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Schmerzende, berührende Wahrheit Alexijewitsch schreibt Chronik der Zukunft

Tschernobyl

Menschliche Spuren in einem verstrahlten Ort in der Nähe von Tschernobyl.

(Foto: AP)

Swetlana Alexijewitsch erzählt Geschichte anhand der Geschehnisse des Alltags und berührt damit ihre Leser. 2015 erhält die weißrussische Schriftstellerin dafür den Literaturnobelpreis. Jetzt legt sie in ihrem wohl berühmtesten Werk mit neuen Passagen nach.

Alltagserzählungen einfacher Menschen werden in ihren Werken zu einem großen Stück Geschichte. Die in Weißrussland geborene Autorin Swetlana Alexijewitsch bezeichnet sich selbst immer wieder als "Menschenforscherin".  Und in der Tat gelingt es kaum jemandem so gekonnt, die unzähligen Stimmen der Menschen zu einem Ganzen zusammenzusetzen, wie der Journalistin und Autorin. Die Jury von Stockholm sprach einst von einem "vielstimmigen Werk". In ihren Büchern werde "dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal gesetzt". 2015 erhält Alexijewitsch dafür den Literaturnobelpreis.

Schon 1983 beweist die Autorin mit ihrem Erstlingswerk, dass ihre Geschichten ein Zeugnis der Zeit bilden. In "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" sammelt sie die Stimmen unzähliger Frauen, die für die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg kämpften. Am Ende montiert Alexijewitsch die Interviews der einzelnen Kapitel auch hier bereits zu einem stimmigen Gesamtwerk. In ihrem Schaffen bleibt die Schriftstellerin diesem Prinzip treu. Es findet sich in ihrem zuletzt erschienenen Buch "Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus" genauso wie bei ihrem wohl erfolgreichsten Werk: "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft". Letzteres hat der Suhrkamp-Verlag nun erneut herausgebracht, mit vier darin erstmals veröffentlichten Interviews.

"Hast du keine Angst vor mir?"

Die neuen Passagen sind Teil von Hunderten Gesprächen. Alexijewitsch unterhält sich für ihr Buch mit Soldaten, Medizinern, Wissenschaftlern und einfachen Bürgern über den bis heute größten Atomunfall der Geschichte: Tschernobyl 1986. Insgesamt rund 20 Jahre lang arbeitet die Autorin an diesem Werk. Alexijewitsch fährt selbst immer wieder zum Unglücksort und hört dort stundenlang den Menschen zu, die Zeugen dieses verheerenden Reaktorbrandes und seiner Folgen wurden.

Die vier neuen Kapitel stehen dabei in ihrer Unmittelbarkeit und Emotionalität den bisherigen Erzählungen nicht im Geringsten nach. Denn Alexijewitsch schafft mit ihren Büchern immer wieder eines: Den Leser mit einer schmerzlichen Wahrheit zu berühren. Es sind Stimmen wie die einer Ehefrau eines Liquidators, die eindrücklich und mächtig wirken. "Liquidatoren" so nennt man die Arbeiter, die den verstrahlten Müll nach der Katastrophe vom Dach des Reaktors entfernten. Die Ehefrau erzählt in ihrem Buch von ihrem Mann: "Eines Nachts hat er gefragt: 'Hast du keine Angst vor mir?'"

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An diesen Stellen rückt das Tschernobyl ganz nah an den Leser heran, in dem Ärzte plötzlich davor warnen einen geliebten Menschen zu berühren. Aus Ehemännern, Vätern und Kumpanen sind nun "verseuchte Objekte" geworden. Alexijewitsch spricht mit Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Kontexten und zeigt damit ein Bild von Wirklichkeit, das nicht schwarz oder weiß ist, sondern immer nur grau.

Teuflisches Tschernobyl-Laboratorium

In dem Vorwort ihres 372 Seiten starken Buches schreibt die Autorin, es sei eines ihrer persönlichsten Werke. Die Schriftstellerin, 1948 geboren, ist selbst in Weißrussland aufgewachsen. Solang sie sich erinnern kann, hat die ehemalige Sowjetrepublik kaum jemals eine große Rolle gespielt. Doch mit dem Reaktorunfall ändert sich alles. Über Alexijewitschs Heimatland wird plötzlich auf allen Kanälen berichtet. Denn der Großteil der radioaktiven Strahlung fällt auf Weißrussland nieder. Alexijewitsch, damals noch eine junge Frau, schreibt aus der Retroperspektive: Ihr Land habe sich damit in ein "teuflisches Tschernobyl-Laboratorium" verwandelt.

Bereits am ersten Tag nach dem Atomunglück - so schildert es Alexijewitsch heute -  wurde ihr erklärt, man dürfe die Blumen von den Wiesen nicht mehr pflücken. Die Erde galt als verstrahlt, das Quellwasser als verseucht. Dabei waren es noch die gleichen blühenden Gärten, die gleiche Sonne und die singenden Vögel, die Alexijewitsch aus ihrer Kindheit in Weißrussland kannte. In ihrem Buch gibt es unzählige dieser Schilderungen von einfachen Menschen, die versuchen sich ein neues Leben auf einer verstrahlten Erde aufzubauen.

Alexijewitsch selbst zieht später aus ihrem Heimatland weg und verbringt lange Zeit ihres Lebens in Italien, Frankreich und Deutschland. Mittlerweile ist sie nach Weißrussland zurückgekehrt und lebt wieder in Minsk. Zur traurigen Wahrheit dort gehört auch, dass ihr beeindruckendes Werk "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft" in Weißrussland noch immer verboten ist.

Quelle: n-tv.de

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