem Roman "Frau Jenny Treibel" ist die Figur der Corinna ein Abbild von ihr.

Also hätte Fontane heute mit der MeToo-Bewegung oder sogar mit der Staatsanwaltschaft zu tun bekommen?

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Ein Happy End für Effi Briest? Zu Fontanes Zeiten undenkbar. Marianne Hoppe 1939 als Effi.

(Foto: imago stock&people)

Ich stehe dem skeptisch gegenüber. Wir wissen es einfach nicht. Sogar der Roman, den Martha geschrieben hat, ist verloren. Fontanes Tochter hat dann sehr spät doch noch geheiratet. Einen Witwer, der nur wenig jünger war als ihr Vater. Sie war dann schon zu alt, um noch Kinder zu kriegen. Ihren Vater überlebte sie, ihren Mann ebenfalls. Mit 52 stürzte sie vom Balkon der Villa, in der sie mit ihrem Mann gelebt hat und starb an den Folgen des Sturzes. Im Grunde geht es in Marthas Leben um Verzweiflung.

Sind die Ausweglosigkeiten, die Fontanes Frauen quälten, heute gelöst?

Wir haben es ganz weit gebracht: Frauen können heute selbstbestimmt arbeiten, leben und lieben. Wir leben in einer anderen Zeit und das spiegelt auch der jüngste Effi-Briest-Film von 2009 von Hermine Huntgeburth: Diese Effi Briest betrügt ihren Mann, wird Bibliothekarin und verlässt ihr Elternhaus mit wehendem Schal. Das wäre in Fontanes Zeit völlig undenkbar gewesen.

Mit Christine von Brühl sprach Barbara Mauersberg

Bis zu Fontanes Geburtstag am 30. Dezember finden noch Lesungen statt: Die Termine.

Quelle: n-tv.de

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